Wer wir sind und was wir wollen: Eine Rezension zum Buch von Philipp Riederle

Foto zum Buch von Philipp Riederle "Wer wir sind und was wir wollen"

Philipp Riederle ist ein Medienphänomen: Bekannt geworden mit einem Podcast, hält er heute Vorträge und bietet sogar Unternehmensberatung an. Daneben hat er gerade erst Abitur gemacht und ein Buch über seine Generation geschrieben, „Wer wir sind und was wir wollen“. Kann der junge Mann mit diesem Buch die digitale Kluft zwischen seiner und der älteren Generation verringern?

Das Buch ist eine positive Überraschung. Philipp Riederle gelingt es, darin die Perspektive einer Jugend zu vermitteln, die ganz selbstverständlich mit der neuen digitalen Medienwelt aufwächst, während gleichzeitig die Generation ihrer Eltern wie in einem anderen Zeitalter gefangen bleibt. An diese Eltern-Generation, die er „Digital Immigrants“ nennt, richtet sich sein Buch in erster Linie.

Locker und unverkrampft schildert Philipp, wie sich junge Menschen heute mühelos durch die Medienflut des World Wide Web bewegen, weil sie gelernt haben zu filtern und die richtigen Fragen zu stellen:

„Was ist relevant für mich? Womit will ich mich beschäftigen? Was ist es wirklich wert?“

Für ihn macht die Nutzung digitaler Medien und sozialer Netzwerke Sinn, weil sie intensivere Freundschaften, mehr Gespräche und mehr neue Erfahrungen ermöglicht, als ein Leben nach dem Modus der „Generation Fernsehen“, die brav darauf wartet, dass um 20:00 Uhr die Tagesschau beginnt. Doch nicht nur am Fernsehen und dessen linearen Programmschema übt Philipp Riederle Kritik, eine regelrechte Abrechnung vollzieht der junge Podcaster an den Radio-Programmen: Seine Generation hat offenbar gründlich die Schnauze voll von der Einweg-Kommunikation mit Inhalten, die sich überwiegend an ein immer älter werdendes Publikum richten.

Darüber hinaus darf sich auch die Automobil-Industrie Sorgen machen, denn in der Altersgruppe von Philipp Riederle hat das Auto als Statussymbol ausgesorgt, ein immer größer werdender Prozentsatz an jungen Erwachsenen macht gar keinen Führerschein mehr. Der Grund dafür:

„In öffentlichen Verkehrsmitteln hat man Zeit und Muße, sich auszutauschen, sich zu informieren und direkt so manche Aufgaben zu erledigen – mailen, shoppen, lesen, Überweisungen ausfüllen oder Papierkram abarbeiten.“

Freilich muss man nicht alle seine Aussagen für bare Münze nehmen, zumal er überwiegend von sich spricht und kaum statistische Belege anführt. Auch kleinere Widersprüche werden nicht aufgelöst, wenn er etwa ein Sendungsformat wie DSDS (Deutschland sucht den Superstar) kritisiert, dabei aber offen lässt, warum so viele seiner Altersgenossen Dieter Bohlen hinterher rennen und RTL eine Staffel nach der anderen von diesem fragwürdigen Format produzieren kann. Die Welt ist vielleicht doch ein bisschen weniger Schwarz-Weiß, wie uns Philipp Riederle weismachen möchte.

Interessant ist auch, dass in seinem Buch eine sehr wichtige Personengruppe nahezu unerwähnt bleibt: Die Generation der Startup-Gründer, die Dienste wie YouTube, Facebook oder Twitter überhaupt erst geschaffen haben. Für Jugendliche wie Philipp Riederle sind diese Dinge einfach da und die Story von Mark Zuckerberg kennt er nur deswegen genauer, weil er den Kinofilm, The Social Network, gesehen hat. Geradezu suspekt sind ihm die kreativen Freiberufler, die in Berliner Cafés wie dem St. Oberholz sitzen. Der Generation „Wir nennen es Arbeit“ kann er offenbar nichts abgewinnen, obschon diese die gleiche Technologie-Affinität besitzt wie er.

Ein Unterschied mag darin liegen, dass die Kreativen im St. Oberholz den Medienwandel aktiv erlebt haben, während für die Generation Y irgendwie alles schon da war. Beim Lesen des Buches erstaunte mich immer wieder, wie selbstverständlich junge Menschen heute Technologien nutzen, die es vor 7 oder 8 Jahren noch überhaupt nicht gab. Mehr noch: „Wer wir sind und was wir wollen“ als Buch bringt zum Ausdruck, wie stark sich die Digital Natives schon über die neuen Medien und ihre Vernetzungsmöglichkeiten definieren.

„Als Teilnehmer am digitalen Geschehen sind wir nicht mehr nur klassische Empfänger, sondern Sender und Empfänger, Macher und Zuschauer. Und wir sind alle mit denselben Möglichkeiten ausgestattet.“

Wegen solcher Sätze lohnt es sich, dieses Buch zu lesen. Dabei darf man dann auch darüber hinwegsehen, dass das Lektorat des Knaur Verlages es nicht geschafft hat, dem ehrgeizigen Autor die vielen Erwähnungen namhafter Experten auszureden, die dieser schön über den gesamten Text verteilt hat: Hannah Arendt, Jean-Paul Sartre, Neil Postman und natürlich Marshall McLuhan. Sie alle werden fachkundig zitiert, als ob ein Vertreter der Digital Immigrants und nicht ein Digital Native das Buch geschrieben hätte!

Dem Digital Native hätte besser zu Gesicht gestanden, wenn er weniger Name-Dropping und dafür ein bisschen mehr Crowdsourcing unter seinesgleichen betrieben hätte, um dem Buch und dessen Aussagen noch mehr Wirkungskraft und Glaubwürdigkeit mit auf den Weg zu geben.

Insgesamt aber hat Philipp Riederle mit seinen 18 Jahren ein wirklich gutes Buch geschrieben, das die Kluft der Generationen in Bezug auf unsere digitale Medienwelt verringern kann. Ich wünsche ihm viele Leser.