Warum es gut ist, dass App.net sein Finanzierungsziel erreicht hat

Dalton Caldwell und App.net

Lange sah es nicht gut aus für Dalton Caldwell. Er hatte sich das ambitionierte Ziel gesteckt, 500.000 US-$ im Wege des Crowdfunding einzusammeln, um damit eine werbefreie Alternative zu Twitter zu entwickeln. Die Spenden flossen zwar, aber nur in mässigem Tempo. Noch eine Woche vor Fristablauf sah es ganz danach aus, als würde die halbe Million nicht erreicht.

Nun kann man Dalton doch noch gratulieren. Geschickt hat er sich die wachsende Unzufriedenheit mit Twitter unter Entwicklern und Anwendern zunutze gemacht und verspricht ihnen eine bessere Alternative: Werbefreiheit, vollständige Datenhoheit und reichlich Schnittstellen nach außen. Der Nachteil ist, dass man für einen Account bei App.net bezahlen muss. Der Preis liegt sogar ziemlich hoch: Aktuell steht er bei 50,- US-$ pro Jahr.

Skeptiker haben deshalb ihre Zweifel daran geäußert, dass App.net sich wirklich zu einer Alternative für Twitter entwickeln und auf breiter Ebene Akzeptanz finden könnte (so etwa MG Siegler und Luca Hammer). So berechtigt diese Kritik ist, es wird langsam Zeit, sie zu widerlegen. Das Social Web braucht Alternativen nicht nur zu Twitter, sondern auch zu Facebook. Dem heute vorherrschenden Geschäftsmodell der Werbefinanzierung bei vollständiger Aufgabe der Datenhoheit der Anwender gegenüber dem jeweiligen Anbieter muss etwas Anderes entgegen gestellt werden.

Dabei scheint mit App.net noch nicht der endgültige Durchbruch zu sein, sondern eher eine Art Wegmarke die signalisiert, dass Alternativen möglich sind. Vermutlich werden sich bei App.net nicht genügend Anwender registrieren, weil sie der Preis abschreckt. Denkbar ist aber auch, dass Dalton Caldwell in den nächsten Monaten sein Preismodell überdenkt und noch eine weitere, signifikant günstigere Einstiegsmöglichkeit schafft. Vorstellbar ist aber auch, dass man bei Twitter umdenkt und endlich werbefreie Bezahl-Accounts einführt. App.net könnte so auch zum Katalysator für Twitter werden.

Wer gegenüber Bezahl-Modellen grundsätzlich pessimistisch eingestellt ist, sollte sich Xing und LinkedIn vor Augen führen. Beide Dienste sind nicht gerade die Lieblinge der Tech-Medien, stehen dafür wirtschaftlich auf soliden Beinen. Finanziell betrachtet sind diese beiden Unternehmen längst dort, wo Twitter und Facebook erst noch hin wollen…

Und wer befürchtet, dass Dalton Caldwell das gleiche Schicksal wie die Gründer von Diaspora erleiden wird, sei beruhigt. Caldwell ist kein Anfänger in der Szene, sondern hat schon an mehreren Startup-Ideen maßgeblich mitgewirkt. Zudem wirkt er in Sachen Marketing offensiver und mutiger, wie etwa sein Rant gegenüber Mark Zuckerberg gezeigt hat.

Zu hoffen bleibt, dass in Deutschland auch die großen Medien über App.net berichten werden und so einem breiten Publikum bewusst machen, dass es interessante Alternativen zur reinen Werbefinanzierung bei Social Networks gibt. Im „Land der Ideen“ bzw. der großen Sensibilität beim Datenschutz hätte es App.net verdient, mehr als eine Randnotiz zu sein.