Infobitt oder die Hoffnung stirbt zuletzt

Infobitt Buergerjournalismus

Der Bürgerjournalismus war eine nette Idee im Social Web, nur leider hat er bis heute keine wirklich überzeugenden Beispiele hervorgebracht. Das freilich kann einen notorischen Optimisten wie Larry Sanger nicht daran hindern, mit Infobitt einen neuen Anlauf in diese Richtung zu unternehmen.

Larry Sanger war, wir erinnern uns vage, ein Mitbegründer der Wikipedia. Freilich hat er nicht lange an diesem Projekt mitgewirkt und sich später mit Jimmy Wales heillos zerstritten. Ein von ihm daraufhin lanciertes Weblexikon namens Citizendium, das besser als die Wikipedia werden sollte, ging sang- und klanglos unter.

Ebenso wird es seinem neuen Projekt Infobitt ergehen. Mit ihm soll einmal mehr der Bürgerjournalismus neu auf die Beine gestellt werden. Warum aber darüber schreiben, wenn ich dem Konzept ohnehin keine Perspektive beimesse?

Ich schreibe darüber weil es sich lohnt, die Gründe für das Scheitern des Bürgerjournalismus – egal auf welcher Plattform – zu verdeutlichen. Projekte dieser Art scheitern nicht an der Software oder der vermeintlicherweise fehlenden Kompetenz ihrer Initiatoren, sondern an einem grundsätzlichen Missverständnis: Dem Irrglauben nämlich, man könne mit moderner Software allein schon guten Journalismus praktizieren.

In einer Zeit, in der jeder etwas im Web publizieren kann und wo der nächste Artikel nur einen Mausklick entfernt ist, müsse sich der Bürgerjournalismus doch ganz von selbst entwickeln. So denken Menschen wie Larry Sanger und übersehen dabei, dass Journalismus in erster Linie etwas ganz anderes ist, das nichts mit Software, Content Management Systemen oder sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook zu tun hat.

Journalismus besteht ganz überspitzt gesagt darin, Quellen bzw. Orte neuer Nachrichten aufzusuchen. Das und nur das ist der Kern der Sache. Was später geschrieben, in ein Mikrofon gesprochen oder gefilmt und in alten oder neuen Medien verbreitet wird, folgt erst an zweiter Stelle. Ich schreibe das deshalb so pointiert, weil viele Protagonisten im Bereich der neuen Medien diesen Zusammenhang erstaunlicherweise überhaupt nicht sehen.

Wäre es anders, hätten die Blogger dieser Welt längst alle Nachrichten-Redaktionen klassischer Herkunft überflügelt bzw. abgelöst. Doch wer nur zuhause hinter einem PC (oder einem Mac-Rechner) sitzt, kann bestenfalls nur kommentieren, nicht aber umfassend recherchieren und schon gar nicht aus erster Hand berichten.

Genau das zeigt sich aktuell auf Infobitt: Wer stichprobenartig die dort gelisteten Nachrichten anklickt, wird häufig auf Artikel in traditionellen Medien wie der New York Times geführt. Das aber ist noch nicht einmal der Ansatz von Bürgerjournalismus, sondern allein die pure Verlinkung auf ein anderes Medium! Noch deutlicher könnte die Problematik gar nicht aufgezeigt werden.

Doch noch immer wollen viele das so nicht sehen. Ein Beispiel dafür ist Fred Wilson, der als Venture Capitalist arbeitet und für den, nach eigenen Aussagen, Twitter die Zeitungen ersetzt hat. Wie aber würde Twitter wohl aussehen, wenn es keine Journalisten mehr gäbe, die am Ort des Geschehens Informationen aufnehmen und daraus Nachrichten machten, die dann auf Twitter verlinkt werden können?

Der Bürgerjournalismus krankt strukturell daran, dass Bürger nicht die erforderliche Zeit oder die Ressourcen haben, jederzeit alles stehen und liegen zu lassen, um an einen Ort zu eilen, am dem gerade eine Nachrichtenlage entsteht (oder besser noch: Sich wie ein Korrespondent permanent dort aufzuhalten).

Deshalb mag Larry Sanger sich noch so viel Mühe mit seiner neuen Plattform namens Infobitt geben, sie wird nie zur ernsthaften Nachrichtenquelle aufsteigen. Der Bürgerjournalismus als Quelle für neue Nachrichten ist nur in wenigen Randbereichen des Nachrichtengeschäfts wirklich eine relevante Größe. Etwa wenn es um (kleinere) Vereine geht, deren Aktivitäten bequem in der Freizeit mitverfolgt werden können.

Daneben bleiben dem Bürgerjournalismus eigentlich nur noch Zufallstreffer, deren Berühmtester bekanntlich die Twittermeldung der Notwasserung eines Flugzeugs auf dem Hudson-River war. Janis Krums befand sich damals (im Januar 2009) auf einer der Fähren auf dem Hudson zwischen New Jersey und New York und machte ein Foto, das er via Twitpic mit seinem Tweet verband, der dann um die Welt ging.

Sein Handeln war nicht die Regel, sondern die (große) Ausnahme. Eine löbliche Ausnahme stellt auch das Engagement von Enno Lenze dar, der sich quasi in seiner Freizeit mit Krisengebieten (insbesondere Kurdistan) befasst und immer wieder direkt von dort berichtet und versucht, den Menschen dort zu helfen. Das brachte ihn zuletzt in die kuriose Lage, dass sein Bildmaterial aus dem Nord-Irak ungefragt von Medien wie Spiegel-Online oder N24 übernommen wurde, weil er, der Bürgerjournalist, gerade der Einzige war, der authentische und aktuelle Bilder liefern konnte!

Doch so wenig eine einzelne Schwalbe den Sommer herbeiführen kann, so wenig kann das Engagement eines Enno Lenze den Bürgerjournalismus als feste Größe etablieren. Deshalb wird Infobitt scheitern und Larry Sanger sich neuen Projekten zuwenden.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich denke auch, dass diese Art von Bürgerjournalismus nicht Einzug in die Kategorie des Qualitätsjournalismus halten wird, weil ein solcher „Journalist“ in den meisten Fällen keinen Zugang zu den Primärinformationen hat bzw. haben kann. Ausnahme sind die Zufälle, die einen Bürgerjournalisten an einem Ereignis teilhaben lassen. Fundierte Kommentare von „Bürgerjournalisten“ kann es geben, wenn derjenige oder diejenige über ein breites Hintergrundwissen zu einem speziellen Thema verfügt. Grosso modo werden das wohl Einzelfälle bleiben und im Allgemeinen keine Relevanz besitzen.

  2. Ich würde ihm ja gerne zustimmen, kann es aber nicht. Wann war er denn das letzte Mal in einer Zeitungsredaktion? In denen, die ich kenne, „kippen“ mehrheitlich die Redakteure die Texte in die Zeitung – oftmals aus Agenturmeldungen. Zeit für eigene Recherchen bleibt selten, weil auch zu we, den nige zu viel „schreiben“ müssen. Glücklich die, die Zeit und Raum für eigene Geschichten haben.
    Das macht viele Zeitungen auch immer austauschbarer. Und weil zu viele das so machen und die Inhalte von zu vielen Zeitungen zu gleich sind, können sich viele Leser des Eindrucks nicht erwehren, dass es hier eine zentrale Instanz gibt, die das alles steuert („Lügenpresse“). Dabei ist der Grund so einfach und durchschlagend – es ist der ökonomische Druck, den die Eigentümer und Geschäftsleitungen ungefiltert an die Mitarbeiter weitergeben.

  3. Hallo Herr Schwenk,
    sie erwähnung zwar in Ihrem Artikel „Der Bürgerjournalismus als Quelle für neue Nachrichten ist nur in wenigen Randbereichen des Nachrichtengeschäfts wirklich eine relevante Größe. Etwa wenn es um (kleinere) Vereine geht, deren Aktivitäten bequem in der Freizeit mitverfolgt werden können.“
    Insgesamt suggeriert der Artikel aber, dass es keine erfolgreichen Modelle von Bürgerjournalismus gibt. Aber das stimmt nicht: Es gibt eine Vielzahl an Verlagen, die seit Jahren erfolgreich mit Bürgern zusammen guten (Lokal-)Journalismus machen.

    Ein Beispiel: Die Regionalmedien Austria (https://www.regionalmedien.at/) betreibt ca. 130 lokale, kostenlose Wochenzeitungen in Österreich. Auf ihrer Webseite http://www.meinbezirk.at sind inzwischen über 250.000 Bürger angemeldet, die auch selbst lokale Inhalte mit beisteuern können. Inzwischen kommen zusätzlich zu den ca. 13.000 monatlichen Artikeln der Redaktion nochmal die gleiche Anzahl an sublokalen Inhalten von den Bürgern.

    Die Bürger schreiben dabei in der Tat nicht über die gleichen Themen wie die Redaktion – sie ergänzen thematische Lücken mit Nischeninhalten. Also nicht Politik, Kultur, Wirtschaft sondern Freizeit, Verein, Hobby. Durch ihre Tätigkeit beispielsweise im Sportverein oder bei der Feuerwehr sind sie nah dran am Geschehen vor Ort.
    In Ihrer Definition sind das damit genau die Leute, die vor Ort sind, aus erster Hand berichten und damit Inhalte produzieren, die wirklich einzigartig sind.
    Ob das dann wirklich alles Journalismus im engeren Sinne ist? Das darf jeder für sich selbst bewerten. Durch das Einladen der Bürger entsteht aber eine Form des Zusammenarbeitens der Redaktion und Bürger, die einzigartig ist: Auf Augenhöhe mit dem Leser.

    Dass das ganze kein Einzelfall ist zeigen weitere Beispiele wie der Lokalkompass von WVW/ORA (Funke Mediengruppe).

    Ich will damit auch nicht sagen, dass Bürgerjournalismus immer funktioniert. Es gibt aber sehr große Bereiche und „Nischen“, wo der normale Bürger etwas beitragen kann – und das trifft für das Lokale genauso zu wie für einige Special Interest Themen.

    Offenlegung: Ich bin einer der Gründer von Gogol Publishing. Bereits 2005 haben wir mit myheimat.de das erste große (und immer noch erfolgreiche) Projekt für lokalen Bürgerjournalismus initiiert. Inzwischen liefern wir als Software-Anbieter für viele Verlage ein Multikanal-Redaktionssystem, das insbesondere einen Schwerpunkt bei der Einbindung und Unterstützung von Autoren (auch Bürgerjournalisten) hat.

  4. Vielen Dank für die Kommentare und wertvollen Hinweise!

    @Nico-Bln: Mit meiner Kritik an Infobitt wollte ich nicht automatisch die Zeitungsredaktionen dieser Welt als „gut“ darstellen. Ich weiß, dass hier vieles im Argen liegt, nicht zuletzt weil der ökonomische Druck (wie von Ihnen treffend beschrieben) so hoch ist.

    @Matthias Möller: Vielen Dank für den Hinweis auf Gogol Publishing und die positiven Beispiele zum Bürgerjournalismus (speziell in Österreich). Damit kommt der Bürgerjournalismus weniger über das Social Web in Fahrt, als vielmehr über Verlage, die für ihre Zeitungen bzw. Anzeigenblätter Nischen-Content für wenig bis kein Geld gebrauchen können.