SEO oder Social Media? Auch Brian Solis kann sich mal irren

In einem Interview für das t3n-Magazin äußert sich Brian Solis skeptisch zu Suchmaschinen-Optimierung, Suchmaschinen-Marketing und auf Reichweite ausgerichtete Social-Media-Kampagnen. Doch damit liegt er leider falsch: Ein paar Statistiken reichen um ihn zu widerlegen.

Brian Solis ist ein anerkannter Social Media-Experte. Das schließt aber nicht aus, dass auch er mal über das Ziel hinaus schießt. Unlängst hat er dem t3n-Magazin ein Interview gegeben und darin folgende Aussage getroffen (das Interview ist noch nicht online, Zitat nach Gunnar Sohn):

„Der traditionelle digitale Kunde fällt eine Entscheidung indem er googelt. Er klickt auf ‚Suchen‘, bekommt Ergebnisse angezeigt und klickt sich von dort aus weiter. Der Connected Customer dagegen beginnt nicht mit Google, denn er will gar keine Website mehr besuchen…“

Im weiteren Verlauf kritisiert Brian Solis deshalb Unternehmen, die nach wie vor in Suchmaschinen-Optimierung, Suchmaschinen-Marketing oder auf Reichweite ausgerichtete Social-Media-Kampagnen investieren. Nun ist die Frage: Liegt er richtig mit seiner Ansicht?

Die erstaunlich hohe Reputation von Suchmaschinen

Die Agentur Edelman stellt jedes Jahr auf der Basis von Befragungen ein sog. „Trust Barometer“ zusammen. Aus dem lässt sich ablesen, dass Suchmaschinen auch noch im Jahr 2015 als Informationsquelle eine höhere Reputation genießen als Social Media.

Edelman Most Trusted Sources

Quelle: MarketingCharts.com

Nun mag Brian Solis zu dieser Grafik die Stirn runzeln und vielleicht einwenden, dass damit nicht wirklich der „Connected Customer“ abgebildet wird, den er im Interview vor Augen hatte. Dennoch bleibt die Feststellung, dass Suchmaschinen wie Google nicht vorschnell abgeschrieben werden sollten.

Die bemerkenswerte Renaissance des E-Mail-Marketing

Wer hätte gedacht, dass rund 20 Jahre nach der Erfindung des E-Mail-Marketing dieses Instrument eine neue Blütephase erleben würde? Und wie passt das zu Brian Solis Bild des „Connected Customer“, der vorwiegend auf Plattformen wie YouTube, Facebook oder Pinterest unterwegs sein soll?

DMA Brand Marketing for Consumers

Quelle: Econsultancy

Die Tabelle stammt aus dem „Customer Acquisition Barometer 2014“ der europäischen DMA (Direct Marketing Commission, London) und zeigt den erstaunlich hohen Stellenwert der guten alten E-Mail gegenüber älteren und neueren Methoden der Direktansprache. Nachdem E-Mails ihre Leser überwiegend auf Websites führen (und nicht auf Apps oder soziale Netzwerke verlinken), kann daraus geschlossen werden, dass auch der „Connected Customer“ ein paar Verhaltensweisen des „traditionellen digitalen Kunden“ noch nicht abgelegt hat.

Das leicht nachlassende Interesse an Facebook

Ein weiterer Schwachpunkt in der Argumentation von Brian Solis stellt die Tatsache dar, dass sich die jüngere Generation inzwischen weniger gern auf Facebook aufhält (sie bevorzugt WhatsApp und andere Messenger-Dienste) und dass auch unter den älteren Nutzern das passive Lesen anstelle der aktiven Partizipation zunimmt.

Globalwebindex Facebook Usage

Quelle: Analyticisms

Hier könnte man einwenden, dass wenn sich die Nutzer weniger aktiv auf Facebook zeigen, sie dafür mehr Zeit auf Netzwerken wie Instagram oder Pinterest verbringen. Dem könnte so sein. Dennoch sehe ich in der Entwicklung auf Facebook eher den Beleg dafür, dass der von Brian Solis propagierte „Connected Customer“ zwar gerne ein solcher wäre, in der Realität aber an den Beschränkungen sozialer Netzwerke scheitert.

Diese liefern eben nicht immer die gewünschten Informationen. Gute Erfahrungen kann man in Bezug auf Essen & Trinken, Ausgehen und Sightseeing erwarten. Doch jenseits dieser Bereiche wird es schnell dünn, sei es weil im eigenen Netzwerk gerade niemand über die gesuchten Informationen verfügt oder diese nicht gerne öffentlich geteilt werden (z. B. wenn es um Krankheiten, finanzielle Probleme, Beziehungsschwierigkeiten usw. geht).

SEO, Suchmaschinen und Websites bleiben wichtig

Deshalb lautet mein Fazit, dass Suchmaschinen-Optimierung (SEO) und klassische Websites weiterhin sehr wichtig bleiben werden. Das Konzept des „Connected Customer“ dagegen ist zwar schön und mag in einigen Branchen auch funktionieren, in anderen jedoch noch nicht. Für den Bereich der sehr sensiblen Informationen (was immer im Auge des Betrachters liegt), sind wir von guten und vertrauenswürdigen Social Media-Lösungen sogar noch sehr weit entfernt. Der digitale Konsument von heute ist deshalb immer noch häufiger auf Suchmaschinen und Websites unterwegs, als Brian Solis das gerne hätte.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hi Matthias, Solis hat im t3n-Interview den vernetzten Kunden nicht als Regelfall bezeichnet. Aber all das, was Du anfügst, widerspricht nicht den Thesen des Netz-Gurus. Schau Dir das Angebot der Unternehmen doch an. Da wird man häufig gezwungen, die klassische Website zu besuchen, die Hotline anzurufen oder via E-Mail zu kommunizieren, weil Präsenzen im Social Web in der Regel nur werblichen Zwecken dienen. Die Berührungspunkte von Firmen sind alles andere als vernetzt, da tut sich dann auch der vernetzte Kunde schwer. Auch das hat Solis zum Ausdruck gebracht. Man wird als Kunde gezwungen, aus seinen bevorzugten Umwelten im Social Web rauszugehen, um in die Silos der klassischen Unternehmenskommunikation einzutauchen.

  2. @Gunnar Sohn: Ich bezweifle schon im Grundsatz, dass der vernetzte Kunde von heute keine Websites mehr besuchen will, daher mein Artikel. Soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter sind gar nicht dafür gemacht, dass hier eine umfängliche Kommunikation zwischen Kunde und Unternehmen stattfindet. Das liegt nicht an den Unternehmen, sondern an der technischen Basis, die erst entsprechend weiterentwickelt werden müsste.