Apps wie Nomad List beschleunigen die Krise der alten Medien

Der Zeitungsverlag klassischer Prägung ist so gut wie tot, kaum einer wird den aktuellen Medienwandel langfristig überleben. Während das einst lukrative Geschäft mit Kleinanzeigen für die Verlage schon lange verloren ist, wandert nun allmählich auch der Content ab. Angebote wie Nomad List, Product Hunt oder auch Bucketlistly stehen für diesen Trend.

Kennen Sie Nomad List? Dabei handelt es sich um eine Startup-Idee, bei der Informationen für Freelancer bzw. „Solopreneure“ zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen in verschiedenen Städten dieser Welt gebündelt angeboten werden.

Diese Idee an sich ist hier nicht weiter von Bedeutung. Das Entscheidende ist vielmehr, dass es sich um „Content“ handelt. Was Nomad List aufbereitet, wäre früher in Artikelform in einer Zeitung oder Zeitschrift erschienen und vor 8 bis 10 Jahren vielleicht auf einem Blog.

Screenshot Nomad List

Heute jedoch denkt Pieter Levels (Niederlande), der Gründer von Nomad List, gar nicht mehr in klassischen Medienformaten, sondern entwickelt etwas Neues, Eigenständiges. Das mag damit zu tun haben, dass sein „Content“ im Wesentlichen aus Daten besteht, die sich ständig ändern können. Er wählte also ein Format, dessen Struktur nicht so einfach veralten kann, sondern möglichst immer aktuell bleibt. Die „Leser“ sind dabei Teil des Angebots, weil sie mithelfen, die Informationen  auf Nomad List up to date zu halten (Prinzip des Crowdsourcing).

Weil aber eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, müsste es neben Nomad List noch weitere Angebote geben, die in genau diese Richtung zielen. Tatsächlich gibt es sie.

Nehmen wir etwa Product Hunt. Das von Ryan Hoover gegründete Angebot liefert Informationen über neu gegründete Startups und entwickelt sich gerade in Richtung eines sozialen Netzwerkes. Auch hier steht eine bestimmte Art von Content im Mittelpunkt, der eine hohe Volatilität aufweist. Neue Startups kommen und gehen bekanntlich, so dass die Fluktuation geradezu ein Wesensbestandteil von Product Hunt werden musste.

Screenshot Product Hunt

Wie aber hat Ryan Hoover (USA) sein Angebot aufgebaut? Er hätte ein Blog aufsetzen und über Startups schreiben können, so wie das andere vor ihm schon gemacht haben. Aber offensichtlich reichte ihm das nicht, denn bei einem Blog muss immer selektiert werden worüber geschrieben wird und was unter den Tisch fällt. Bei Product Hunt muss keine Startup-Idee unter den Tisch fallen, denn hier werden täglich neu die Namen junger Unternehmen einem Voting unterzogen und in Form einer Hitparade aufgelistet dargestellt. Ähnlich wie bei Nomad List kommen Vorschläge und Votings aus dem Publikum, so dass die „Redaktion“ relativ wenig Arbeit hat.

Noch ein Beispiel gefällig? Bucketlistly fällt mir noch ein. Hier geht es um die kleinen und großen Lebensziele, ganz besonders um Reiseziele. Auch das ist eine Art von Content, der sich trefflich für die Urlaubs-Seiten einer Zeitung oder auch für ein Reiseblog eignen würde.

Screenshot Bucketlistly

Doch Pete Rojwongsuriya (Thailand), der Gründer von Bucketlistly, wählte eine Form, bei der die „Leser“ in den Mittelpunkt gestellt werden, weil sie ihre persönlichen Ziele vorstellen und darüber berichten können, ob und wie sie diese erreicht haben. Einmal mehr liefert die „Crowd“ den Inhalt (ganz oder teilweise), was das Angebot auf Anhieb aktuell und zugleich authentisch wirken lässt.

Natürlich sind alle drei hier vorgestellten Angebote noch ziemlich zarte Pflänzchen, die einen gestandenen Herausgeber oder Zeitungsredakteur wahrscheinlich nur wenig beeindrucken werden.

Ich sehe hier jedoch einen Trend, bei dem Content neu gedacht wird und der nicht nur die gute alte Zeitung weit hinter sich lässt, sondern auch das Format „Blog“ ziemlich alt aussehen lässt. Zudem haben diese drei Beispiele noch eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit: Durch die spezielle und sehr individuelle Aufbereitung ihrer Inhalte sind diese jungen Medien ziemlich gut davor geschützt, dass ihr Content kopiert und auf Dritt-Plattformen weiter verwertet wird.

Dazu verzichten Nomad List und Product Hunt von vornherein auf Texte in Artikelform, während diese bei Bucketlistly praktisch nur im Kontext der Plattform richtig zu verstehen sind. Aggregatoren oder die „Abschreiber“ der Huffington Post (oder anderer Anbieter) gehen so leer aus.

Nachdem den Zeitungen schon vor langer Zeit das lukrative und wichtige Geschäft mit Kleinanzeigen weitgehend abhanden gekommen ist, die Auflagen stetig weiter sinken und die Bezahl-Modelle für ihre Online-Angebote zwar greifen, aber nur relativ wenig Umsatz bringen, dürfte in den kommenden Jahren auch der eigentliche Content still und leise abwandern.

Eine neue Generation von Medienschaffenden sieht Content mit anderen, unvoreingenommenen Augen und schafft dafür etwas Neues – für ein neues Publikum. Diesem Trend zu folgen dürfte für Zeitungsverlage schwer werden, denn die jungen Kreativen arbeiten lieber selbständig oder in einem Startup-Team, als sich vor den Karren einer schwerfälligen und hierarchischen Organisation spannen zu lassen, in der die wenigsten Menschen überhaupt verstehen, was sie und wie sie etwas programmiert haben.

Noch bedienen die neuen Anbieter nur sehr spezielle Marktnischen und längst nicht alle arbeiten schon profitabel (die positive Ausnahme: Nomad List). Ihr Erfolg jedoch wird weitere Anbieter auf den Plan rufen, die sich allmählich auch an den Kerninhalten von Zeitungen oder erfolgreicher Blogs versuchen werden. Der klassische Zeitungsverlag ist damit dem Untergang geweiht, er kann nur noch für sein „altes“ Publikum weitermachen, so lange sich das finanziell halbwegs rechnet.