Alle Jahre wieder: Die Ausbildungsplatzmisere

Ausbildungsplatzmisere

Jeden Sommer kochen die Medien dieses Thema hoch: Viele Unternehmen können Ausbildungsplätze nicht besetzen, insbesondere im Handwerk. Gleichzeitig bleiben viele Jugendliche schwer vermittelbar auf der Strecke. Die Ausbildungsplatzmisere ist ein deutsches Dauerthema, das seine tiefere Ursache in falschen Leitbildern der Medien haben dürfte.

Der Beruf des Handwerkers galt lange Zeit in Deutschland als solide und erstrebenswert. Heute scheint das nicht mehr der Fall zu sein, denn Jahr für Jahr fällt es den Unternehmen dieser Branche schwerer, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. Nicht besser sieht es in der Gastronomie aus. Spiegel Online hat ein paar Fakten und Meinungen zur Situation im Sommer 2013 zusammengestellt.

Demnach sind im August 2013 noch 146.000 Ausbildungsplätze unbesetzt, während gleichzeitig 200.000 junge Menschen noch einen solchen suchen (Zahlen der Arbeitsagenturen). Wie lässt sich die Diskrepanz erklären? Mit unterschiedlichen Vorstellungen über den Lohn sicher nur zum Teil. Fehlende oder dürftige Qualifikationen bei den Jugendlichen kommen der Sache vermutlich schon näher.

Ich sehe den Kern des Problems jedoch auf einer anderen, tiefer liegenden Ebene: Die Medien in Deutschland und insbesondere das Fernsehen vermitteln heute Werte und Vorbilder, die sich mit den Realitäten der Arbeitswelt nicht mehr decken. Wo etwa tauchen Handwerksberufe heute noch in Fernsehfilmen oder -serien auf? Oder anders gefragt: Welche Tätigkeiten bzw. Berufe werden im Fernsehen thematisiert und als attraktiv dargestellt?

In erster Linie dürften das Polizei-Kommissare und andere Kriminal-Ermittler sein, wenn man nach der Häufigkeit der Ausstrahlung dieser Formate geht. Für die Berufswahl wird man daraus jedoch nicht viel lernen können. Schlimmer noch wird es in Doku-Soaps (oder auch: Pseudo-Dokus), wo „Prominente“ wie Daniela Katzenberger oder das Ehepaar Geiss sich in ihrem doch so anstrengenden Alltagsleben von Kamerateams begleiten lassen. Dschungelcamps und Castingshows tun ein Übriges um ein Leben auf der Sonnenseite des Lebens zu propagieren, dessen Kontrast zur Lebensrealität der meisten Menschen in unserem Lande kaum größer sein könnte.

Wenn aber ganze Berufszweige wie etwa das Handwerk in der heutigen Film- und Fernsehwelt gar nicht mehr vorkommen, wie sollen junge Menschen diese dann attraktiv finden und für sich eine realistische Lebensperspektive entwickeln? Web-Plattformen wie YouTube oder Facebook wirken hier kaum als Korrektiv, ganz im Gegenteil: Denn hier sind es die Erlebnis- und Markenwelten von Unternehmen wie Red Bull oder Coca-Cola die den Ton angeben und einmal mehr die außergewöhnliche Einzelleistung (etwa im Sport) in den Vordergrund stellen und den „normalen Menschen“ in eine Statisten- und Zuschauerrolle drängen.

Ich selbst kann mich noch daran erinnern, in den späten 1970ern in Wim Thoelkes Fernseh-Sendung „Der große Preis“ den Glückspostboten Walter Spahrbier gesehen zu haben. Damals konnte noch ein einfacher Postbeamter als solcher im Fernsehen eine beachtliche Wirkung erzielen und mit seinem untadeligen Ruf und seiner Uneigennützigkeit die Ehre und den Anstand eines ganzen Berufszweiges unterstreichen.

Heute jedoch taugen die einfacheren Berufe allenfalls noch als Witzbesetzung im Fernsehen, wie etwa in „Hausmeister Krause„. Daneben dürfen sich gescheiterte Gastronomen von Restauranttestern wie Christian Rach auf die Sprünge helfen lassen. Ob das junge Menschen inspiriert, in diesem Berufszweig eine Ausbildung zu machen?

Die Ausbildungsplatzmisere fängt also in unseren Medien an (alten und neuen gleichermaßen). Denn diese inszenieren eine Art von Lebensrealität, die parallel zur immer größer werdenden gesellschaftlichen Kluft zwischen „oben“ und „unten“ den Stoff für positive Erzählungen fast nur noch am oberen Ende der Gesellschaft findet.

Da darf man sich nicht wundern, wenn junge Menschen heute Ausbildungsplätze nur noch insoweit interessant finden, sofern diese (tatsächlich oder vermeintlich) als Sprungbrett nach oben taugen. Das Handwerk jedoch verfügt in diesem Sinne über keine Anschlussfunktion an das obere Ende unserer Gesellschaft und wird vielleicht genau deshalb lieber gemieden.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Guter Artikel.Am Schluss unterschätzt er aber auch selbst die Aussichten im Handwerk, macht also den zuvor kritisierten Fehler.Denn wir sehen oft Handwerker finanziell besser dastehen als so manchen Hochschulabsolveneten.