A Work in Progress? Das Internet-Manifest

flickr Text MichaelRiedel zum Internet-Manifest

Wir haben wieder mal ein neues Grundsatzpapier bekommen, das Internet-Manifest. Nach dem Heidelberger Appell und der Hamburger Erklärung nun also 17 Thesen aus dem Munde von 15 Internetexperten, Bloggern bzw. Netz-Aktivisten. Keine schlechte Idee im Prinzip, nur die Umsetzung kann nicht überzeugen.

Unglücklich gewählt ist bereits der Titel des Manifests, da er sein Thema viel weiter fasst, als es die Thesen dann ausführen. Denn im Kern geht es um den Journalismus in alten und neuen Medien. Dieser Fokus hätte bereits im Titel ausgedrückt werden müssen und nicht erst in dessen Unterzeile.

Dann fällt auf, dass das Manifest die Übertreibung als Stilmittel nutzt. In These 3 etwa wird unterstellt, die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt nutze Social Media in ihrem Alltag. Das ist eine recht steile Behauptung, die der Glaubwürdigkeit des Manifests nicht wirklich förderlich ist. In die gleiche Kerbe schlägt These 9, wonach das Internet der neue Ort für den politischen Diskurs sei. Auch das ist nicht gerade geschickt formuliert und kann von den Gegnern des Internets spielend widerlegt bzw. instrumentalisiert werden.

Ein dritter Kritikpunkt trifft die Machart des Manifests: Der exklusiven und illustren Autorenrunde fiel nämlich erst nach der Veröffentlichung ein, dass man die Thesen auch in ein Wiki stellen und mit der „Generation Wikipedia“ (These 17) diskutieren und „kollaborativ weiterentwickeln“ könnte. Prompt haben Scherzbolde den Text aus dem Wiki entfernt und durch banale Einlassungen ersetzt, was dann wiederum rückgängig gemacht werden musste.

Schließlich wäre da noch der Tonfall des Manifests. Reinhard Karger nennt ihn „verquast hochnäsig“ und hat damit recht. Müssen wir mit unseren Einsichten und Erkenntnissen immer so rechthaberisch daher kommen? Den Thesen hätte ein Tonfall gut getan, der einladend, neutral und stellenweise bewusst offen formuliert worden wäre. Denn das Internet ist noch keine abgeschlossene Sache: Im Grunde wissen wir nicht, was es uns für Entwicklungen im nächsten Jahrzehnt bringen und wie sich die Medienlandschaft damit dann darstellen wird. Mehr Demut im Manifest hätte deshalb vielleicht auch mehr Sympathie bringen können und damit helfen, Brücken zu schlagen.

Meine These vor diesem Hintergrund („Behauptung Nr. 18“):

Das Internet wird ständig weiterentwickelt. Dabei entstehen nicht nur laufend neue Inhalte, sondern auch neue Formen ihrer Darstellung und der Interaktion. Parallel dazu verändert und entwickelt sich die Nutzung des Internets durch die Menschen mit individuell unterschiedlicher Geschwindigkeit und Intensität. In diesem Sinne darf niemand daran gehindert werden, das Internet zu nutzen oder an seiner Weiterentwicklung mitzuwirken, ebenso wie niemand daran gehindert werden darf, auf dessen Gebrauch zu verzichten.

Interessant und lesenswert finde ich auch den Beitrag von Martin Recke (Fischmarkt), weil er einen Bezug zum Cluetrain-Manifesto herstellt. Sehr ausgewogen ist der Text von Kai Biermann auf Zeit Online, während das (schon vor gut sechs Wochen publizierte) Nichepaper Manifesto von Umair Haque einen reizvollen Kontrast darstellt.

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