Der Künstler als Multitalent: Willkommen in der Attention Economy

flickr-hemingways-typewriter-shiny-things zur Attention Economy

Hemingway hatte es noch besser: Er musste einfach nur gute Texte schreiben, sei es als Reporter oder Schriftsteller (im Bild seine Schreibmaschine). Daneben hatte er reichlich Zeit für andere Dinge, etwas das Angeln oder die Jagd.

Der „junge Autor in der digitalen Medienwelt“ hingegen muss sich den Realitäten des Internets stellen und mehr tun, als nur gute Texte schreiben, wenn es nach Leander Wattig geht. Marcel Weiss (netzwertig.com) pflichtet ihm bei und sieht starke Parallelen zwischen der Welt der E-Books und der Musikindustrie.

Demnach kann der Arbeitsprozess in drei Komponenten gegliedert werden:

  1. Das Kerngeschäft bleibt die Kunst. Die muss natürlich gut sein, weil die Konkurrenz sehr groß ist und durch die hohe Transparenz des Internets schonungslos verglichen werden kann.
  2. An zweiter Stelle steht die Aufmerksamkeit (Attention). Der Künstler muss sich im Internet eine möglichst große Fangemeinde aufbauen und über diverse Kanäle (Social Networks, Blog, Twitter…) bedienen. Dabei schadet es auch nicht, neben den Fans auch Multiplikatoren (mit großer Reichweite) in das eigene Netzwerk einzubinden.
  3. Drittens folgt die Vermarktung. Da im Bereich digitalisierbarer Werke vieles ohnehin frei zirkuliert („Pirate Bay„) und die Künstler viele ihrer Werke verschenken sollten, müssen sie alternative (und möglichst kreative) Einnahmequellen entwickeln.

Was wohl Hemingway dazu gesagt hätte? Ich zweifle nicht daran, dass dies die Realität in den Zeiten des Internets als „gigantische Kopiermaschine“ widerspiegelt. Die meisten Schriftsteller und Musiker dürften damit aber hoffnungslos überfordert sein.

Das fängt schon bei Schritt zwei, der Generierung von Aufmerksamkeit, an. Was logisch und einfach klingt, ist in der Praxis gar nicht so leicht und sollte eher als Kunst für sich betrachtet werden. Gewiss: Es gibt sehr erfolgreiche Schriftsteller, die auf Twitter eine gute Figur machen, so etwa Paulo Coelho.

Sensible und eher introvertierte Künstlernaturen wird das nicht überzeugen. Der souveräne Dialog via Social Media mit einer größeren Anhängerschaft ist ja selbst für gestandene Unternehmen noch alles andere als selbstverständlich, obwohl diese dafür Spezialisten beschäftigen können.

Noch schwieriger wird es dann beim dritten Punkt, der Vermarktung. Wer einen großen Teil seiner Werke verschenken soll (weil diese ohnehin frei zirkulieren werden), braucht schon eine sehr ausgeklügelte Strategie, um über andere Wege an genügend Einnahmen zu kommen. Unmöglich ist das nicht und es werden sich immer wieder kreative Beispiele und Vorbilder finden lassen. Für sehr viele Künstler wird es aber nicht praktikabel sein, weil ihnen dafür die Zeit und das nötige Geschick fehlen.

Ich sehe deshalb einen anderen Weg: Wer als Künstler noch keinen Namen hat und nicht über die Kaltschnäuzigkeit und Extrovertiertheit eines Gary Vaynerchuk verfügt, sollte als Standbein im Web zunächst ein Portal wählen. Für Musiker könnte dies Jamendo sein, für Schriftsteller die readbox.

Sowohl Jamendo als auch die readbox offerieren inzwischen auch kommerzielle Programme, so dass kein Künstler hier gleich alle seine Werke „verschenken“ muss. Selbst in Sachen Marketing bekommt man hier Unterstützung, sollte aber vielleicht nicht seine ganze Hoffnung darauf setzen.

Immerhin dürften gute Werke auf solchen Portalen meistens schneller nach vorne kommen, als wenn ihre Urheber im Alleingang sich auf einem Blog, auf MySpace, Facebook und Twitter verzetteln…