Gute Buchhändler, schlechte Kunden und das böse Internet

Buchhändler Kunden Internet

Nein, das ist keine Rezension zum Buch von Petra Hartlieb, „Meine wundervolle Buchhandlung“. Denn ich finde Buchhandlungen nicht mehr wundervoll, sondern zunehmend antiquiert. Der stationäre Buchhandel ist nicht mehr auf der Höhe der Zeit, tönt aber wie eine moralische Überinstanz, die uns Kunden diktieren will, wie wir Bücher zu kaufen haben.

Die Debatte ist ja nicht neu. Der Medienwandel und das Internet stellen die Buchbranche vor gewaltige Herausforderungen, auf die Handel, Verlage und nicht zuletzt auch Autoren Antworten finden müssen. Schwierige Anpassungsprozesse sind im Gange, bei denen nicht zuletzt viele Buchhändler allmählich mit dem Rücken zur Wand stehen, weil die Kunden wegbleiben.

Wir, die Kunden, kaufen zwar nach wie vor gedruckte Bücher in großen Mengen, nur tun wir das immer weniger im stationären Buchhandel und dafür immer häufiger online und dann meistens bei Amazon.

Petra Hartlieb findet dafür in einem Artikel beim Standard (Wien) harte Worte. Amazon ist für sie der „Feind“ aus dem Netz. Er wird „gespeist von der Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit der Menschen, die mit zwei, drei Klicks ihren Einkaufskorb füllen“.

Da ist sie, die moralische Instanz. Sie wirft uns Kunden Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit vor. Ein „guter“ Kunde im Sinne von Petra Hartlieb ist nicht bequem und gedankenlos, sondern kauft seine Bücher treu und brav beim stationären Händler vor Ort – auch wenn er ganz genau weiß, dass dieser den Wunschtitel gar nicht vorrätig hat und ihn erst bestellen muss. Dann geht man eben zwei mal hin, zum Bestellen und zum Abholen.

Rückendeckung erhält Petra Hartlieb vom Börsenverein des deutschen Buchhandels. Dort, in Frankfurt am Main, singt man jahrauf jahrab das Loblied auf eine Branche voll scheinbarer Harmonie. Den Friktionen des Medienwandels jedoch steht der Verband ziemlich ohnmächtig und einfallslos gegenüber, vertritt er doch (aus historischen Gründen) Verlage und Handel gleichermaßen. Als Diener zweier Herren sitzt der Börsenverein damit zwischen allen Stühlen, ganz zu Schweigen davon, dass er eigentlich auch noch die Innovatoren der Branche, also Startups, die das Buch und seine Verbreitung neu erfinden wollen, begleiten und fördern sollte.

Im Ergebnis bremst der Börsenverein den Wandel und stärkt die alten Strukturen. Damit aber fällt er seinen eigenen Mitgliedern in den Rücken, weil er unbequeme Wahrheiten nicht aussprechen darf.

Deutlich wird die Misere am Beispiel des ständig größer werdenden Sortiments: Die Zahl der Neuerscheinungen und auch die Backlist an lieferbaren Titeln wächst permanent, während gleichzeitig im Buchhandel noch Strukturen und Flächenkonzepte von vor 50 oder 60 Jahren das Bild prägen.

Während also die Verlage ihr Angebot ständig ausweiten und ausdifferenzieren, tritt der Handel auf der Stelle. Es fehlt an Ideen und mutigen Konzepten. Statt dessen wird die moralisch-verbale Keule eingesetzt: „Wer ausschließlich online kauft, steht bald vor verrammelten Läden in der Innenstadt. Und wer ausschließlich Monopolisten dafür nutzt, wird mittelfristig nur noch aus Mainstream auswählen können“, tönt Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels.

Ich finde es unredlich, wenn mir als Konsumenten Vorhaltungen gemacht werden und sogar mit Drohkulissen von verwaisten Innenstädten argumentiert wird. Nur am Rande: In der Zeit vor dem 20. Jahrhundert waren unsere Innenstädte auch nicht leer und öde, nur weil es keinen so ausgeprägten Einzelhandel wie heute gab.

Dazu kommt aus Konsumentensicht ein weiteres Argument: Immer mehr Buchempfehlungen erhalten wir online. Das Netz ist heute der Umschlagplatz schlechthin für Informationen aller Art und das gilt auch für Buchrezensionen bzw. Verlagsinformationen. Positiv formuliert: Das Netz ist geradezu prädestiniert dafür, das enorme Sortiment der Buchbranche übersichtlich zu präsentieren und zu diskutieren. Warum der Kunde dann nicht gleich auch online kaufen darf, sondern in althergebrachter Manier zum Buchhändler gehen soll, erschließt sich mir nicht.

Wenn es wenigstens möglich wäre, beim Buchhändler zu bestellen, zu bezahlen und sich das Buch dann per Post zustellen zu lassen! Wenn Amazon das kann, warum nicht auch der Buchhandel im Verbund mit seinen Großhändlern?

Aber so viel Fantasie darf man vom Buchhandel und seinem Verband offenbar nicht erwarten. Es soll wohl alles so bleiben, wie es im 20. Jahrhundert war. Darüber kann ich nur den Kopf schütteln und kaufe deshalb ohne schlechtes Gewissen weiterhin viele Bücher online. Daneben schaue ich auch bei interessanten Buchhandlungen vorbei und kaufe spontan was mir gefällt, wie etwa in Zürich bei Calligramme.

Jeder Mensch soll seinen eigenen Traum leben dürfen. Das gilt selbstverständlich auch für engagierte Buchhändler(innen). Nur sollten diese nicht aus ihrem persönlichen Traum (und dessen Sachzwängen) eine Verpflichtung für andere Menschen machen.