L’état c’est nous! Ein Plädoyer für mehr Engagement

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Deutschland hat einen neuen Wirtschaftsminister. Aber werden deswegen die Probleme weniger? Angesichts der Dramatik der aktuellen Wirtschaftslage darf daran gezweifelt werden. Denn solange der Wirtschaftsminister immer noch nach Parteizugehörigkeit und Regionalproporz ausgewählt wird, besteht wenig Aussicht auf Besserung.

Besserung aber wäre möglich, wenn der Souverän aktiv(er) in einen solchen Prozess eingreifen würde. Leider passiert das hierzulande noch nicht. Allenfalls in den Leitartikeln der Medien (sowie in manchen Blogs) wird Kritik geübt, was das politische Establishment in Berlin und München aber gelassen ignorieren kann.

Anders wäre das, wenn etwa auf Facebook eine Gruppe gebildet würde, die den Vorgang kritisierte und innerhalb weniger Stunden eine sehr große Zahl von Mitgliedern bekäme. Das könnte auf andere Social Media übergreifen und vielleicht auch spontane Aktionen in verschiedenen Städten auslösen, was wiederum über Twitter und YouTube verbreitet und dokumentiert werden könnte.

All das passiert aber nicht. Statt dessen glauben die Leute mehrheitlich wohl immer noch, dass sie nur zu den Wahlen Einfluss nehmen können. Vermutlich brauchen wir noch etliche Jahre, bis den Menschen hierzulande richtig bewusst wird, was für ein mächtiges Instrument Social Software sein kann. Meine Hoffnung ist, dass uns die USA das bald schon deutlicher vor Augen führen werden.

Denn dort steht Präsident Barack Obama vor einer misslichen Lage: Sein Konjunkturpaket wurde ihm sowohl im Kongress als auch im Senat regelrecht auseinander genommen. Die Republikaner denken nicht daran, selbst in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit 1929 konstruktiv mitzuarbeiten, sondern versuchen weiterhin nur ihre eigene Klientel zu fördern und ansonsten Obama schlecht aussehen zu lassen.

Dieser wird deshalb bald schon auf etwas zurückgreifen müssen, was der Politikbetrieb in Washington weithin schon wieder vergessen hat: Seine breite Unterstützung im Internet. Dort kann Obama die Menschen mobilisieren wie sonst kaum jemand. Und das wird er bald wieder tun, wenn im Kongress und im Senat nicht konstruktiv mitgearbeitet wird. Ihm bleibt auch gar keine andere Wahl, will er nicht seine Glaubwürdigkeit verlieren! Wir dürfen also gespannt sein, was sich in Amerika in den nächsten Monaten tun wird.

Hierzulande bleibt vorläufig nur ein Appell an die Web 2.0 Community, Social Media nicht allein zum Marketing in eigener Sache einzusetzen, sondern verstärkt auch darüber nachzudenken, wie wir aus dem Internet heraus mehr auf die praktische Ebene kommen können. Denn in der Zukunft wird man uns nicht fragen, wie viele Follower wir auf Twitter hatten oder wie hoch die Technorati-Authority unseres Blogs war. Eher schon wird man fragen, was wir konkret bewirkt und verbessert haben.

Oder wird unsere Gesellschaft besser, wenn mein Google-Pagerank steigt? Vermutlich nicht. Tim O’Reilly hat schon vor fast einem Jahr dazu aufgerufen, „to go after big, hard problems“. Kleiner sind die Probleme seither wirklich nicht geworden. Auf was warten wir also noch?

Abschließend möchte ich Jens Kouros herzlich danken, der mich über Twitter zu diesem Artikel inspiriert hat.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Twitter und Blogs sind Parallelwelten zur deutschen Gesellschaft, die primär überaltet und sekundär verdummt ist, das wirkt sich auf die Kräfte in einer Demokratie aus.
    (Im Grunde ebenso, wie die Politik versucht, durch Transferleistungen Wählermassen in ihre Abhängigkeit zu bringen.)

    Twitter, etc. ist zu trendy, um zu beeinflussen, was realiter passiert. Es wird in Politik-Deutschland noch nichtmal als die Spitze des Eisberges gesehen (im Übrigen genauso wenig wie Blogs), sondern als ein Zeitvertreib einiger weniger irrelevanter Randfiguren.

    Gleichzeitig ist Twitter, etc. zu oberflächlich, um zu beeinflussen, was realiter passiert. 99% der Tweets drehen sich um aufstehen, essen, Kino, hinlegen, aufstehen, …
    (Die Netzpolitik-Abmahn-Ausnahme lasse ich gerne – als Ausnahme – gelten.)

    Je schneller wir uns bewegen, desto weniger interessieren wir uns für Politik, denn desto langsamer kommen uns die Politiker vor, unbeweglicher, unbelehrbarer, etc. – da nutzt auch die Twitterei eines TSG nichts.

    Längst ist die Politik eine weitere Parallelgesellschaft, die sich um nichts anderes als sich selbst dreht, die keine Lösungen hat, weil sie keine Probleme hat.

    Würde sie die Richtigen fragen, bekäme sie die richtigen Antworten, darauf kann sie aber verzichten, denn Freiheit, Flexibilität, mentales Wachstum, Wandel und Innovation sind nicht in ihrem Sinne. Das wäre der Anfang ihres Endes.

    Zu Schwartz gemalt? Das ist mein Name.

  2. @Ralf: Bei Dir ist der Name eben Programm! 😉

    Es geht mir gar nicht so sehr darum, ob Medien wie Twitter und Blogs in der gesamtdeutschen Öffentlichkeit Reichweite erzielen. Das tun sie nicht. Aber über diese beiden (exemplarisch genannten) Medien sind eine Menge kluger Leute untereinander vernetzt und im Dialog. Und genau in dieser Tatsache sehe ich ein Potenzial, das es zu heben gilt.

    Somit sollten wir nicht die Politiker in unseren Blogs „anklagen“, sondern im Dialog untereinander Ideen und Konzepte entwickeln, die dann im „realen (nicht digitalen) Leben“ als Aktionen umgesetzt werden und so etwa die Politik herausfordern.

  3. Ja, das sind aber die klugen Leute, die es auch schon früher gab, die dann eben Bücher geschrieben, Qualitätsjournalismus geliefert, philosophisch gedacht oder in ihrem Biotop ihre Welt realisiert haben. Die Politik hat das nie tangiert, denn da geht es nach Proporz, nach Mehrheiten, nach Egoismen.

    Die Chance könnte heute in der Vernetzung genau dieser erstgenannten Menschen liegen, das stimmt. Wäre zu schön … fast eine Utopie.

    In diesem Sinne: Let’s do it!