Verlage sitzen bald in der dritten Reihe: Medienkonsum im kontextbasierten Web

Nexus 7 by closari auf Flickr zum Medienkonsum im kontextbasierten Web

Wie oft am Tag greift der Zeitungsleser zur Zeitung? Und was ändert sich, wenn er statt der gedruckten Zeitung ein Tablet oder ein Smartphone zur Hand nimmt? Solche Überlegungen spielen bislang in der Debatte um die Nutzung digitaler Medien kaum eine Rolle. Stillschweigend wird davon ausgegangen, dass Zeitungen und Magazine in ihrer digitalen Form in ähnlicher Weise genutzt werden wie ihre gedruckten Vorläufer. Das muss nicht so bleiben: Der Medienkonsum im kontextbasierten Web könnte auch ganz anders aussehen.

Der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) hat gerade eine Studie veröffentlicht, bei der die Nutzung digitaler Medien auf dem iPad erhoben wurde. Interessanter als die Umfrageergebnisse ist das Design der Studie, welches ganz offensichtlich sehr darauf bedacht ist zu erheben, dass digitale Medien mehr oder weniger in gleicher Manier wie gedruckte Medien konsumiert werden. Die unterschwellige Botschaft: Es bleibt alles wie es ist!

Ich habe da große Zweifel, wenn ich auf die jüngsten Neuentwicklungen bei Apps für Smartphones und Tablets schaue. Dabei ist nämlich nicht mehr zu übersehen, dass digitale Assistenz-Systeme im Anmarsch sind. Diese könnten sich nicht nur als nützliche Helfer im Alltag bewähren, sondern sich so ganz nebenbei auch zum Gatekeeper klassischer Nachrichten entwickeln. Wer etwa eine Fahrt nach Stuttgart plant, könnte seinen digitalen Assistenten nicht nur nach dem Wetter dort und der Verkehrslage fragen, sondern gleich auch noch nach dem Baufortschritt bei Stuttgart 21 oder den jüngsten Diskussionen um Stefan Mappus.

Noch geben sich die neuen Helfer ganz pragmatisch, wie Werbespots von Apple oder Google zeigen (etwa mit Martin Scorsese zu Siri oder bei der neuen Google Voice Search). Harmlos geht es da um Termine, das Wetter, den Verkehr und allerlei Wissenswertes. Doch wenn die Apps diese Dinge schon relativ gut beherrschen, wäre es da nicht ein Leichtes, auch Fragen zur politischen Nachrichtenlage zu beantworten?

Dazu freilich bedarf es mehr als einer intelligenten Software. Die Anwender müssen ihr Verhalten umstellen, d. h. ihren Medienkonsum den neuen technischen Möglichkeiten anpassen. Hier stehen wir erst ganz am Anfang, so dass Prognosen noch kaum möglich sind. Klar ist nur, dass auf der Ebene der intelligenten Apps genau in diese Richtung gedacht wird: Winston etwa, eine App (für das iPhone) die sich noch im Closed Alpha Modus befindet, liefert seinem Anwender ein mündlich vorgetragenes „Briefing“ in Form einer Zusammenfassung aktueller Inhalte aus dessen Facebook-Timeline. Winston hält sich nicht lange mit der Uhrzeit und dem Wetter auf, sondern liefert im Kern eine individualisierte Nachrichten-Sendung. Das funktioniert noch mehr schlecht als recht, zeigt aber sehr deutlich eine Richtung auf, wie wir künftig Medieninhalte konsumieren könnten.

Was aber bedeutet das für Verlage? In erster Linie dürften sie im medialen Gefüge weiter nach hinten rutschen. Zwischen ihnen und den Lesern (oder Zuschauern bzw. Zuhörern) steht künftig nicht nur die Empfehlungs-Maschinerie sozialer Netzwerke wie Facebook oder Twitter, sondern es schieben sich auch noch die digitalen Assistenten dazwischen. Verlage sitzen künftig in der dritten Reihe!

Ob dagegen das Leistungsschutzrecht helfen wird? Vermutlich nicht. Bezahlschranken schon eher, aber die könnten auch dazu führen, dass der digitale Assistent sich eben bei anderen, kostenlosen Quellen bedient. Freemium wäre vielleicht eine Lösung. Dabei muss dann aber der Anwender aktiv werden, wenn er sicherstellen will, dass die für ihn wichtigen Nachrichtenquellen auch vom digitalen Assistenten erreicht werden können.

Verlage sollten dem entgegenkommen und vernünftige Preismodelle aufsetzen, die eine Abkehr von der heute noch üblichen Alles-oder-Nichts-Strategie darstellen. Bündellösungen mit 20, 30 oder 50 Artikeln pro Monat bzw. Ressort-Abos (alle Artikel eines Ressorts) wären dafür gut. Wenn dann noch speziell aufbereitete Meta-Daten mitgeliefert würden, die von den digitalen Assistenten leicht ausgewertet werden könnten, könnte alles gut werden.

Allerdings enthält mein letzter Absatz sehr viele Konjunktive. Noch setzt die Presse bekanntlich sehr stark darauf, ihr altes Geschäftsmodell möglichst 1:1 auf Smartphones und Tablets zu übertragen. Die Umfragewerte des VDZ suggerieren zudem, dass es gelingen könnte. Ich warne allerdings davor, die Anwender zu unterschätzen: Haben diese erst einmal alle ein Tablet zuhause, wird die anfängliche Begeisterung über die digitalen Ausgaben von Zeitungen und Magazinen rasch verfliegen und man wird ausprobieren, was so ein Tablet noch alles kann. Dann schlägt die Stunde für Siri, Google Voice Search, Winston und Co.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich kann nur alle vernunftbegabten Menschen dazu auffordern, die Smartphones und Tablets einfach zu ignorieren und sich dem LEBEN, den richtigen Leben zuzuwenden, den Lebewesen und ihnen begegnen.

    Alles eine Frage der Zeit – aber dieser „Retro-Trend“ wird kommen!

  2. @Offliner: Aber irgendwoher wird man ja auch noch Nachrichten beziehen wollen. Was schlagen Sie für den Medienkonsum der Zukunft vor? Die gedruckte Zeitung, ganz im Sinne des Retro-Trends?

  3. Man braucht sich doch nur die Ergebnisse der ARD/ZDF-Langzeitstudie zur Mediennutzung und -bewertung anschauen und es ist klar, wo der Weg hinführen wird. Das Internet hat Druckmedien in den jüngeren Altersklassen und in den fortschrittlicheren/intellektuelleren Sinusmilieus längst abgelöst. Müsste sich für ein Medium entschieden werden, würden gemäß der Studie selbst in der Gesamtbevölkerung schon 33% das Internet wählen (van Eimeren/Ridder in Media Perspektiven 1/2011). Unterstellt man dann noch einen Kohorteneffekt, d.h. in diesem Fall, dass der anerlernte Medien-Konsum auch in Zukunft so beibehalten wird, sieht die Zukunft für Verlage ziemlich düster aus.

    Ich teile aber ihre Ansicht Hr. Schwenk, dass Apps hier noch deutliche Fortschritte erzielen können – bin aber ebenso optimistisch eingestelt dass hier noch eine Menge Intelligenz Einzug halten wird.

    Den Kommentar von Offliner halte ich dagegen für einen Modetrend. Irgendwie scheint es momentan immer wieder eine Grupe von Menschen zu geben, die es für „hip“ hält eine Online-Auszeit zu nehmen. Dabei ist gerade diese strikte Trennung von „Online“ und „Offline“ imho genau das Problem. Nur weil etwas „Online“ abläuft, ist es doch nicht gleich weniger „real life“. Und wenn uns die moderne Kommunikation eine Vielzahl von Möglichkeiten bietet, das alltägliche Leben komfortabler zu gestalten, ist es meiner Ansicht nach Schmarrn, darauf zu verzichten.