Social Mania

Sind wir eigentlich schon im Sommerloch 2011 oder bilde ich mir das nur ein? Zumindest entsteht bei mir dieser Eindruck, wenn ich auf die Nachrichtenlage zu Google+ schaue. Da wird erklärt und kommentiert, spekuliert und interpretiert, als gäbe es nichts Wichtigeres. Dabei läuft der sog. Field Test seit gerade mal gut einer Woche, offiziell ist das Produkt noch gar nicht auf dem Markt.

Aber was macht das schon? Bei t3n weiß man bereits, dass Facebook jetzt auf verlorenem Posten steht („10 Gründe, warum Google+ gegen Facebook gewinnt„), meine Berater-Kollegen können schon mit wertvollen Praxistipps aufwarten („7 Google Plus Tricks die Sie kennen sollten„) und Sascha Lobo erklärt auf Spiegel Online die ganz großen Zusammenhänge („Wem Google+ wirklich Konkurrenz macht„).

Wie es um Google+ wirklich steht, verdeutlicht eher eine Grafik die neulich Oliver Gassner weiter verbreitet hat:

Screenshot aus Google+

Und ganz aktuell muss Google selbst den Hype bremsen, wenn etwa der Product Manager von Google+ in einer schnell gedrehten Videobotschaft Unternehmen dazu auffordert, noch keine Firmenprofile anzulegen, weil die dafür angedachten Features erst zu einem späteren Zeitpunkt eingeführt werden.

Was ist das für ein Phänomen? Liegt es an Google(+) oder am Sommerloch? Ich denke, es ist etwas anderes: Social Mania.

In Zeiten des fortgeschrittenen Social Web geht es nicht mehr einfach um Partizipation, User Generated Content oder den Medienwandel. Wir sind längst weiter. Jetzt geht es um die vorderen Plätze in dieser neuen Medienlandschaft, um den nächsten Scoop und den Wettlauf in einem System, in dem jede Nachricht nicht einfach nur eine Botschaft ist, sondern das Vehikel für virale Effekte und damit auch für die Online-Reputation aller daran Beteiligten.

Die ersten Rankings zu Google+ sind ein bezeichnendes Symptom dafür: Man muss möglichst schon in der ersten Woche ganz vorne dabei sein. Deshalb auch sind viele Artikel zu Google+, zumindest in ihren Überschriften, so zugespitzt und wichtigtuerisch. Es geht um die Maximierung von Klickzahlen, Retweets, Facebook-Likes und natürlich auch schon um das „+1“ bei Google, von dem man nur eines sicher weiß: Viel hilft viel.

Leander Wattig bringt es da auf den Punkt, wenn er auf Facebook lakonisch vor den „Gefahren“ des Sommerurlaubs warnt:

Screenshot aus der Facebook-Timeline von Leander Wattig

Seine Aussage stimmt. Wer etwa urlaubsbedingt weniger twittert, bloggt, kommentiert und überhaupt partizipiert, fällt unweigerlich zurück in einem System, in dem mangels besserer Kriterien in der Summe immer Quantität vor Qualität kommt.

Das Social Web ist heute ein Hamsterrad, in dem weniger das wirklich Wichtige nach vorne dringt, sondern bestenfalls das Originelle. Schnelligkeit geht vor Tiefe. Zuspitzung vor Ausgewogenheit.

Auf der Mikroebene fängt es an: Dadurch, dass praktisch jede Botschaft im Social Web virales Potenzial besitzt, wird vielfach nicht mehr unbefangen publiziert, sondern von vornherein der virale Effekt einkalkuliert: Wie muss die Botschaft „geformt“ sein, damit sie möglichst viel Beachtung bekommt? Das beginnt schon bei den Fotos, die auf Instagram gepostet werden, und zieht sich über Status Updates auf Twitter bis hin zu journalistischen Texten und den Medien, in denen diese erscheinen.

Für immer weniger Teile dieses „Content“ gibt es Stammleser, weil die User im Social Web ständig wandern und mäandern. Die Aufmerksamkeit richtet sich mal hierhin, mal dorthin und häufig genug auf die teilweise spontan entstehenden Schwarmeffekte, weil beim Sharing ein Element das Gefallen eines Heavy-Users erlangen und damit die kritische Reichweiten-Hürde nehmen konnte.

Die Verführung beginnt also schon an der Basis, nicht zuletzt auch deshalb, weil hier – unausgesprochen – Bündniseffekte auftreten: Folgst Du mir, so folg ich dir, verlinkst du mich, so verlink ich dich.

Auf der Makroebene geht es schließlich nur noch um Mengeneffekte. Die Medienprofis im Social Web wissen, dass man die Wirkung von viralen Effekten oder Scoops zwar schlecht einplanen kann, dass aber jeder einzelne Beitrag, jedes Element, wie ein neues Los in der Lotterie wirkt: Wer viele Lose zieht, dessen Chancen auf einen Gewinn steigen. Im Social Web heisst das: Viel und regelmässig publizieren. Sich ständig im Gespräch halten. Permanent Präsenz demonstrieren. Möglichst breit partizipieren, dabei aber subtil gewichten und den eigenen Content bevorzugen.

Am besten ist es natürlich, wenn man sich dabei als Experte ausweisen kann. Mitmachen allein genügt nicht, denn nur die Experten sind meinungsbildend und profitieren (überproportional) von den Mengeneffekten.

Damit sind wir wieder bei den Artikeln und Rankings zu Google+. Auf mich wirkt vieles davon wie eine Karikatur, weil die Akteure im Grunde noch sehr wenig über das Social Network wissen, dafür aber die Mechanismen unserer neuen Medienlandschaft um so besser kennen und spüren, dass sie unter Zugzwang stehen. Das Hamsterrad ruft, der Klout-Score mahnt! Schöne neue Medienwelt, oder besser: Social Mania.