Digitale Transformation und Lean Manufacturing

Nordex Lean Manufacturing

Die digitale Transformation in Wirtschaftsunternehmen einerseits und das Prinzip des Lean Manufacturing andererseits sind nur auf den ersten Blick zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe. Tatsächlich sollte man sie heute zusammen denken, beide Bereiche können einander Impulse liefern und sich gegenseitig voranbringen.

Lean Manufacturing, also die „schlanke Produktion“, geht ursprünglich auf den japanischen Autohersteller Toyota zurück. Das Konzept wurde in den ersten Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg entwickelt und gelangte erst in den 1980er Jahren in den Fokus amerikanischer Management-Forscher, als die japanische Automobilindustrie sich anschickte, die großen drei US-Autobauer hinter sich zu lassen.

Der Begriff „Lean Manufacturing“ selbst wurde erstmals 1991 in der MIT-Studie „The Machine that changed the World“ eingeführt. Diese Studie ist heute noch als Buch erhältlich.

Die digitale Transformation trat später auf den Plan, denn dazu musste erst das Internet entwickelt und ausgebaut werden. Heute ermöglicht die weltweite Vernetzung über Unternehmens- und Ländergrenzen hinweg die vollständige Digitalisierung nicht nur der Produktion, sondern auch der Logistik bis zu Marketing und Vertrieb. Alle relevanten Aufgaben eines Unternehmens können heute digital unterstützt bzw. dargestellt werden und führen so auch wieder zum Lean Manufacturing zurück.

Doch steckt darin nicht ein Widerspruch? Das Kernprinzip des Lean Manufacturing ist dem Wesen nach nicht digital, sondern analog. Es geht um die kontinuierliche Verbesserung der Produktivität, der Produktqualität und der Flexibilität der Produktion. Verschwendung soll vermieden bzw. eliminiert werden. Um die Ziele des Lean Manufacturing zu erreichen bedarf es auf den ersten Blick keiner digitalisierter Prozesse.

Eine solche Einstellung mag der Grund sein, warum nicht wenige Unternehmen der Industrie immer noch das Konzept von „Industrie 4.0“ zurückweisen: Warum viel Geld und Mühe in digitale Prozesse investieren, wenn man auch ohne diese mit hoher Qualität „lean“ produzieren und Produkte zeitgerecht und profitabel liefern kann?

Hinter dieser Haltung steckt nicht selten die Erfahrung, dass die Umrüstung der Unternehmen auf Computer (PC) lange Zeit keine messbaren Verbesserung der Produktivität oder Einsparungen beim Personal hervorbrachten. Im Gegenteil: Die Papierflut wurde immer größer!

Doch solche anekdotischen Erinnerungen dürften heute niemanden mehr ernsthaft in Frage stellen lassen, dass sich ein moderner Industriebetrieb nicht mehr ohne IT führen lässt. Der wahre Grund bei der Zurückhaltung in Bezug auf die digitale Transformation liegt möglicherweise in der Ahnung, dass diese – ganz ähnlich der Einführung der PC-Technologie – einen längeren und mühsamen Prozess darstellt, der jedem betroffenen Unternehmen einen erheblichen Lern- und Veränderungswillen abverlangt.

Genau an dieser Stelle aber besteht eine Brücke zum Lean Manufacturing. Denn gerade diese kann von der Digitalisierung in erheblichem Masse profitieren: Die Vernetzung von Maschinen liefert in erster Linie eine Menge Daten. Viel mehr, als man mit den bisherigen Methoden in Excel-Tabellen und Datenbanken gepflegt hat. Darin aber liegen erhebliche Potenziale zur Steigerung der Effizienz, weil die Analyse großer Datenpools Hinweise auf Verbesserungsmöglichkeiten bzw. Einsparpotenziale offenlegt, es sei beim Materialeinsatz oder der Auslastung von Maschinen. Ohne „Big Data“ würden diese Potenziale nicht sichtbar werden.

Die digitale Transformation unterstützt also das Lean Manufacturing und kann letzteres auf ein deutlich höheres Level führen, wenn beide Techniken zusammen gedacht und praktiziert werden. Dabei können digitale Prozesse zudem häufig noch stark fragmentierte Arbeitsschritte und Medienbrüche überwinden helfen. Damit verbessert sich der Blick auf das Gesamtgeschehen, anstatt nur Teilbereiche isoliert zu optimieren, während Schnittstellen außer Betracht bleiben.

Noch steht die Wettbewerbsfähigkeit nicht durchgehend digitalisierter Unternehmen nicht in Frage. Jedoch sollte das Internet in seiner langfristigen Wirkung nicht unterschätzt werden: Es schafft mehr und mehr Transparenz in Bezug auf Preise, Produktqualitäten und Verfügbarkeiten in einem weltweiten Maßstab.

Auch wenn in naher Zukunft, bedingt durch die Erfahrungen mit der Corona-Krise, Einkäufer wieder vermehrt auf standortnahe Lieferanten Wert legen sollten und Bestellungen im weit entfernt liegenden Asien kritisch betrachten und etwas zurückfahren, so dürfte für Preise und Preisverhandlungen weiterhin der Blick auf China und andere Länder eine große Rolle spielen. China ist und bleibt eine Referenz, an der man sich messen lassen muss.

Vorausschauend agierende Unternehmen werden deshalb sowohl das Lean Manufacturing als auch die digitale Transformation für sich zu nutzen wissen, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Die Kunst besteht im wohldosierten Einsatz von Veränderungsprozessen (Change), so dass das Unternehmen auf Kurs bleibt und niemand „über Bord“ geht.

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