Kreditkarten in Deutschland: Der späte Boom des Plastikgelds

Kreditkartenvergleich

Kreditkarten führten in Deutschland lange Zeit ein Schattendasein. Doch in den letzten Jahren hat sich das geändert: Obwohl wir längst schon per Smartphone bezahlen sollten, erlebt das Plastikgeld eine späte (und hoffentlich letzte) Blütezeit.

Kreditkarten sind derzeit schwer angesagt. Anders lässt sich nicht erklären, dass das bunte Plastikgeld mittlerweile sogar schon an Supermarktkassen erworben werden kann. Das Foto oben entstand Mitte Juli im schwäbischen Bad Saulgau und zeigt, dass man eine Mastercard nicht mehr nur bei einer Bank bekommt: Die Karten hängen im Regal direkt neben solchen für iTunes, Google Play und Microsoft Xbox.

Noch ein Indiz spricht für den Boom der Karten: Die auffällige Häufung von Vergleichsseiten im Web, die bei der Auswahl der richtigen Kreditkarte behilflich sein wollen. Ganz selbstlos ist dieser Service nicht: Sehr viele dieser Angebote verlinken neben dem Konditionenvergleich praktischerweise direkt zu den entsprechenden Anbietern, so dass ein Kartenvertrag gleich online beantragt werden kann. Hier ein Beispiel.

Machen diese Vergleichsportale aus der Sicht des Konsumenten Sinn? Im Prinzip schon. Zwar gibt es nur drei verschiedene Karten (Mastercard, Visa und American Express), doch die Zahl der kartenausgebenden Stellen in Deutschland ist mittlerweile kaum noch zu überblicken. Neben den heimischen Banken haben sich eine ganze Reihe ausländischer Anbieter mit ihrem Kartengeschäft positioniert, flankiert von Startups im Finanzsektor wie Number26 (Berlin) oder der Fidor Bank (München). Abgerundet wird das Bild von bankenuntypischen Anbietern wie dem ADAC oder der Lufthansa.

Leider machen viele der Vergleichsseiten keine Angaben darüber, wie viele Karten jeweils verglichen werden. Es bleibt also unklar, ob man einen vollständigen Marktüberblick bekommt oder nur eine Auswahl. Immerhin fehlt es nicht an allgemein erklärenden Informationen rund um Kreditkarten.

Diese sind nicht zu unterschätzen, denn bei den Karten selbst gab es in den letzten Jahren Veränderungen: Neben die klassische Charge-Karte, bei der meist einmal im Monat abgerechnet und ein Girokonto belastet wird, sind die Debit-Karte und die Prepaid-Karte getreten. Bei der Debit-Karte wird, analog zur EC-Karte, jede Transaktion sofort dem verbundenen Girokonto belastet. Prepaid-Karten dagegen funktionieren auch ohne Girokonto, weil sie mit Guthaben aufgeladen werden müssen.

Prepaid-Kreditkarte

Das Beispiel aus dem Supermarkt ist also eine Prepaid-Karte. Erkennbar wird das an den beiden (blauen) Varianten: Links die eigentliche Kreditkarte, rechts die Guthabenkarte zum Aufladen. Bei diesem Kartentyp ist jedoch Vorsicht angebracht: Speziell im Ausland verweigern immer noch viele Akzeptanzstellen diesen Kartentyp – egal mit wie viel Guthaben die Karte auch geladen sein mag.

Das verweist indirekt auf den eigentlichen Grund für den aktuellen Kreditkarten-Boom in Deutschland: Die Zahl der Akzeptanzstellen hat stark zugenommen, nicht zuletzt durch den E-Commerce im Web. Zudem nimmt vielfach die Neigung ab, größere Summen in bar bezahlen zu können. Die großen Hotelketten etwa erwarten geradezu eine Kreditkarte – selbst wenn man beispielsweise als Gast einer Veranstaltung das Zimmer gar nicht selbst bezahlen muss!

Bleibt die Frage, warum wir nicht schon längst mit unseren Smartphones bezahlen und die Kreditkarte zuhause lassen können. Apple Pay wäre eigentlich ein elegantes und wohl auch ziemlich sicheres Bezahlverfahren. Um speziell Apple Pay in Deutschland auf den Weg zu bringen, wurde im Juni diesen Jahres sogar eine Petition durchgeführt (adressiert an den Bankenverband, die Sparkassen-Organisation und Apple). Dass hier gerade mal rund 12.000 Unterschriften mobilisiert werden konnten, dürfte die Strategen bei Apple kaum ins Schwitzen bringen und zeigt den Stand der Dinge. Die Deutschen haben jetzt wohl erst mal die Kreditkarte für sich entdeckt, da kann sich Apple hierzulande ruhig noch Zeit lassen…