Der Amazon Kindle kommt! Und mit ihm neue Fragen.

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Nun kommt er also doch noch nach Deutschland: Der E-Book-Reader Amazon Kindle. Umständlich mutet nur die Lieferung aus den USA an. Denn wer das Gerät kaufen möchte, muss es im amerikanischen Onlinestore von Amazon bestellen und bei der Lieferung dann nachverzollen, d. h. Einfuhrumsatzsteuer bezahlen.

Hat das etwa damit zu tun, dass der Reader eine SIM-Karte des US-Providers AT&T enthält und darüber seine Inhalte bezieht? Bekanntlich konnte sich Amazon nicht mit Vodafone oder T-Online über ein Vertragsmodell für den deutschen Markt einigen. Das verwundert auch nicht, seit dem jetzt die Konditionen für den Kindle auf dem Tisch liegen.

Denn der Datenprovider spielt dabei überhaupt keine sichtbare Rolle mehr: Bezahlt wird die Anbindung ans Internet über den Gerätepreis einerseits und über den Erwerb einzelner Medien (E-Books, Zeitungen, Zeitschriften…) andererseits. Ein Datentarif ist nicht erforderlich, AT&T als „Lieferant“ bleibt völlig im Hintergrund. Einem solchen Modell mochten sich wohl die Platzhirsche des mobilen Internets hierzulande nicht unterordnen.

Das Beispiel könnte aber Schule machen, denn es ist für alle Beteiligten interessant (außer den besagten Providern):

  1. Amazon rechnet ab und hat damit die bestmögliche Einsicht in das Nutzungsverhalten seiner Kunden.
  2. Für die Anbieter von Inhalten entfällt bei diesem Distributionskanal eine Handelsstufe, so dass sie bei der Marge Spielraum gewinnen für den Kostenanteil der Datenübertragung zum Kunden.
  3. Der Endkunde hat keine laufenden Vertragsverpflichtungen und kauft Inhalte nur, wenn er dazu Lust hat. Die Kosten der „Belieferung“ sind für ihn unsichtbar und brauchen ihn auch nicht zu interessieren, was die Bequemlichkeit erhöht.

Was mit zu lesenden Inhalten funktioniert, sollte sich eigentlich auch auf den Bereich der Musik übertragen lassen. Denkbar ist, dass Apple seinen iPod Touch oder das für 2010 angekündigte Tablet-Gerät mit einer vergleichbaren Ausstattung versieht.

Auf diese Art lässt sich das Internet nutzen, ohne dass man einen laufenden Vertrag bei einem Provider benötigt, weil der entsprechende Kostenanteil in den Preis der Medien bzw. Applikationen einkalkuliert wird. Das ist gut für Inhalte, die einmalig heruntergeladen werden, wie etwa E-Books, und schlecht für Angebote, die auf ein Streaming angewiesen sind (teilweise Musik, aber auch Twitterclients oder Videokanäle).

Die Kardinalfrage freilich ist: Kann dieses Modell den Zeitungen helfen? Möglich ist das schon. Wer morgens am Frühstückstisch auf die unnachahmliche Haptik der Tageszeitung verzichten und dafür einen Reader in der Art des Kindle akzeptieren kann, mag als zahlender Kunde zu binden sein. Es sei denn, man entscheidet sich für das CrunchPad von Michael Arrington, schließt es an ein Drahtlosnetzwerk an und surft damit im Web…

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Eine der Fragen, die mit dem „Kindle-Import“ wieder neue Nahrung erhalten wird, ist die Frage, inwieweit das Lesegerät eine weitere „Bedrohung“ der klassischen Printmedien darstellt. Nicht wenige können sich dies durchaus vorstellen, wobei der Einsatz eines „Kindle“, z.B. im Schul- und Studienbereich sicherlich viele Vorteile verspricht.

  2. Ein interessanter Denkansatz (die Bezahlung der Datenübertragung über Amazon) – das war mir noch gar nicht so klar.

    Aber dieses Modell funktioniert doch nur vorübergehend – denn spätestens, wenn Nutzer flächendeckend mit mobilen Datenflats ausgestattet sind, dürfte dieses Modell doch überholt sein, oder?

  3. @Thies: Eine mobile Datenflat bezieht sich im Prinzip immer nur auf eine SIM-Karte und damit auf ein einzelnes Gerät. Nutze ich eine SIM mit Datenflat im Mobiltelefon, brauche ich für den E-Book-Reader eine zweite Karte (oder ich muss dauernd wechseln).

    Hier stehen wir auch an einem heiklen Punkt, nämlich der Diskussion um das sog. „Tethering“. Dabei wird ein Mobiltelefon mit Datenflat an ein anderes Gerät angeschlossen, so dass dieses dann Zugang zum Internet bekommt.

    Sowohl Vodafone als auch T-Online mögen das aber nicht. Sie unterbinden das Tethering vertraglich/technisch. Ihr Denkansatz: Für jedes Gerät einen eigenen Vertrag (und eine eigene SIM)!

  4. Okay, und wenn man das Nutzungsszenario „mobil“ und die laufende Tethering-Diskussion mal außer acht lässt, bleibt noch die Nutzung „zu Hause“, also in meinem eigenen WLAN-Netz; würde ich nicht spätestens hier doch für eine Datenübertragung zahlen, für die ich (theoretisch) auch meine eigene Flatrate einsetzen könnte?

  5. @Thies: Der Kindle nimmt in seiner aktuellen Version keine Rücksicht auf ein hauseigenes WLAN-Netz, er ist praktisch „blind“ dafür. Es könnte sogar der kuriose Fall eintreten, dass er kein Netz findet (weil seine Verbindung über Mobilfunk zu schwach ist), obwohl im Haus ein einwandfreies WLAN verfügbar wäre.

    Deshalb ist auch Deine Aussage richtig, dass hier für eine Datenübertragung Kosten anfallen. Du siehst sie nur nicht, weil sie immer schon in die Preise der kaufbaren Medien eingerechnet sind.