We don’t need to compete: Opel 2.0

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Um dieses Thema hätte ich mich gerne gedrückt. Denn die Glanzzeiten von Opel sind lange vorbei und die heutige Situation ist komplex und unerfreulich. Aber Martin Lindner fragte über Twitter an und ich versprach ihm eine Antwort, nicht in 140 Zeichen, sondern hier im Blog.

Der aktuelle Sachstand zu Opel ist treffend bei René Walter (Nerdcore) und Don Alphonso (Rebellen ohne Markt) beschrieben. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Interessant aber ist die Frage, was denn mit „Opel 2.0“ gemeint sein kann: Meint es nur den (oberflächlichen) Einsatz von Social Software im Unternehmen und zu Marketingzwecken? Oder geht es um mehr, also eine grundsätzliche, neue Haltung, etwa im Sinne von Umair Haque?

Klar ist: Mit ein paar Wikis und einem Twitteraccount ist Opel nicht zu retten. Da muss schon mehr her und in diesem Kontext dann auch die Grundsatzfrage gestellt werden dürfen, ob wir Opel in der heutigen Situation noch brauchen. Es geht also um das Große, Ganze.

Klar ist aber auch, dass das Problem Opel auf der politischen Ebene nicht mehr nur nach rein betriebswirtschaftlichen Kriterien entschieden wird: Die Rettung von Opel ist nämlich dann legitim, wenn die Gesellschaft das mehrheitlich auch so will. Die rein wirtschaftliche Sicht, dass wir auf dem Markt Überkapazitäten haben und das Ende eines schwachen Herstellers die noch verbleibenden, gesunden Autobauer (und deren Arbeitsplätze) unterstützen würde, ist in einer Demokratie kein hinreichender Grund für politisches Handeln (oder Unterlassen).

Allerdings hätte man im Fall von Opel aus dem neuen Denken heraus nicht nur auf den drohenden Verlust vieler Arbeitplätze, sondern auch auf die Nachfrage aus dem Markt achten müssen. Über das Internet hätte man eigentlich leicht potenzielle Käufer mobilisieren und dann mittels (symbolischer) Anzahlungen sichtbar machen können, dass der Markt eine Rettung von Opel honorieren würde.

Meines Wissens nach ist das aber unterblieben. Mir jedenfalls sind keine Aufrufe begegnet, bei denen man sich mit Opel hätte solidarisieren können oder einen neuen Opel im Voraus fest bestellen. Denkbar ist aber auch, dass es dazu Initiativen gab, die mangels Interesse nicht wirklich auf breiter Ebene bekannt wurden.

Die Politik hat es im Fall von Opel jedenfalls versäumt, den Befürwortern einer Rettung den Nachweis aufzuerlegen, dass die Nachfrage nach den Fahrzeugen (weiterhin) so hoch ist, dass die kurzfristig erforderlichen Subventionen auch wieder zurückgezahlt werden können. Früher wäre so etwas technisch gar nicht möglich gewesen. Heute, mit dem Internet, sollte das eigentlich ganz einfach sein.

Hätte man über das Internet eine Kampagne für Opel lanciert, deren Ergebnis sehr dünn gewesen wäre, könnten die Politiker ihr Engagement in dieser Sache deutlich zurückfahren und etwa das amerikanische Insolvenzverfahren abwarten. Und sie hätten dazu gute Gründe. Denn warum soll man Milliardenbeträge für etwas aufwenden, das in Deutschland (außer den betroffenen Mitarbeitern und ihren Angehörigen) kaum mehr jemand schätzt?

Der Fall Opel zeigt uns also, dass der Politikbetrieb in Deutschland noch ganz nach den alten Mustern des 20. Jahrhunderts funktioniert. Das Internet würde es dagegen heute schon möglich machen, hier sehr viel differenzierter ein Problemfeld zu betrachten und demokratisch ausgewogenere Lösungen anzupeilen. Dafür fehlt es aber weithin noch am Bewusstsein und der Kenntnis zu den Einsatzpotenzialen von Social Software…

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Da gebe ich dir recht. Die Situation war wohl scheinbar nie so dramatisch, „dass man zum Äußersten greifen musste – dem Einsatz von Web 2.0 in der Not…“ – so dürften es zumindest viele Manager sehen. Die Mittel sind da – und ich bin mir sicher dass der Netzwerkeffekt sein übriges getan hätte – aber (falscher) Managerstolz und die allzu-typische Kommunikatoreneinstellung zu Social Media („wir machen Kommunikation für und nicht mit Anspruchsgruppen“) verhindern da viel Hilfreiches. Aber ich denke, mit diesen Problemen steht Opel nicht allein da.

  2. @Nils König: Interessante Bemerkung. Ich wage aber den Einwand, dass man bei Opel den Einsatz von Web 2.0 nicht hätte so aussehen lassen müssen, als ob dies nur aus „größter Not“ heraus gemacht würde. 😉

  3. was mich, auch unter 2.0-gesichtspunkten, stark beunruhigt, ist die klandestine atmosphäre, in der solche entscheidungen ohne jeglische sinnvolle demokratische beteiligung (nicht mal gedankliche) getroffen werden.

    toll wäre ja ein Opel-Wiki in echtzeit, das solche politischen entscheidungen begleitet und die entscheidungsgrundlagen so öffentlich nachzeichnet, wie sie die politiker auf ihren tischen hatten. ich fürchte ja, dass man die geheimen zahlen dazu gar nicht kennen muss, weil die entscheidung ohnehin ganz anders zustande kam.

    dort hätte mit Crowdsourcing untersucht werden können: ob man den beschäftigten anders besser hätte helfen können, falls man mal annimmt, dass das nur ein aufschub des untergangs ist. wie überhaupt die volkswirtschaftliche rechnung dabei aussieht, was da einfließt.
    dann auch, wer die russen überhaupt sind, wer Magna ist, und was beide wollen. die gesellschaftlichen kosten dieser lösung, oder auch der von Fiat, usw. also eine art adhoc-politik-wikipedia.

    wie schon getwittert:ich habe ja das gefühl, dass der (tatsächlich nötige) umbruch unserer gesellschaft in den nächsten jahren schlicht dadurch zustande kommt, dass kein geld mehr da ist,um wie bisher alle interessen (berechetigte und weniger berechtigte) irgendwie weiterzufinanzieren. es wurden ja streng genommen seit den 1970er jahren nirgends mehr entweder-oder-entscheidungen getroffen. aber die werden kommen, erzwungenermaßen, und ich bin nicht optimistisch, was dann die demokratische legitimation angeht.

  4. @Martin Lindner: Die von Dir vorgeschlagene Art des Crowdsourcing könnte ich mir prinzipiell auch gut vorstellen. Sie erfordert aber, dass in dieser Offenheit dann auch konstruktiv mitgewirkt wird – und nicht etwa wie unlängst von der Bahn zugegeben wurde, manipulative Einträge zur Meinungsbeeinflussung „beigemischt“ werden!

    Die Tatsache, dass schon in wenigen Jahren immer sichtbarer werden wird, dass unsere Gesellschaft sich nicht mehr alles leisten kann und deshalb Entscheidungen treffen (und Verzicht üben) muss, wird unsere Demokratie vor eine harte Belastungsprobe stellen.

    Bei Opel hat sich die Regierung vermutlich nur Zeit gekauft. Das abenteuerliche Konsortium wird nicht weit kommen, der Strukturwandel in der Autobranche ist damit nicht aufzuhalten. Im Interesse Deutschlands hätte die Regierung sich besser hinter Volkwagen, Daimler und BMW gestellt. Diese drei sind wirklich wichtig und müssen durch die Krise kommen.