Warum Twitter keine Zeitung ersetzt (obwohl Fred Wilson das behauptet)

fred wilson leweb paris 2013

Auf der LeWeb Konferenz 2013 hat Fred Wilson einen vielbeachteten Vortrag gehalten. Leider zeigt sein Beispiel, wie unkritisch in der Technologie-Szene Trendaussagen aufgenommen werden. Selbst blanker Unsinn wie seine Behauptung, dass Twitter Zeitungen ersetzen könne, wird mit freundlichem Beifall bedacht.

Fred Wilson zählt heute zu den führenden Köpfen in der amerikanischen Startup-Szene, weil er als Venture Capitalist sehr früh in Unternehmen wie Twitter investiert hat. Inzwischen hat er damit ein Vermögen gemacht und verdient dafür Respekt. Er half Twitter zu finanzieren, als der Dienst weithin noch als belanglose Spielerei belächelt wurde.

Doch wenn er, wie jüngst in Paris auf der LeWeb Konferenz, Twitter als Beispiel dafür anführt, wie der technologische Wandel Märkte entbündelt („Unbundling„) und ganze Unternehmenszweige überflüssig macht, sollte man eigentlich mehr kritisches Feedback erwarten. Wörtlich sagte er:

„Twitter to me replaces the newspaper.“

Mit einer solchen Aussage begibt sich Fred Wilson auf sehr dünnes Eis. Denn ihm muss klar sein, dass ein Dienst wie Twitter zwar Schlagzeilen und knapp gehaltene Aussagen schnell und effizient verbreiten kann, nicht aber die hinter den Headlines stehenden Tätigkeiten wie Recherche und Redaktion mitliefert.

Was nützt die Schlagzeile, wenn damit keine Kontext-Information einhergeht? Nicht umsonst enthalten sehr viele Tweets Links auf weiterführende Medien (darunter viele klassische Medien, wie die FAZ schon 2011 erleichtert feststellte). Damit kann man durchaus die Behauptung aufstellen, dass nicht Twitter die Zeitungen ersetzt, sondern dass Zeitungen und andere Medienformate erst die Grundlage dafür schaffen, dass Dienste wie Twitter erfolgreich neue Meldungen verbreiten können.

Das oft zitierte Beispiel von Janis Krums, der im Januar 2009 als Erster von der Notwasserung eines Flugzeugs im Hudson River bei New York berichtete, ist bis heute nicht mehr als eine Ausnahme geblieben. Es sind eben nicht immer und überall Bürger-Journalisten zur Stelle, um wichtige Ereignisse aus erster Hand in Wort und Bild zu verbreiten.

So betrachtet fällt aber die gesamte Argumentation von Fred Wilson in sich zusammen. Denn als er davon sprach, dass Twitter für ihn die Zeitung ersetzen würde, tat er dies als Beleg für die These, dass im heutigen postindustriellen Zeitalter technologie-getriebene Netzwerke die klassischen, bürokratischen Strukturen bzw. Institutionen ersetzen könnten.

Das einzige Beispiel, das mir als Beleg für diese steile These einfällt, ist die Wikipedia. Hier hat tatsächlich ein Netzwerk von freien Autoren (freilich getragen und unterstützt von einer Stiftung) die Institution des lexikalischen Verlages überflüssig gemacht und verdrängt. Aber sonst? Unternehmen neuerer Art wie Amazon, Facebook, Google und natürlich auch Twitter sind genau so urkapitalistisch und hierarchisch strukturiert wie ihre Vorläufer aus dem Industrie-Zeitalter! Wäre es anders, würde Fred Wilson kaum sein Geld in Startups diesen Typs investieren…

Twitter wird also keine Zeitung ersetzen können und Fred Wilson täte gut daran, nicht länger solchen Unsinn zu verbreiten. Denn gerade Twitter muss daran gelegen sein, dass auch in Zukunft eine vielfältige und prosperierende Medienlandschaft existiert: Ohne sie gäbe es nicht mehr viel zu twittern.

Im Kern der Sache wird hier einmal mehr der Verteilungskampf um die Umsätze im Mediensektor sichtbar. Unternehmen neuen Typs wie Twitter (oder auch Facebook) möchten gerne ein ordentliches Stück aus diesem Kuchen für sich beanspruchen (nicht zuletzt seitdem sie an der Börse notiert sind), während die klassischen Medien am liebsten alles so belassen würden wie es bisher war. Ohne Veränderungen wird es aber nicht gehen. Die Vertreter der klassischen Medien müssen auf der Hut sein, denn wie unkritisch die Aussagen eines Fred Wilson in der Technologie-Szene aufgenommen werden, sollte zu denken geben.