Nerds, Nörgler und die Deutschen 2.0

Das neue Jahr ist da und mit ihm eine Reihe von Prognosen, wie sie in Blogs gerne gemacht werden. Auf netzwertig.com aber hat man nicht nur in die Zukunft geschaut, sondern auch einen Appell lanciert, unsere Gesellschaft möge doch endlich ihre noch weit verbreitete Abneigung gegenüber dem Internet ablegen.

Das hat prompt Don Alphonso auf den Plan gerufen, der mit einer handfesten Replik „Technik-Jünger“, Berater und Futurologen in einen Topf packt und ihnen Geschäftemacherei vorwirft. Wem soll man nun glauben?

Aus meiner Sicht haben beide in Teilen recht, gehen jedoch nicht weit genug. Appelle sind gut, nützen aber wenig, wenn den Betroffenen die Kompetenzen und Einsichten fehlen. Hier müsste man mehr tun als nur zu Bloggen.

Rainer Meyer (Don Alphonso) hat recht, wenn er anführt, dass Privatpersonen vielfach sehr gut ohne Internet oder nur mit einer sehr geringfügigen Nutzung desselben leben können. Hier dürfte es sich teilweise schlicht um eine Frage der Generationen handeln, Appelle sind hier eher fehl am Platz.

Was im privaten Bereich also durchaus legitim ist, sieht auf der Ebene von Unternehmen bzw. Organisationen ganz anders aus. Hier wäre es wirklich an der Zeit, dem Appell von Martin Weigert Folge zu leisten. Denn leider tun sich noch zu viele Unternehmen mit dem Internet (vom Web 2.0 gar nicht zu reden) reichlich schwer.

Aber da genau liegt der Kern des Problems: Gerade weil man sich bislang zu wenig mit dem Internet befasst hat, fehlt jetzt die Kompetenz, einem solchen Appell nachzukommen! Das fängt schon bei den Schulen an, in denen der Frontalunterricht alter Prägung dominiert und eLeaning immer noch eine exotische Ausnahme ist.

Schauen wir zu den Industrie- und Handelskammern und anderen Verbänden, ändert sich das Bild nicht. Das Internet ist auch hier fast überall nur ein Randerscheinung. Solide Kenntnisse im Bereich Web 2.0 sind kaum irgendwo anzutreffen, geschweige denn funktionierende und zukunftsweisende Anwendungen.

Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Und um eines klar zu stellen: Mir geht es hier nicht um einen „Aufbruch der Massen“ in die vielen neumodischen Social Communities (so gern diese das vielleicht sehen würden). Mir geht es eher etwa um die Buchverlage, die einfach nicht sehen wollen, dass man mit Blogs sehr elegant und kostengünstig einen direkten Draht zu den eigenen Lesern herstellen könnte, so man dies nur wollte. Aber die Verleger und Lektoren sind wohl weithin in einer Denkweise gefangen, nach der es eben eine „Kunst“ ist, Bücher zu machen und der Verleger am besten weiß, was für sein Publikum gut ist (und dieses deshalb auch nicht fragen muss).

Martin Recke (Fischmarkt) hat gerade die Hoffnung ausgesprochen, dass im Jahr 2009 einige Marken und Markenartikler den Dialog mit ihren Kunden endlich beginnen werden. Schon im ersten Kommentar wird ihm widersprochen und auch ich teile zwar seine Hoffnung, habe zugleich aber ähnliche Zweifel wie Malte.

Diese „Dialoge“, die uns das Internet mit seinem Rückkanal als Möglichkeit eröffnet, sind vielerorts wie eine Kröte, die kaum zu schlucken ist. Was jungen Menschen ganz natürlich vorkommt, ist für andere so etwas wie ein Affront gegen die Berufsehre und lang gepflegte Traditionen. Und das ist neben der fehlenden (methodischen) Kompetenz ein zweites elementares Hindernis, das eine volle Ausschöpfung der Potenziale des Internets schwer bis unmöglich macht.

Als Fazit bleibt, dass Rainer Meyer recht hat, wenn er Privatpersonen zugesteht, dass sie nicht jeden Hype im Internet mitmachen müssen. Martin Weigert liegt aber auch richtig, wenn man seine Auflistung (und den Appell) aus der Sicht von Unternehmen bzw. Organisationen liest. Was bleibt ist die Frage, wie man die fehlende Methodenkompetenz überwinden und den nötigen Kulturwandel vermitteln kann, damit unsere Gesellschaft als Ganzes qualitativ weiterkommen kann.