Offtime: Eine App gegen die ständige Erreichbarkeit

offtime app gegen die ständige erreichbarkeit

Smartphones heute sind Segen und Fluch zugleich. Einerseits verbinden sie uns mit der Welt und sorgen für einen immer sprudelnden Strom an Neuigkeiten und Benachrichtigungen. Anderseits können die Flut an Informationen und die ständige Erreichbarkeit auch zur Belastung werden. Das Berliner Startup Offtime will hier Abhilfe schaffen – ausgerechnet mit einer App.

Um ehrlich zu sein: Mir persönlich gehen die vielen Benachrichtigungen auf meinen (beiden) Smartphones mittlerweile ziemlich auf die Nerven. Das ging schon so weit, dass ich die Facebook-App vom iPhone zeitweilig komplett deinstalliert habe, weil ich es einfach nicht schaffte, die Menge an Benachrichtigungen aus dieser App wirksam einzudämmen.

Jetzt steht mir Hilfe ins Haus und das nicht von Facebook, sondern von einem Berliner Startup: Offtime als Idee und Unternehmen entstand genau aus der Beobachtung heraus, dass uns auf unseren Smartphones inzwischen im Prinzip viel zu viele Meldungen bzw. Mitteilungen erreichen, so dass wir zwar ständig umfassend informiert sind, darüber jedoch Einbußen bei der Produktivität erleiden oder uns in der Freizeit nicht richtig erholen können.

Diese These mag nicht jedermanns Zustimmung finden, zumal man sich offensichtlich leicht behelfen kann: Jedes Smartphone kann auch mal stumm geschalten oder in den Flugmodus versetzt werden. Zudem lassen sich die Benachrichtigungen praktisch aller Apps in den Einstellungen relativ gut dosieren. Wozu also noch eine spezielle App?

Den vier Gründern von Offtime, Alexander Steinhart, Andreas Bernhard, Matthias Fellner und Michael Dettbarn fallen dazu eine ganze Menge an Gründen ein. Den Anfang macht die Evolutionsbiologie, der zufolge wir auf neue Informationen programmiert sind, weil diese (in der Steinzeit etwa) überlebenswichtig sein konnten. Im Zeitalter der E-Mail und von WhatsApp dagegen funktioniert zwar noch das Reizschema, die Wichtigkeit der Meldungen jedoch steht dazu in keinem rechten Verhältnis mehr.

Dazu kommen die geschickten Bemühungen von App- und Dienste-Anbietern, uns durch gezielt lancierte Benachrichtigungen immer wieder in den Bann ihrer Angebote zu ziehen. Sich dem diszipliniert zu widersetzen kann sehr viel Kraft kosten, zumal das Ab- bzw. Ausschalten des Gerätes nicht immer möglich ist: Viele Menschen müssen zu bestimmten Zeiten telefonisch oder per E-Mail erreichbar sein, zumindest für dringende Fälle.

Hier möchte die App von Offtime mit einem intelligenten Regelungs-Mechanismus ansetzen, mittels dessen bestimmte Meldungen zeitweilig unterdrückt (bzw. aufgeschoben) werden können, während andere Kanäle offen bleiben. Offtime soll aber noch sehr viel mehr leisten können. Ein sog. „Habit Lab“ wird dem Nutzer der App beim Umgang mit seinem Smartphone gewissermaßen über die Schulter schauen und ihm darauf aufbauend Vorschläge für einen produktiveren Umgang mit dem Gerät und seinen Anwendungen machen. Offtime soll also eine Art „Trainer“ werden, der dauerhafte Verhaltensänderungen bewirken kann.

Das ist ein durchaus ambitioniertes Ziel, das neugierig auf die App macht. Doch noch muss man sich etwas gedulden: In diesen Tagen hat das Startup sein wichtigstes Finanzierungsziel, die Fundingschwelle von 13.000,- Euro auf Startnext erreicht (bis zum 26.07.2013 kann noch weiter gespendet werden). Damit wird die App für Android-Geräte auf jeden Fall entwickelt. Eine Version für das iPhone soll zu einem späteren Zeitpunkt folgen.

Parallel dazu läuft eine Kooperation mit der Humboldt-Universität Berlin, die wissenschaftlich untermauern soll, dass Erholungsphasen und Auszeiten gut für Smartphone-Nutzer sind. Zudem will das Team von Offtime sein Geschäftsmodell erweitern und nicht nur die App für Endanwender bei Google Play bzw. in Apples App Store anbieten, sondern auch Lösungen für Unternehmen entwickeln.

In der Summe sind das eine Menge interessanter Ideen, zu deren Realisierung die jetzt gesicherten 13.000,- Euro sicher nicht reichen werden. Bleibt zu hoffen, dass die Gründer von Offtime sich selbst genügend kreative Auszeiten gönnen, etwa um Ideen zu erhalten, wie sie weiter auf sich aufmerksam machen und zusätzliche Finanzierungsquellen erschließen können. Ich selbst habe meinen Obolus auf Startnext entrichtet und warte auf die App, auf dass ich Facebook auf meinem iPhone wieder aktivieren kann.

Wer (schnell entschlossen) noch den exklusiven Vorab-Zugang zur Offtime-App erhalten möchte, kann ihn hier bekommen.