Die IBM entdeckt Xing – im Jahr 2009

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Auch hochkarätige Vordenker machen mal einen Fehler. So geschehen unlängst auf der CeBIT, wo im Rahmen der pre:publica Prof. Dr. Gunter Dueck von der IBM zu Gast war und sich den Fragen von Johnny Haeusler stellte.

Zuhause am Rechner sitzend klinkte ich mich in den live übertragenen Videostream (zaplive.tv) ein und staunte nicht schlecht, was Prof. Dueck auf die Frage aus dem Publikum, welche Prognose er zum kulturellen Wandel in den Unternehmen geben könne, antwortete.

Der Fragesteller hob darauf ab, dass jetzt immer mehr High-Potentials aus den Unis in die Unternehmen kämen, die mit Xing, Wikipedia und Blogs umgehen könnten, während das Old-School-Management in vielen Betrieben Wissen aber noch nicht teilen wolle und die Entwicklung in Richtung Enterprise 2.0 bremse.

Wäre Prof. Dueck Politiker, hätte er sich auf diese durchaus brennende Frage mit einem wolkigen und wortreichen Statement aus der Affäre gezogen. So aber verwies er auf das Beispiel der IBM, wo man derzeit die Mitarbeiter dazu anhalte, Accounts auf Xing zu eröffnen. Damit sei man anderen Unternehmen um 5 bis 6 Jahre voraus.

Das wiederum machte Johnny Haeusler etwas stutzig und er fragte, ob denn Tools wie Xing oder Facebook nicht in der IBM entwickelt werden müssten, bevor diese von den Hinrichs und Zuckerbergs dieser Welt auf den Markt gebracht würden. In diesem Moment realisierte der kluge Professor, dass er sich wohl etwas vertan hatte und antwortete nur noch mit einem „weiß ich nicht so genau“.

Ich sehe ihm das nach und möchte an dieser Stelle auch nicht über die IBM spotten, denn dazu besteht kein Anlass. Allerdings zeigt diese Situation (im Video ab Minute 42 zu sehen), dass sich selbst eine IBM mit dem Wandel, der durch das Internet ausgelöst wurde, nicht immer leicht tut.

Xing startete bekanntlich 2003, Facebook 2004. Gut fünf Jahre später also werden diese Plattformen von der IBM offiziell als Kontaktinstrumente anerkannt und eingesetzt. Bei Xing dürfte man sich darüber freuen, zumal man hier gerade etwas Gegenwind durch den Wettbewerber LinkedIn zu spüren bekommt, der neuerdings auch auf dem deutschen Markt aktiv ist.

Die Frage aus dem Publikum ist damit aber noch nicht beantwortet. Ich für meinen Teil erwarte, dass die aktuelle Wirtschaftskrise an vielen Stellen das Umdenken beschleunigen wird. Und das dürfte auch im Sinne von Prof. Gunter Dueck und der IBM sein…

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Oh wie wahr 🙂 Aber ich verstehe Prof. Dueck natürlich gut. Als Prophet im eigenen Hause verliert man leicht den Blick für die Realität, denn der Spagat über eine sich nach wie vor weitende Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist für den Mitarbeiter an der Schnittstelle schmerzhaft. Im Kampf gegen die (internen) Windmühlen werden kleine Schritte schnell zu wegweisenden Entwicklungen…

  2. @Nils: Das ist vermutlich genau das Dilemma, in dem Prof. Dueck steckt. Und während es einerseits durchaus ein Erfolg für die IBM sein dürfte, dass man da jetzt offiziell über Xing (und andere Social Networks) Kontakte knüpfen und pflegen kann, so merkwürdig muss es andererseits auf Außenstehende wirken, die seit Jahren dort schon registriert sind.

  3. Direkt vorab: ich arbeite bei der PR Agentur von IBM und bin bei den ganzen Planungen rund um Webciety/pre:publica und re:publica und Sprecher/Themenauswahl beteiligt gewesen und beteiligt.

    Ich glaube, dass Herr Dueck das nicht ganz so gemeint hat, wie Du es verstanden hast. Er bezieht sich meiner Meinung nach eher allgemein auf den Wandel der Unternehmenskultur oder der internen Zusammenarbeit, was sich dann in der Nutzung der Tools wie Chatten, Social Networks und so weiter ausdrückt. Es geht aber mehr um den Unterschied im Denken und der Kultur und weniger um die Tools als solche. Und seiner Meinung nach ist die IBM, dass alles in Betracht ziehend, fünfsechs jahre weiter als andere Unternehmen, was die interne Zusammenarbeit und das interne Teilen von Wissen angehen.

    Bei der Xing-Sache bezieht er sich auf die Greater IBM-Gruppe, die während der CeBIT offiziell eröffnet wurde (um nicht gelauncht schreiben zu müssen), für die sich dann 2.000 neue Mitglieder registriert haben. Ich glaube, er weiß selber, dass dies für sich alleine genommen noch nicht allzu viel, wenn nicht nichts, aussagt.

  4. @Lars: Was Du schreibst ist vollkommen richtig. Prof. Dueck hat nur leider ein unpassendes Beispiel gewählt. Wäre er allgemein geblieben und hätte Xing (und Facebook) nicht erwähnt, hätte er damit auch nicht die Anschlussfrage von Johnny Haeusler provoziert!

  5. Das ist wohl durchaus wahr, dass es eine etwas unglückliche Formulierung war. Ich glaube auch, dass Johnny H. Herrn Dueck mit dem eingeschobenen „bitte in zwei Minuten antworten“ etwas aus dem Konzept gebracht hat… 🙂

    Herr Dueck antwortet ja sonst gerne etwas umfangreicher und schiebt „Meta-Kommentare“ ein….

  6. bei Prof. Dueck würde ich da auch auf Mißverständnis statt Unverständnis tippen.
    Aber in den Niederungen der Praxis sind genug Projekte im Anlaufen wo das Rad zur Sicherheit noch einmal neu durchdacht und konstruiert wird. Da finden sich im Zweifel auch immer Techniker die gern einen soliden Eigenbau erstellen statt so eine langweilige Fertiglösung aus dem Netz einzusetzen.

  7. Gunter Dueck hätte friendster und tribe kennen können, die beide schon 2003 bestanden. Auch hätte IBM die Talks von Clay Shirky aus 2002 zum Thema kennen können. Das Problem bei der IBM ist allerdings, dass dort sehr wenig eigenes Issues Scouting in den eigenen Thinktanks stattfindet. Es hat sein Gutes, dass Leute wie er dort als Einzelkämpfer herumturnen. Ein Beispiel, dem wenige folgen. Ob Kawasaki das meinte, als er das Konzept des Evangelisten im Auge hatte, wage ich zu bezweifeln. An dieser Stelle tut diesem schlauen Mann die IBM einen Bärendienst. Leider haben sie auch keine gute Rechercheabteilung mehr, die solche wild ducks befüttert, das machen dann externe Kräfte, die ja zumeist mediokre Ergebnisse liefern. Kurz gefasst:

    Das Thema Soziale Netzwerke ist eines dem IBM folgt und das sie nicht setzt, weil es ein Endverbraucherthema ist und IBM keine Konsumenten addressiert. Im Bezug auf Employer Branding ist IBM Kunde der großen Marketing Netzwerke wie andere auch (das wäre wohl meine Antwort) gewesen).

  8. @Jörg Wittkewitz: Interessante Einsichten in die IBM. Allerdings sind Social Networks nicht nur ein Thema im Endverbrauchergeschäft. LinkedIn und Xing richten sich ganz überwiegend an Geschäftsleute und wurden beide 2003 gegründet.

    Beide fanden bald Akzeptanz am Markt und waren seitdem ganz sicher auch auf der Agenda der IBM, da sie eine unbequeme Parallelentwicklung zu Lotus Notes (oder auch Microsoft Outlook) waren und noch immer sind.

    Spätestens wenn diese Netzwerke ihren Usern auch eine vollwertigen E-Mail-Client zur Verfügung stellen, wird die Luft für Lotus Notes und Microsoft Outlook dünn…

  9. Ja seltsam nicht, in jedem mittelmäßgen Open Source Portal ist ein AJAX-EMail Client drinnen. Aber ich glaube, dass dieser Markt (web.de und gmx. de wandern in SN spätestens nächstes Jahr stattfindet, wenn jedes SN seine eigene twitterplattform mit laconica oder ähnlichem aufgepeppt hat oder twitter als widget in denen läuft. Es konvergiert doch alles sehr auf facebook, LinkedIn und die neuen SNs…

    Ciao

    Jörg

    P.S. Das ist Außenperspektive, ich bin ja seit sieben Jahren nicht mehr bei EyeBeeM. In dieser Zeit hat sich der Konzern völlig 12 mal gehäutet und neu erfunden. Nur die Unternehmenskultur, die bleibt seit dreißig Jahren dieselbe. Aber das ist ja in anderen Firmen ebenso…

  10. Auch von mir direkt vorneweg: Ich arbeite bei IBM und betreue dort die greaterIBM Connection, die Alumni-Community der IBM auf XING.

    Ich vermute auch, dass Professor Dueck hierauf Bezug nimmt mit den XING-Aktivitäten von IBM. Denn die Community wurde genau einen Tag vor dem Gespräch mit Johnny Haeussler erweitert auf die gesamte IBM, während sie zuvor nur für ehemalige und aktuelle Mitarbeiter aus dem Beratungssegment der IBM zugänglich war. Dies aber bereits seit Anfang 2007.

    Man kann also nicht wirklich davon sprechen, dass IBM XING erst jetzt entdeckt hat. Die IBM war einer der allerersten Partner von XING im Rahmern des XING Premium-Gruppen Konzeptes. Auch auf Facebook oder Linkedin ist die greaterIBM Connection schon eine ganze Weile mit recht großen Gruppen vertreten.

    Denke, da ist einfach der Erweiterungstermin der XING-Community vom Abend davor bei Professor Dueck hängen geblieben…kann ja mal passieren 🙂

  11. Da habe ich diese Diskussion gefunden…darf ich selbst etwas dazu sagen? Die Frage, ob nicht IBM alles erfinden müsste…da stutzte ich, weil das in mir lange Antworten über Business-Modelle auslöst. Und dann seufze ich innerlich. IBM ist nicht im Endkundengeschäft, besonders nicht mehr nach der Abgabe der Laptops an Lenovo. Und wir werden immer wieder gefragt, warum wir nicht Suchmaschinen, Yearbooks etc. erfinden. Erfinden vielleicht, aber doch nicht vermarkten! Das geht gar nicht so richtig, weil man dazu eine andere Struktur braucht. Das scheint nicht vermittelbar…auch nicht, wenn ich 10 Minuten antworten darf….

    Und dann habe wir in innerhalb von IBM selbstgebaute Ableger von Xing, Facebook und noch viel mehr, aber nur zum Eigengebrauch…Sie verstehen von außen nicht so wirklich, was für eine Kulturbewegung es ist, dann nach außen auf das wirkliche Xing zu gehen. Da fürchten sich Unternehmen, weil sie denken, die Headhunter stehlen uns Mitarbeiter weg oder wir werden von der Arbeit abgelenkt oder wir reden mit Mitarbeitern fremder Firmen. Diese Ängste sind für Unternehmen vollkommen natürlich und müssen überwunden werden. Natürlich gibt es Xing etc schon sehr lange…und Sie hier nutzen die schon lange und gähnen….Sie haben wenig Gefühl dafür, wie lange es dauert, bis Unternehmen das selbst gut finden, nicht nur tolerieren – und da ist IBM echt weit weit weit voraus…

    Wie gesagt, das alles setzt ein Verständnis dieser zähen und langwierigen Kulturprozesse voraus…und Sie als mehr junge Leute denken, eine ganze Struktur schwenkt gleich vor Begeisterung um, wenn einer Twitter oder so erfindet…ist nicht so.

    Und deshalb lösen echte und wahre Erfolgsmeldungen an der Web 2.0 Front bei Ihnen regelmäßig verächtliches Gähnen aus und ich sehe beim Antworten wie blöde aus oder wie „hinter dem Mond“.

  12. @Gunter Dueck: Herzlichen Dank für Ihren Kommentar und die Präzisierung zur Binnenperspektive der IBM, die sich dem Außenstehenden (wie mir) natürlich mehr oder weniger entzieht.

    Ein Dilemma für die IBM dürfte dabei sicherlich sein, dass man von Ihnen als einem großen IT-Unternehmen einerseits immer innovative Produkte erwartet, andererseits dann aber überrascht ist, dass diese Innovationen auch im eigenen Haus Zeit brauchen, bis sie überall den „Kulturprozess“ durchlaufen haben.

    Ich sehe ein, dass Ihre Position, Herr Prof. Dueck, für Sie bisweilen ein ziemlicher Spagat zwischen „innen“ und „außen“ sein muss.