Vorpommern im Medienwandel am Beispiel Nordkurier

Vorpommern, am nordöstlichsten Rand Deutschlands gelegen, ist eine schöne Gegend um Urlaub zu machen. Stefan Niggemeier jedoch war nicht auf Urlaub dort, sondern hat sich über die Lage der Zeitungen, insbesondere beim Nordkurier, informiert und dazu dann einen längeren Artikel für die FAZ (erschienen am 18. Juli 2009, Seite 44) geschrieben.

Zwei Dinge daran sind bemerkenswert:

  1. Die Schilderungen, wie Zeitungsverlage (als Organisationen gesehen) eine geradezu unglaubliche Mühe haben, sich den technischen Wandel im Laufe der Zeit zunutze zu machen. So gibt es beim Nordkurier (zumindest stellenweise) für die Journalisten keine Diensthandys. Notebooks für den mobilen Einsatz fehlen ebenfalls, weil das „Redaktionssystem“ damit nicht kompatibel ist. Noch Fragen?
  2. Der Tonfall von Stefan Niggemeier. Wer ihn als Blogger kennt, kann kaum glauben, dass er der Autor dieses Artikels ist, so sehr wird hier das hohe Lied des guten alten Qualitätsjournalismus gesungen, seine Wichtigkeit für die Demokratie unterstrichen und eine „starke Zeitung“ beschworen, fast so als gäbe es den Medienwandel und das Internet nicht.

Klar ist: Mecklenburg-Vorpommern ist ein von Schwierigkeiten gezeichnetes Bundesland. Es hat seit der deutschen Wiedervereinigung massiv an Einwohnern verloren (zwischen 1990 und 2004 allein 12,5 % oder 244.000 Personen; Quelle: Pdf der Uni Rostock). Die weiteren Perspektiven sind kaum besser, was insbesondere Vorpommern weiter hart treffen wird.

Vor diesem Hintergrund guten Journalismus zu praktizieren und parallel dazu den Medienwandel zu bewältigen, also sich für die Zukunft neu zu erfinden, ist alles andere als einfach. Lutz Schumacher, Geschäftsführer des Nordkurier, hat dies unlängst in einem viel beachteten Artikel auf Carta dargelegt.

Organisation 2.0

Beim Nordkurier kann und muss er jetzt zeigen, dass es künftig auch anders geht. In erster Linie ist dies ein Kultur- und Mentalitätswandel. Denn wenn Journalisten heute noch lieber „im stillen Kämmerlein“ sitzen, anstatt von draussen (vor Ort) zu berichten, läuft etwas falsch.

Der technische Fortschritt der letzten 10 bis 15 Jahre hätte eigentlich den Journalismus beflügeln müssen. Denn Mobiltelefone und Notebooks verhelfen ganz grundsätzlich betrachtet zu mehr Tempo und Produktivität. In vielen Branchen wurde dies erkannt und die Mitarbeiter des Aussendienstes entsprechend geschult und ausgerüstet.

Dass hier gerade Zeitungsverlage ein Defizit haben und dieser Entwicklung hinterher hängen, mag daran liegen, dass Informations-Technik und Prozesse bei ihnen lange einen zu geringen Stellenwert hatten. Das rächt sich heute, wo schon viele Blogger mobil im Internet unterwegs sind und virtuos von überall Fotos oder Texte ins Internet stellen. Die Amateure haben die Profis überholt.

Medienwandel

Kaum einer weiß das besser als Stefan Niggemeier, der völlig zu Recht einer der bedeutendsten Blogger hierzulande ist. Aber dennoch werden Blogs, das Internet und neue Medienformate in seinem Artikel für die FAZ mit keiner Silbe erwähnt. Wer hat ihm nur diese Reise nach Vorpommern bezahlt, dass er so printverhaftet schreibt?

Gibt es wirklich keine Alternative zur gedruckten Zeitung? Wie steht es um die Internet-Infrastruktur in Mecklenburg-Vorpommern? Was tun, wenn der schon sehr dünn besiedelte Raum immer weiter ausdünnt? Welche Perspektiven hat eine  gedruckte Zeitung in Vorpommern realistischerweise, egal wie gut sie gemacht ist?

Wäre das Fernsehen eine Alternative? In Oberschwaben ist die Schwäbische Zeitung ins Regionalfernsehen (Regio TV) eingestiegen. Ihr Programm ist u. a. in die Netze des Kabelfernsehens eingespeist und erreicht damit relativ viele Haushalte.

Für mich ist damit längst noch nicht ausgemacht, dass eine Region wie Vorpommern langfristig ohne guten Journalismus auskommen muss, nur weil vielleicht die gedruckte Zeitung dort nicht mehr läuft.

Mehr Neues wagen

In diesem Sinne sollte Lutz Schumacher ruhig noch stärker „out of the box“ denken und nicht zu sehr auf einen Stefan „Print“ Niggemeier hören: Denn dessen schön geschriebener Artikel ist leider einseitig, parteiisch und uninspiriert, aller Mühe und Vor-Ort-Recherche zum Trotz. Aber vielleicht lag es auch nur am Auftraggeber, denn in seinen Blogs kann er auch ganz anders…

Ergänzung: Der Artikel von Stefan Niggemeier ist jetzt auch online verfügbar.

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  1. Pingback: Vorpommern im Medienwandel — CARTA

  2. „Aber dennoch werden Blogs, das Internet und neue Medienformate in seinem Artikel für die FAZ mit keiner Silbe erwähnt.“ Nun, das könnte daran liegen, dass sie hier praktisch keine Rolle spielen. Breitbandnetze sind hier rarer als anderswo, der Mobilfunkempfang lückenhaft.

    Es geht aber gar nicht ums Papier. Wenn der „Nordkurier“ es schafft, guten Lokal-Journalismus im Internet zu finanzieren, ist das genauso gut (bzw. angesichts der hohen Kosten, die Zeitungen in die weit auseinanderliegenden Dörfer zu bringen, eine Chance, Geld zu sparen). Es geht in meinem Text nicht um die Frage, auf welchem Weg guter Journalismus verbreitet wird, sondern ob und wie er produziert und finanziert wird (und vor allem, was passiert, wenn er fehlt).

    Und Sie waren ernsthaft überrascht, dass ich „das hohe Lied des guten alten Qualitätsjournalismus gesungen“ und „seine Wichtigkeit für die Demokratie unterstrichen“ habe? Was tue ich denn jeden verdammten Tag?

    (Aber wenn Sie Beispiele kennen, wo es das Internet im Einzugsbereich des „Nordkurier“ geschafft hat, eine Alternative zur Tageszeitung hervorzubringen, die deren viel beschworene und selten erfüllte gesellschaftliche Aufgabe teilweise übernimmt, freue ich mich über entsprechende Tipps.)

  3. @Stefan Niggemeier: Vielen Dank für das Feedback. Mit den Tücken der Infrastruktur (Breitbandnetze, Mobilfunkempfang) kämpft bei weitem nicht nur der arme Nordosten Deutschlands. Im Raum Bodensee-Oberschwaben sind nur die Städte gut versorgt, den Dörfern fehlt nicht selten sowohl DSL auch auch jeglicher Mobilfunkempfang. So groß sind die Unterschiede also nicht…

    Beim Journalismus strikt zwischen seiner Erstellung („Produktion“) und Verbreitung zu trennen, halte ich für schwierig. Denn je nach Format (Zeitung, Internet, Rundfunk…) können die Prozesse und damit auch die Kosten erheblich variieren. Und wenn die klassische Zeitung ein Kostenproblem hat, muss sie eben mit neuen Formaten experimentieren, was der Nordkurier künftig tun wird. Diese Tatsache mit wenigstens einer Zeile in einen ganzseitigen Artikel der FAZ zu erwähnen hätte mir schon gut gefallen!

  4. Eine Zeile war drin und ist offenbar beim Kürzen in der Redaktion rausgefallen: „Seit einiger Zeit bastelt [Chefredakteur Michael Seidel] an einer neuen Online-Strategie der Zeitung – die Internetleute hat er in zwei kleinere Zimmer gleich rechts und links von seinem Büro geholt.“ Eine andere Zeile ist noch dringeblieben: „Durch die Sparmaßnahmen soll nun ein Spielraum entstehen, um neue Dinge auszuprobieren.“

    Auch die „neuen Formen“, mit denen der „Nordkurier“ angeblich experimentieren will, bin ich gespannt. Worin sie konkret bestehen, wollte mir die Zeitung leider nicht verraten. Wissen Sie mehr?

  5. @Matthias, gutes Posting!

    Ich hatte kürzlich das Vergnügen, an einer Podiumsdiskussion auf dem Symposium „Medienzukunft und regionale Zeitungen? Der lokale Raum in der digitalen und mobilen Medienwelt“ an der Hochschule der Medien in Stuttgart teilzunehmen. Auf dem Podium saßen Valdo Lehari (Präsident des Europäischen Zeitungsverbandes), Peter Boudgoust (Intendant des SWR), Rainer Wiesner (Geschäftsführer des Südkuriers), Dirk Nolde (Chef der Onlineredaktion der Berliner Morgenpost) und Matthias Schlecht (Verleger des Böblinger Boten). Ich wollte mir eigentlich den Loboschen Irokesenkamm föhnen, aber dazu reicht meine Haarpracht nicht mehr.

    Ich staunte jedenfalls nicht schlecht. Alle Beteiligten der Runde hatten verstanden, wo der Hase hinläuft. Sie haben längst begriffen, dass sie nicht Papierverkäufer sind, sondern Medienmacher. Vielleicht ist es eine süddeutsche Spezialität, aber ich hatte – anders als hier in Berlin oder gar in meiner mecklenburgischen Heimat – den Eindruck, dass man auch bei den Printmedien Kommunikation versucht.

    Du kennst ja meine Gebetsrolle, dass Lokalzeitungen von Placebloggern lernen können und sollten. Ich denke da ist man in BW auf einem besseren Weg als beim „Nordkurier“ oder bei der „Märkischen Oderzeitung“.

    Gruß vom Blogtrainer

    P.S. Von Bismarck stammt der Satz: „Wenn die Welt untergeht, gehe ich nach Mecklenburg. Dort geht die Welt 50 Jahre später unter“.

  6. @Stefan Niggemeier: Da liefern Sie uns ein interessantes Detail – die FAZ kürzt Ihnen ausgerechnet den Satz mit der Online-Strategie heraus. Das relativiert natürlich auch meine Kritik an Ihnen, ich hoffe Sie nehmen mir das ab.

    Zu den neuen Formen des Publizierens beim Nordkurier weiß ich derzeit auch nicht mehr als Sie. Ich hoffe aber, darüber hier oder auf Carta in nächster Zeit noch schreiben zu können (mehr Infos vorausgesetzt).

    @Karl-Heinz: Eine vorbildliche und treibende Kraft in Baden-Württemberg ist sicher der Daimler. Dass dieser Konzern anhaltend und mit Erfolg bloggt und twittert, konnte nicht verborgen bleiben und hat auch Einfluss auf die etablierten Medien. In der Politik sind es die Grünen, die das Thema „Web 2.0“ etwas voran bringen.

    Die Medien selbst waren hier schon immer relativ bürgernah, vielleicht weil es in Baden-Württemberg eine ausgeprägte Mittelschicht gab und gibt, die selbstbewusst die Lokalpolitik mitgestaltet und auch keine (oder nur wenig) Berührungsängste vor der Presse hat. Das kleinstädtisch „urbane“ Milieu mit seinen vielen Vereinen, Traditionen und einer Politik mit reichlich Geld in der Tasche für Hallenbäder, Umgehungsstraßen, Museen, Stadtkernsanierungen usw. ist seit Jahrzehnten ein interessantes Feld für Diskussionen und Einflussnahme.

  7. Mein lieber Scholli! Diese Thesen fordern Widerspruch heraus. Der olle Bismarck müsste im Grab rotieren, denn angesichts mancher Entwicklung in Mecklenburg und Vorpommern müsste ihm schwindelig werden. Nur will der Rest der Republik lieber anhaltend Klischees pflegen. Kleiner Test: Für welche Wirtschaftszweige steht MV? Ich würde mir gern die Zeit gönnen, erstmal auf die nichtsahnenden Antworten zu warten. Die habe ich aber nicht, weil ich gerade mal wieder an neuen redaktionellen Konzepten „bastele“. Deshalb der Abkürzung halber: Die Agrarwirtschaft und die maritime Wirtschaft (Werften, Reedereien etc), die den meisten Menschen (übrigens auch Volontären, die sich hier alljährlich zu Hunderten bewerben) einfallen, haben zwar immer noch eine große Bedeutung, liegen vom Arbeitsplatz-Besatz aber längst um Längen hinter der Tourismus-Wirtschaft (meiste 5- und 4-Sterne-Hotels auf einem Haufen bis zu modernsten Campingplätzen) und vor allem einer Gesundheitswirtschaft (von Reha und Wellness bis zu Biotech vom Feinsten), die inzwischen mit über 80 000 Beschäftigten beiden erstgenannten Branchen den Rang abläuft. Aber wer will das schon hören …

    @matthias: Danke für die Relativierung, was die infrastrukturellen Voraussetzungen angeht. Das Klischee vom „Tal der Ahnungslosen“ macht sich zwar immer gut – die Sachsen im Raum Dresden können da ein leidvolles Lied singen – aber bei genauerem Hinsehen geht’s anderen eben auch nicht besser. Was mir Hoffnung macht: Mehrere Mobilfunkanbieter experimentieren hierzulande mit freien terrestrischen Frequenzen, um Breitband-Verbindungen auf’s flache Land zu bringen.

    @niggemeier: Tja, die bösen Redaktionen… Ich könnte mich ja bedanken ob der vergleichsweise schonenden Behandlung im FAZ-Beitrag, aber das gehört sich nicht – und hätte wohl auch wieder ungeahnte Weiterungen… Doch selbst wenn der gestrichene Satz drin gestanden hätte, wäre er nicht korrekt gewesen. Nach meiner Erinnerung hatte ich (vielleicht zu) lang und breit erklärt, dass wir eben gerade den Weg weg gehen vom separatistischen Denken „hier Print – da online“. Die „zwei kleinen Zimmer gleich rechts und links“ von meinem Büro sind – auch das hatte ich gesagt – Interimslösungen, bis der Großraum den neuen Aufgaben entsprechend umgebaut ist. Und vor allem hatte ich erklärt, dass dies erstmals eine integrierte Multimedia-Redaktion ist, in der der Blattmacher Print zugleich Blattmacher Online ist. Dies alles momentan noch in einem Entwicklungsstadium und auf einer beinahe archaiischen technischen Plattform (auf der unsere „Contentmanager“ handgemeißelt eine erstaunlich webzweinullige Anmutung schaffen), die aber in Bälde einen Generationssprung machen wird. Wir implementieren derzeit als deutsche Erstanwender ein multimediales Redaktionssystem, in das unsere Gesellschafter über eine Million Euro investieren. Wir investieren in zeitgemäße Laptops für alle rund 100 Redakteure (was auch richtig Schotter kostet), die sind halt nur noch nicht alle da. Soviel zu den angeblich fehlenden Instrumenten.
    Und wir entwickeln neue Print-Formate (!), die künftig multi- und vor allem crossmedial verzahnt werden und sich dem „mitmachenden“ Leser öffnen müssen, weil wir erkannt haben, dass die Zeitung sich den neuen Mediennutzungsgewohnheiten anpassen muss. Ich möchte allerdings den Verlag sehen, der solche Formate vor der Zeit auf dem Marktplatz ausbreitet. Also mit Verlaub – wartet doch mal ein paar Monate ab.

    Und @Karl-Heinz Wenzlaff: Erstens ist die Schwäbische Zeitung einer unserer drei tapferen Gesellschafter, demgegenüber ich natürlich voll loyal bin. Aber ich erlaube mir, der These vom „auf einem besseren Weg“ zu widersprechen. Wenn die geneigten Blogger mal die Güte hätten, auf unsere Website zu schauen (http://www.nordkurier.de) oder auf eines unserer inzwischen fünf Webblogs, dann können wir gern substanziell weiter diskutieren – gern auch in diesen Blogs!
    Man mag das alles, was wir hier aus Bordmitteln an Innovation versuchen, natürlich für unzureichend und provinziell halten. Aber Häme und Sarkasmus verdienen nun weiß Gott andere Verlagssanierungsmethoden.
    Und by the way: Mich hat schon einigermaßen erstaunt, dass die große Qualitätszeitung, zumal im Feuilleton, sich offenbar nicht mal mehr Korrektoren leisten kann. Oder wurde der Artikel so heißt gestrickt, dass er unmittelbar vor Andruck ins Blatt musste, so dass keiner mehr drüberlesen konnte?

    Und noch eines, lieber Herr Niggemeier, lassen Sie mich sagen: Erprobtes journalistisches Arbeitsprinzip ist es, an den Anfang des journalistischen Schaffensprozesses das Formulieren von Thema und Absicht des Beitrags zu stellen. Das hatten Sie auch getan: Sie hatten sich avisiert (Ziffer 4 Pressekodex – Grenzen der Recherche) mit der Absicht, nicht nur, aber hauptsächlich am Beispiel des Nordkurier zu untersuchen, wie ostdeutsche Regionalverlage mehr oder eben weniger kreativ mit der Zeitungskrise im Besonderen und der Wirtschaftskrise im Allgemeinen umgehen. Daran gemessen hat der stilistisch gewiss wieder einmal vorzügliche Artikel allerdings das selbst gesetzte Thema verfehlt.

  8. @Michael Seidel: Dass Sie nicht glücklich sind mit meinem Artikel, damit muss ich leben. Die angedeutete Unterstellung aber, mich unter Vortäuschung falscher Tatsachen eingeschlichen zu haben beim „Nordkurier“ weise ich entschieden zurück. (In den Richtlinien zu Ziffer 4 des Pressekodex, die Sie zitieren, heißt es: „Journalisten geben sich grundsätzlich zu erkennen. Unwahre Angaben des recherchierenden Journalisten über seine Identität und darüber, welches Organ er vertritt, sind grundsätzlich mit dem Ansehen und der Funktion der Presse nicht vereinbar. Verdeckte Recherche ist im Einzelfall gerechtfertigt, wenn damit Informationen von besonderem öffentlichen Interesse beschafft werden, die auf andere Weise nicht zugänglich sind. …“).

    Schade, dass Sie meine Mail, mit denen ich mich bei Ihnen „avisiert“ habe, nur vage aus dem Kopf zitieren und nicht wörtlich. Wörtlich lautete sie:

    Sehr geehrter Herr Seidel,

    ich weiß nicht, ob Ihnen Herr Schumacher schon von meiner Anfrage erzählt hat: Ich möchte für die FAZ eine größere Reportage schreiben über die Frage, was Tageszeitungen noch leisten können und müssen. Aufhänger ist natürlich die Diskussion um die Honorare beim „Nordkurier“, aber das ist eigentlich nur Anlass, wesentlich grundsätzlicher an das Thema heranzugehen. Ich würde gerne vor Ort der Frage nachgehen, was eine Zeitung wie der „Nordkurier“ an Journalismus leisten kann, welche Änderungen notwendig sind, damit sie das auch in Zukunft kann – und was vielleicht auf der Strecke bleibt oder welche Alternativen es zur Tageszeitung als Ort gibt, an dem sich die Menschen auf regionaler und lokaler Ebene austauschen.

    Die Entscheidung, ob mein Artikel dieses selbst gesetzte Thema verfehlt hat, wie Sie meinen, überlasse ich gern dem unabhängigen Leser.

  9. @Michael Seidel:

    Ihre Gesellschafterstruktur ähnelt der unseres Ostbrandenburger Lokalblattes, der „Märkischen Oderzeitung“. Das ist bekannt. Ich habe zwanzig Jahre in Neubrandenburg gelebt, meine Eltern wohnen immer noch dort, und ich erlaube mir schon ein Urteil über die journalistische Qualität der früheren SED-Bezirkszeitungen „Freie Erde“ und „Neuer Tag“.

    Gerade weil ich mit einigen Ihrer Redakteure in Neubrandenburg die Schulbank gedrückt habe, tut es mir Leid sagen zu müssen, dass bei brisanten politischen und wirtschaftlichen Themen in Ihren Blättern (ich nehme da die Märkische Oderzeitung nicht aus) Hofberichtserstattung und Investoren-Hätscheln an der Tagesordnung sind.

    Zu Ihren Blogs: Die haben Sie sehr gut versteckt! Und zweitens sehr ungeschickt auf der Subdomain einer Fremdfirma (blog.de) gehostet. Weshalb laufen diese Blogs nicht auf Ihrer eigenen Domain nordkurier.de? Dann käme der Traffic künftig Ihrer kränkelnden Onlinepräsenz (weniger als 2.000 Besucher am Tag) und Ihren eigenen IVW-Zahlen zugute! Sie arbeiten im Moment für den Profit fremder Leute, nämlich für die Betreiber von blog.de (mokono GmbH Berlin). Oder gehört die mokono GmbH auch der Schwäbischen Zeitung? Dann würde ich es verstehen.

    Grüße aus Bernau nach Neubrandenburg

    Ihr Karl-Heinz Wenzlaff

  10. @Karl-Heinz: Wenn es beim Nordkurier so etwas wie „Hofberichterstattung“ und „Investoren-Hätscheln“ geben sollte, unterscheidet es sich nicht wesentlich vom Umgang der Schwäbischen Zeitung oder auch des Südkurier mit dem in ihrem Verbreitungsgebiet ansässigen Mittelstand.

    Einerseits fehlt auf der Ebene der Lokalpolitik die Kompetenz, Wirtschaftsunternehmen unterschiedlichster Branchen und Größen angemessen zu hinterfragen und andererseits haben auch die Unternehmen bisweilen mehr Macht, als der Zeitung lieb sein kann – sie sind wichtige Steuerzahler, Arbeitgeber und oft auch noch Auftraggeber für viele lokale Zulieferer (Handwerker, Dienstleister, Kleinindustrie). Das kann man nicht mit der gleichen Elle messen wie beim Handelsblatt oder der FAZ.

    Deiner Kritik an den Blogs muss ich dagegen voll zustimmen. Der Nordkurier sollte seine Blogs schnellstens auf die eigene Domain nehmen und sie zudem gut untereinander verlinken. Bei den Sammelblog-Hostern bin ich immer skeptisch was die Sichtbarkeit eines einzelnen Blogs in den Suchtreffern bei Suchmaschinen wie Google betrifft.

  11. @niggemeier: Naja, verehrter Kollege. Die Mail war das eine, unser Gesprächseinstieg das andere. Aber lassen wir das. „…der Frage nachgehen, was eine Zeitung … an Journalismus leisten kann, welche Veränderungen notwendig sind, damit sie das auch in Zukunft tun kann…und welche Alternativen es zur Tageszeitung als Ort gibt, an dem sich die Menschen auf regionaler und lokaler Ebene austauschen“. Ja eben. Und warum haben Sie das dann nicht getan? Deswegen bin ich enttäuscht. Aber damit kann ich nun wieder leben.

    @Karl-Heinz Wenzlaff
    Es steht Ihnen natürlich frei, die Arbeit unserer Redakteure zu beurteilen. Und gewiss findet sich auch in unserer Zeitung täglich Kritikwürdiges. Ich erlaube mir aber trotzdem, mich vor meine Redakteure zu stellen gegen ein solches Pauschalurteil. Und ich werde etwa unserem Wirtschaftsredakteur, der sehr fachkundig, hintergründig und teils investigativ komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge recherchiert und schreibt, gern die Einschätzung als „Investoren-Hätscheler“ übermitteln. Oder unserer Kulturredakteurin, die Kultur in einer Breite, Tiefgründigkeit, kritischen Distanz und sprachlichen Qualität und Kontinuität ins Blatt hebt, wie es wohl wenigen vergleichbaren Zeitungen gelingt. Und bei allem Verständnis für derzeit angespannte und besonders kritische und sensible Berufskollegen nicht nur in Neubrandenburg: Wer mit dem Finger auf andere zeigt, zeigt mit drei Fingern auf sich selbst…

    Zu den Blogs: Ach ja. Da hatte ich mir/uns nun schon die Brust aufgerissen mit dem Verweis, dass wir bislang unsere Web-Inhalte auf einer technisch sehr betagten Plattform handmeißeln – dies aber mit beachtlichem Erfolg – doch es ist immer noch nicht genug der Selbstkasteiung. Ja, wir müssen bis zum „Roll out“ unseres neuen Redaktionssystems die Blogs über einen technischen Bypass betreiben. Mein Gott, wir pirschen uns an die Neuzeit heran. Ich hätte es auch lieber heute als morgen. Aber haben Sie jemals ein komplexes System eingeführt? Das funktioniert nunmal nicht mit „Schalter umlegen“. Und was ist an dieser Kritik konstruktiv: Mimimim, die Blogs haben Sie aber gut versteckt, und auch noch ungeschickt auf ner fremden Plattform,mimimim. Wir sind ja alle ein bißchen hinterwäldlerisch, nicht wahr? Und bedürfen dringend der Belehrung von außen. Könnte mal einer den bloggenden Kollegen, die das, was da bisher läuft, zunächst in Eigeninitiative aus dem Boden gestampft, weithin in ihrer kargen Freizeit aus Enthusiasmus betrieben und nun zusehends in den regulären redaktionellen Alltag überführt haben, einfach mal ein Kompliment machen?!

  12. @Michael Seidel: Glauben Sie mir, auf Komplimente können Sie im Web lange warten. Nehmen Sie nur mal die Vodafone-Kampagne und die Diskussionen darüber in den Blogs. Da wird kein Blatt vor den Mund genommen!

    So gesehen kommt der Nordkurier sowohl hier als auch auf Carta noch recht gut weg… 😉

  13. „Für mich ist damit längst noch nicht ausgemacht, dass eine Region wie Vorpommern langfristig ohne guten Journalismus auskommen muss, nur weil vielleicht die gedruckte Zeitung dort nicht mehr läuft.“

    Das heißt im Umkehrschluss, dass die Zeitungen in Vorpommern guten Journalismus liefern? Das kann ich für den „Nordkurier“ nicht beurteilen, wohl aber für die „Ostsee-Zeitung“, den nördlichen Nachbarn des „NK“. Sie liefert schlechte journalistische Leistungen ab. Das betrifft die Greifswalder und Usedom-Redaktion. Die Grimmener Ausgabe lese ich nicht mehr. Sie war, als ich sie las, eine Zumutung.

    Im Niggemeier-Blog kommentierte ich die Qualitätsmängel der so:

    Ich mache den Redakteuren … den Vorwurf, PR als redaktionelle Leistung zu verkaufen, Langeweile zu verbreiten, Spekulationen und Lügen zu vervielfältigen und Märchen an die Leser weiterzugeben, die Leser für das alles zahlen zu lassen und dann auch noch zu behaupten, ein hochwertiges Produkt herzustellen.

  14. @Michael Seidel: Es ist in Ordnung, dass Sie sich vor Ihre Redakteure stellen. Ich bin auch kein Berufskollege, sondern jemand, bei dem regelmäßig Online-Redaktionen von Printmedien und Verlagen Rat einholen, wenn sie Ihre Internet-Angebot um Blogs erweitern. Nur deshalb saß ich neulich neben Ihren schwäbischen Gesellschaftern in der Hochschule der Medien in Stuttgart auf dem Podium.

    Zurück zu Ihren Blogs. Welches Ziel verfolgen Sie mit diesen Blogs? Ich unterstelle, dass Sie mehr beabsichtigen als nur trendy sein zu wollen. Wollen Sie etwa nicht mehr Leser für Ihr Onlineangebot gewinnen und behalten? Wollen Sie etwa nicht, dass sich die IVW-Zähler drehen?

    Technich sind Blogs keine Raketentechnik. Sie müssen auch nicht auf das nächste teure Redaktionssystem warten. Lassen Sie sich doch nicht von irgendwelchen Softwarehäusern ins Bockshorn jagen. Es gibt Onlineredaktionen, die deutlich größer sind als Ihre und die mit kostenloser Open-Source-Software Millionen Leser am Tag haben. Soviel Internetnutzer hat Ihr Einzugsgebiet nicht einmal. Wozu dann der Aufwand?

    „Richtig“ zu bloggen ist ein Personalentwicklungsthema. So, wie Sie nicht aus jedem „Freie Erde“-Redakteur einen „Nordkurier“-Redakteur machen konnten, werden Sie nicht aus jedem Online-Redakteur einen bloggenden Journalisten machen können. Ich kann Ihnen aber sicher dabei helfen, die richtigen Mitarbeiter auf den richtigen Weg zu bringen.

    Wenn Sie meinen Rat nicht möchten (ich könnte es nach diesen Worten verstehen), dann googeln Sie einmal nach Blog-Seminar, Blog-Training, Blog-Coaching, Blog-Workshop… Ich kann Ihnen gern jemanden empfehlen, der emotional weniger involviert ist.

  15. @Karl-Heinz Wenzlaff: Keine Ursache, ich sehe solche Dispute durchaus als produktiv an – wenn sie denn so konstruktiv wie hier laufen. Ich komme gern bei Gelegenheit auf Ihr Schulungs-Angebot zurück!
    Aber Sie können gewiss sein, dass wir nicht nur „trendy“ sein wollen. Im Gegentum: Erstens haben wir mit unserem Ur-Blog, dem NeubrandenBlog, zu seiner Entstehungszeit (im Vorfeld der Oberbürgermeister-Wahl im Vorjahr) eine Form von interaktiver Öffentlichkeit erreicht, die uns selbst umgehauen und in NB nunmehr dauerhaft für eine zusätzliche Öffentlichkeit gesorgt hat, die aus der Zeitung schöpft und sie zugleich bereichert. Aus der Taufe gehoben hatten das Blog einzelne web-affine Kollegen, die mangels einer webzweinulligen und damals sogar noch kostenpflichtigen Web-Präsenz quasi einen „Bypass“ gelegt hatten. Wie gesagt: Inzwischen ist das Hausphilosophie, die sich auch in Bälde technologisch niederschlagen wird. Deshalb keine Zwischenschritte mehr.
    Wir sind am Anfang eines ehrgeizigen Weges, noch lange nicht am Ziel (das wird man in diesem Metier ohnehin nie sein). Ich bin da voller Enthusiasmus.

  16. @lupe: Ihr Blog ist ein bemerkenswertes Zeitungs-Watch-Blog, mit dem Sie schonungslos Kritik üben. Bei aller Kritik fällt mir auf: Kann es sein, dass im Laufe der Zeit unsere Ansprüche als Leser gestiegen sind? Das soll die Zeitungen nicht entschuldigen, aber die im Lauf der Jahrzehnte gestiegene Medienvielfalt und ein Mehr an höheren Schulabschlüssen (bzw. steigende Akademikerquoten) schaffen eben auch ein kritischeres Publikum.

    @Karl-Heinz: Bitte nicht zu viel Werbung hier – sonst muss ich Kommentare auch mal löschen!

    @Michael Seidel: Sollten Sie tatsächlich Kunde von Karl-Heinz Wenzlaff werden, teilen Sie mir dies bitte mit, damit ich bei ihm Vermittlungsprovision einfordern kann. Sie wissen ja: Beim Geld sind wir Schwaben sehr pingelig und achten auf jeden Cent… 😉

  17. Guten Abend!

    Ich habe mir fest vorgenommen, dieses eine Mal nur zu lesen und nicht zu kommetieren.

    Soweit zu den guten Vorsätzen…

    Was soll nur aus den PrintMedien und den Redakeuren werden???

    Blogger? Twitterer? web x.x – Moderatoren?

    no way!

    Aber vielleicht contentneutrale Chronisten der jeweiligen Lage/Situation?

    Dann könnte man, die richtige Software (interessiert sich jemand hier wirklich dafür?) vorausgesetzt, etwas richtig Großes bewegen.

    Die Lage der Zeiungen im Osten und die gesamte Marktsituation zwingt die Tageszeitungen quasi zur Innovatation (den einen mehr, den anderen ein wenig weniger).

    Es wird sich viel Verändern in der nächsten, gar nicht so fernen Zeit.

  18. Unser Lokal-Willi alias Dr. Frank Wilhelm hat für die Journalistenzeitung in M-V „Kiek an!“ (02/08) einen Beitrag geschrieben, in dem er der Frage nachgeht, warum wir eigentlich bloggen. Das möchten wir unseren Freunden, Besuchern und Kritikern (auch hier nicht vorenthalten:

    http://obfuernb.blog.de/2008/06/10/warum-wir-das-gemacht-haben-4295705/

    Und damit unsere bloghostende Fremdfirma noch mehr Profit macht, verlinken wir natürlich dahin.

    @ Karl-Heinz Wenzlaff

    Sie haben keine Vorstellung davon, wie schwer es war (vor Chefredakteur Seidels Chef-Zeiten) überhaupt Worte wie Blog oder Forum im Haus laut auszusprechen. Das war Teufelszeug. Eine aktuellere Nachricht als Print ins Netz zu stellen ging gar nicht oder war „no go“ wie man Webzweinullig sagt.
    Alles was wir heute haben, ging nur mit Partisanen-Methoden und mit „geborgten Waffen“. Zitat des vorherigen Chefredakteurs Dr. Uzulis an Dr. Wilhelm: „Bloggen können sie in ihrer Freizeit, solange sie wollen.“ Frank hat’s getan und darf inzwischen auch in der Arbeitszeit (und natürlich immer noch in Urlaub und Freizeit. Das sind olle Kamellen. Aber allein in dieser Frage haben wir seit Amtsantritt von Seidel einen Quantenspring gemacht.

    @niggemeier:

    Ich finde es auch wirklich sehr schade, dass trotz eines sehr kollegialen Gesprächs an unserem kleinen Multimediadesk („Die kleine Büros rechts und links vom Chefredakteur“) kein Buchstabe über die vom Mut der Verzweiflung getragenen Bemühungen unseres aufrechten Nordkurier-Fähnleins („Flagge zeigen!“) Einzug in den F.A.Z. Beitrag fanden, sondern der einzige Satz mit Online-Bezug auch noch von der bösen Print-Redaktion vergessen wurde.

    Aber das kennen wir ja. Bei uns werden auch Verweise auf eigene Videos-, Bildergalerien oder andere multimediale Inhalte „vergessen“, weil Online noch zu oft weder in den Köpfen und schon gar nicht in den Redakteurs-Herzen angekommen ist. Und das ist kein technisches Problem.

    Ebenso wenig ein technisches Problem ist die Frage, wie journalistisch geplant und gearbeitet wird in Zeiten von Crossmedialität. Stand heute kenne ich keine (regionale) Tageszeitungsredaktion, die dies kontinuierlich tut. Da stehen wir mit unserem Mini-Multi-Media-Desk (2 Contentmanager, weil sie aus „irgendeinem rätselhaften“ 😉 Grund nicht mehr Redakteure heißen dürfen aber dennoch immer noch Journalisten sind.) schon ganz gut da, weil wir uns wenigstens im Tagesgeschäft und in Bezug auf unsere Homepage http://www.nordkurier.de per Zuruf perfekt verständigen.

    So. Und jetzt gehe ich mal für heute und morgen Zeitung planen und Web!

  19. @ Matthias: Ich weiß nicht, ob die Ansprüche der Leser gestiegen sind.
    (Ich habe jedenfalls „am eigenen Leibe“ festgestellt, dass in Redaktionen einer anderen Zeitung anders und deutlich besser gearbeitet wird als in der mir bekannten OZ-Redaktion. Insofern sind meine Ansprüche gestiegen.)
    Ich beobachte immer wieder, dass gegen einfachste journalistische Grundsätze verstoßen wird.

    Sollten die Ansprüche der Leser gestiegen sein, müssten die Medien mit besserer Qualität und neuen Angeboten zumindest nachziehen, eher noch den Ansprüchen voraus sein. Natürlich lesen eine Menge Leute die Zeitungen, die viel mehr Ahnung von dem Veröffentlichten haben als die Redakteure.
    (Das ist wahrscheinlich regelmäßig so und führt natürlich dazu, dass Fehler und Lügen als solche erkannt werden. Bloß gut, dass sich das nicht mehr alle Leser bieten lassen.)

    Ich wundere mich jedenfalls nicht, dass die von mir beobachtete Zeitung in elf Jahren jeden vierten Abonnenten eingebüßt hat. Darunter sind nicht nur Abgewanderte und Gestorbene, sondern auch Leute, die wissen, wie ein Fernsehgerät oder ein Radio eingeschaltet wird, um einen Tag früher zu hören und zu sehen, was am nächsten Tag im OZ-Mantel steht. Und dann sind da noch jene, die sich mittlerweile ihre Nachrichten im Internet zusammenstellen, ganz einfach, ohne dass es hochbezahlte Redakteure für sie tun müssen – individuelle Nachrichtenauswahl. Auch ich lasse mir nicht von Redakteuren vorschreiben, was mir wichtig zu sein und was mich nichts anzugehen hat.

    Gegenfrage: Warum sind die Redaktionen nicht in der Lage, diese fachkundigen Leser mit ihrem Wissen einzubinden? Ich meine nicht, dass im Nachhinein Leserbriefe veröffentlicht werden, die die Recherche ersetzen.
    Mitunter wird sogar das Angebot der kostenlosen Leser-Mitarbeit arrogant ausgeschlagen, wie ich dokumentierte (2. Hälfte des Eintrages):
    http://ostsee-zeitung-blog.blogspot.com/2008/12/vom-umgang-mit-leserbriefen_02.html

  20. @lupe: Zur Gegenfrage – die Antwort ist klar: Es geht um die Deutungshoheit. Diese zu teilen oder gänzlich abzugeben ist ein enormes Problem für die klassischen Medien (nicht nur Zeitungen).

  21. Pingback: »Lesenswertig« am 24. July 2009 | Denkwertig, der persönliche Blog von René Fischer

  22. Ein ganz anderes Problem ist stärker auf dem Vormarsch, als auf dem Schirm sein dürfte: „Mein Gott, wir pirschen uns an die Neuzeit heran“ von Hr. Seidel (22. 7. 2009 um 15:25:48) leitet es schon ein, und „[…] werden Sie nicht aus jedem Online-Redakteur einen bloggenden Journalisten machen können.[…]“ von Hr. Wenzlaff (22. 7. 2009 um 19:24:17) setzt es fort:
    Den jungen (Nachwuchs-)Journalisten, die digital natives sind und Talent und Ansätze mitbringen für das journalistische Geschäft, will die Verlagswirtschaft ja heute immer noch als „Online-Volontäre“ ausbilden. Und verkauft ein Online-Volontariat als die Zukunft. Da kann fast nur gesagt werden: total absurd.
    Mit den Themen, die ‚im Untergrund‘ schwelen (auch/gerade akademisch) und an denen bei größtenteils vorhandener Infrastruktur (das Netz wird mitsamt seiner Nutzung nicht komplett neu erfunden) die – nennen wir sie ‚Junge Garde‘ – tüftelt, setzen sich Verlage erst auseinander wenn die Ideen längst durchentwickelt sind, ein Start-Up sind ‚(das dann gekauft werden darf) oder die Ideen tot sind.
    Die Verlagswirtschaft wird bis zum Generationenwechsel zumindest hinterher sein. Da finde ich, kommt doch wieder ein wenig die Frage auf, ob der Journalismus nicht doch Schaden nimmt, statt sich nur zu wandeln.
    Natürlich machen sich auch heute Verlage in mehr oder weniger gleichem Maße zurückgebliebene Zukunftsgedanken – aber wer von den Neuen will denn mit diesen Zuständen und den Barrieren mit digitalen Immigranten als Head davor wirklich arbeiten und seine Ideen zerschießen lassen?

    In eigener Sache gesehen leben wir Jungen nicht in der nächsten Zukunft, wir denken sie. Das scheint aber leider kaum jmd. zu verstehen, geschweige denn für ein Unternehmen zu nutzen…

  23. @Alexander: Du hast schon Recht, denn genau betrachtet holen viele Verlage jetzt erst nach, was sie schon vor knapp 10 Jahren hätten tun sollen. Die nachholende Entwicklung kann aber den Abstand zum aktuellen Stand der Technik kaum je wirklich einholen, meist läuft man mit mehr oder weniger viel Abstand der Entwicklung hinterher.

    Immerhin muss zugunsten der Verlage auch gesagt werden, dass deren Kunden (also die Leser) längst auch nicht alle so schnell sind. Noch gibt es sehr viele Menschen in Deutschland, die eine gedruckte Tageszeitung sehr wohl schätzen. Diesen Markt sollte man also bedienen, so lange sich das betriebswirtschaftlich rechnet.

    Klar: Die jungen, internetaffinen Nachwuchskräfte werden in den heutigen Strukturen eher ausgebremst und ihre Leistungsfähigkeit wird zu wenig genutzt. Dieses Dilemma gibt es aber auch in anderen Branchen, wenn auch vielleicht nicht so krass wie derzeit in den Verlagen.

  24. Notkurier 4.0

    Das Interessanteste, auch an dieser Debatte, ist das, was nicht gesagt wird.

    Wortreich und ein bisschen larmoyant bejammert Michael Seidel die Klischees über den unterentwickelten Osten und liefert sich gleich noch ein Alphamännchen-Fernduell mit Hamburger-Abendblatt-Cheffe Claus Strunz: Wer hat den größten, längsten, coolsten multimedialen Newsroom, als deutscher Erstanwender natürlich, zeitgemäße Laptops unter dem Arm und webzweinullig in der Anmutung? Wir natürlich, im ach so unterschätzten Nordosten. Der Notkurier (Danke für diesen sprechenden Titel, geschätzte Zeilenbastler bei der FAZ!) als Notkurier 4.0. Wow.

    Dazu noch zwei Sätze Fingerhakeln mit Stefan Niggemeier, ob er sich denn nicht unter falschen Vorwänden eingeschlichen und alles ganz verzerrt wiedergegeben habe. Ist ja unterhaltsam. Aber es zieht eine Nebelwand vor das Eigentliche.

    Journalismus ist das Gespräch einer Gesellschaft mit sich selbst, egal ob dieser Journalismus als Dorfblatt, als regionaler Radiosender, als nationale Fernsehstation oder als globale Website daherkommt. Zeitungen zumal bieten ein Medium der Selbstverständigung über gemeinsame Werte, über Entwicklungsziele, über die Art des Zusammenlebens im Dorf, in der Stadt, in einer Region. Das ist der gesellschaftliche Auftrag der Medien. Der ist mindestens genau so wichtig wie der andere, der ökonomische Auftrag, nämlich anständig Geld zu verdienen mit dem Beilidlgibtsschweineschnitzelsupabillich-Geschrei – und davon dann guten Journalismus zu bezahlen.

    Mit einer klaren und sehr einfachen Frage ist Stefan Niggemeier nach Ostmecklenburg und Vorpommern gefahren: Kann der Journalismus dort draußen in seiner derzeitigen Verfassung noch leisten, was die Gesellschaft von ihm erwartet? Und was passiert, wenn er es nicht mehr kann?

    Und er hat klare und einfache Antworten gefunden: Nein, er kann‘s nicht. Und zwar aus strukturellen Gründen. Auch seine drei Beispiele sind klar und verständlich:

    – In Ostvorpommern gibt es ein Problem mit Nazis, die die lokalen und regionalen Strukturen infiltrieren. Es wäre die Aufgabe der Zeitung vor Ort, das aufzudröseln und zu analysieren und über bürgerliche Gegenwehr zu berichten und das Thema präsent zu halten – vollkommen egal, ob auf dem Papier oder über den famosen Crossmediadesk ins Netz. Die Zeitung schafft es auf keinem Kanal. Die Nachricht, dass die NPD-Vertreter im Kreistag von Ostvorpommern jetzt in alle Ausschüsse gewählt worden sind, und zwar von Vertretern aller demokratischen Parteien, fand eher zufällig den Weg in die Öffentlichkeit. Nicht über den Nordkurier.?

    – In Ostvorpommern gibt es ein Problem mit riesigen Schweinemastanlagen, die von holländischen Investoren in die halb leere Landschaft gesetzt werden. Geplant ist so etwas gerade in Alt-Tellin. Es wäre die Aufgabe der Zeitung vor Ort, die Planung und das Genehmigungsverfahren kritisch und mit Hintergrundrecherchen zu begleiten. Der Nordkurier hingegen verpennt schon die Eröffnung des Genehmigungsverfahrens und druckt an diesem Tag eine ddp-Meldung ab.?

    – In Anklam wird darüber debattiert, ob das Otto-Lilienthal-Museum in die gotische Nikolaikirche einziehen soll, eine wundervolle Ruine aus dem 13. Jahrhundert. Denkmalschutz vs. touristische Aktivität, Thema einer Debatte in der städtischen Gesellschaft? Ja, klar. Aber nicht für den Nordkurier.

    Das ist das Problem mit dem Journalismus in Ostmecklenburg und Vorpommern. Nicht, wann die Redakteure mit welchen Laptops wedeln können und ob sie ihren Tisch für die Nachrichten nun Cross-, Multimedia- oder Weiß-der-Henker-Desk nennen. Um diese Fragen drückt sich der Chefredakteur wohlweislich herum, denn da würde es unangenehm werden.

    Das ganze Gerede von der multimedialen Zukunft und den crossmedialen Plattform-Strategien beim Nordkurier und der webzweinulligen Anmutung soll nämlich bloß die Tatsache verschleiern, dass sie in Neubrandenburg und den anhängenden Lokalredaktionen (ob absichtsvoll oder ahnungslos, das mag dahingestellt bleiben) die Prekarisierung des Journalistenberufs betreiben.

    In Anklam arbeiten dreieinhalb Redakteure an 4 Lokalausgaben. Kann man auch bei Niggemeier nachlesen. Das heißt, sie schreiben an einem Tag am Desk Kurzmeldungen für acht Seiten, recherchieren und schreiben Ein- und Zweispalter, lesen und korrigieren alle Texte auf bis zu vierzehn Seiten, heben Texte um, machen Sekretariatsarbeiten wie Termine einsortieren, Mails lesen und beantworten, koordinieren Anrufe, sollen Seiten spiegeln, lesen noch mal Korrektur, besprechen Texte mit den Volontären. Und das ist noch lange nicht alles. Übrigens bekommen die Redakteurinnen und Redakteure für dieses Arbeitspensum schon lange kein Tarifgehalt mehr. Auch wenn Michael Seidel ihnen das ja von Herzen gönnt.

    Dass bei diesem Arbeitspensum keine Luft mehr für sauber recherchierte Hintergrundberichte bleibt, sollte ja auch klar sein.

    Ich hör‘s ja gern, dass sich beim Nordkurier Hunderte von Volontären aus ganz Deutschland bewerben. Kleine Insider-Info: Das ist nix Besonderes. Das machen sie bei allen Zeitungen im ganzen Bundesgebiet, von Borkum bis Suhl und rüber nach Passau. So ist das nun mal bei der Generation Praktikum.

    Und außerdem wissen die hoffnungsfrohen BewerberInnen wahrscheinlich noch nicht, dass sie nach ihrem Multicrossmediavolontariat beim Nordkurier die wundervolle Perspektive haben, sich als freie JournalistInnen online um „Jobs“ bewerben zu können: Zu unterirdischen (Seidels eigene Worte) Honoraren von 10,– € für einen Fotojob und 15,– bis 25,– € für einen Textjob. Wofür sie, wenn der Verlag seine Vorstellungen durchsetzen kann, dann auch sämtliche Rechte an Texten und Bildern abgeben dürfen. Auch das Recht, diese Bilder und Texte selbst noch anderswo anzubieten. Das kann man die Ausnutzung einer marktbeherrschenden Stellung nennen. Man kann das auch sittenwidrig finden. In jedem Fall verstößt es krass gegen das Wettbewerbsrecht.

    Deswegen: nicht die Sinne vom Multimedia-Crossmedia-Plattform-Strategien-Newsdesk-Geblähe vernebeln lassen. Um einen vernünftigen „workflow“ an einem wirklich crossmedial arbeitenden Newsdesk zu organisieren, braucht es nicht weniger, sondern mehr Journalistinnen und Journalisten. Wie es zahllose Newsdesk-Beispiele aus England, aus der Schweiz und den Vereinigten Staaten belegen. Und diese Journalistinnen und Journalisten müssen gut sein, erfahren, kreativ und handwerklich versiert. An der Abschaffung genau dieser Berufsgruppe arbeitet
    der Nordkurier leider schon seit längerem.

    Disclaimer: ich arbeite als Trainer und Seminarleiter in der Journalistenausbildung. Mehr als zehn Jahre habe ich in der Nähe von Anklam gelebt und gearbeitet, kenne die Verhältnisse und die lokalen Medien dort also aus eigener Anschauung. Und ich bin beim Deutschen Journalistenverband in Mecklenburg-Vorpommern engagiert und schlage mich aus diesem Grund öfter als mir lieb ist mit der desolaten Lage der Zeitungen im Lande herum.