Perspektiven für die Wirtschaft: Die Krise als Chance sehen!

„Hurra, die Börse brennt!“ tituliert Thorsten Gieseler (Der Blogbeutel) einen Artikel mit Bezug auf den Wertpapierhändler Dirk Müller, weil die Kommentare auf YouTube zum Video keine Trauer oder Betroffenheit zeigen, sondern den Zusammenbruch der Finanzmärkte eher feiern.

Mir scheint, hier bricht nach dem ersten Schock über die Krise allmählich eine gesunde Erleichterung darüber durch, dass ein völlig aus den Fugen geratenes Finanz- und Wirtschaftssystem in Scherben fällt, nach dem Motto: Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende…

Um es klar zu sagen: Hier soll kein vordergründiger Humor gefeiert werden. Zudem teile ich die Sorge von Thorsten, dass es am Ende die Kleinen und Schwachen treffen wird. Aber mir zeigen die Kommentare auf YouTube eben auch, dass den ganz normalen Leuten längst bewusst ist, dass hier viel mehr schief liegt und nun zutage tritt, als etwa nur eine (amerikanische) Subprime-Krise.

Im Kern betrifft es das gesamte Wirtschaftssystem, den „Kapitalismus“. Denn er hat ein Wesenselement in sich, das schon Karl Marx kritisiert hat: Die Konzentration von Macht und Geld in den Händen (weniger) Unternehmer. Dass zuviel Macht (und Gier) in den Händen relativ weniger Banker die aktuelle Krise ausgelöst hat, wird wohl niemand bestreiten.

Und historisch betrachtet, legte Karl Marx seinen Finger in die richtige Wunde, wenn auch die Verhältnisse lange gegen ihn sprachen. Denn seit der Industrialisierung bis hin zur Bildung eines breiten Mittelstandes nach dem zweiten Weltkrieg hatten fast alle Betriebe etwas Gemeinsam: An ihrer Spitze stand meist eine kluge Unternehmerpersönlichkeit mit sehr viel Wissen. Ihr gegenüber stand das Personal, das oft nur angelernt war und keine höhere Bildung besaß.

Dieser Typ von Unternehmen wies also nicht nur die von Marx kritisierte, einseitige Kumulation von Kapital auf (d. h. das Unternehmen im Besitz einer Familie oder von Aktionären), sondern zeigte auch eine sehr steile „Wissenspyramide“: Der Chef wusste extrem viel, die Arbeiter relativ wenig.

Während sich nun im Laufe des 20. Jahrhunderts an den Besitzverhältnissen der Unternehmen praktisch nichts änderte, wuchsen die Anforderungen an das Personal enorm an. So haben ungelernte Kräfte heute bekanntlich kaum noch eine Chance am Arbeitsmarkt, während Akademiker (insbesondere Ingenieure) Mangelware sind.

Fast alle Unternehmen funktionieren heute nur noch dank eines fachlich sehr hohen Wissenspools seitens der Mitarbeiter. Die Wissenspyramide ist also in den letzten Jahrzehnten immer breiter geworden, die „Eigentumspyramide“ dagegen nach wie vor steil geblieben.

Mit dem Bild der beiden ungleichen Pyramiden lässt sich nicht nur die aktuelle Krise erklären, sondern vielleicht auch, warum in unserer Wirtschaft so viel von Unzufriedenheit am Arbeitsplatz bis hin zur inneren Kündigung die Rede ist: Den Mitarbeitern wird immer mehr abverlangt, an den Gewinnen jedoch sind immer nur wenige Spitzenmanager, Unternehmer oder Oligarchen beteiligt.

Vor diesem Hintergrund wundert mich übrigens auch nicht, dass Themen wie „Enterprise 2.0“ gerade in den mittelständisch geprägten Unternehmen nur schlecht vorankommen. Denn die latente Demokratisierung, die in den neuen Tools aus dem Web steckt, läuft im Grunde ja den (einseitigen) Macht- und Besitzverhältnissen zuwider. Hier kommen also Dinge zusammen, die nicht wirklich zusammen passen.

Das alles ist vielleicht schon etwas harter Tobak aus dem Mund eines Unternehmensberaters. Aber keine Sorge, ich predige hier keinen neuen Sozialismus oder Kommunismus. Die Lösungen sehen anders aus und es gibt sie! Mehr dazu im Laufe der Woche…

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ob die Finanzkrise wirklich auch ihre Ursache darin hat, dass unsere Wirtschaft eine breite Wissenspyramide und eine steile Eigentumspyramide aufweist, ermag ich nicht zu beurteilen. Da fehlt mir das für solche Schlussfolgerungen notwendige Wissen.

    Eine Anmerkung möchte ich aber gerne zur Finanzkrise loswerden. Ohne jetzt die Banken und deren Chefs verteidigen zu wollen, aber irgendwie erscheint es mir verlogen, jetzt mit den Fingern auf sie zu zeigen.

    Es besteht kein Zweifel daran, dass in dieser Branche in den letzten Jahren (und Jahrzehnten?) gezockt worden ist, um noch höhere Gewinne einstreifen zu können. Nicht vergessen sollten wir aber, dass das erst möglich geworden ist durch eine Gesellschaft, in der das bedingungslose „Kohle machen“ zum wichtigsten Ziel auserkoren worden ist und die sich eine „geiz-ist-geil“-Mentalität zugelegt hat, in der ein Wert wie Moral nichts mehr verloren hat.

    WEnn man sich anschaut, wer da plötzlich welche Finanzpapiere als vermeintliche Wertanlage in Händen hält, dann kann man sich zwar einerseits über das Personal der Banken beschweren, das den Menschen solche Risikopapiere verkauft hat. Aber seien wir ehrlich: von Risiko wollten wir doch nichts hören, wenn uns Gewinne versprochen wurden, die um die zwanzig Prozent lagen.

    Nein, wir haben da, denke ich, schon ganz ordentlich dazu beigetragen. Aber jetzt bestünde die Möglichkeit, sich zu überlegen, ob sich manches nicht anders machen lässt. „Die Krise als Chance sehen“, wie Du richtig schreibst.

  2. @Christian: Den Zusammenhang zwischen breiter Wissenspyramide und steiler Eigentumspyramide kann man so sehen, dass es hier ein Problem bei der Machtverteilung gibt:

    Die steile Eigentumspyramide impliziert, dass sehr viel Macht an der Spitze liegt, während die Basis wenig zu sagen hat. Das wäre kein Problem, wenn dies auch für das Wissen gelten würde. Leider aber haben die Menschen an den Spitzen von Unternehmen keinen wirklichen Wissensvorsprung mehr, weil Unternehmen bzw. die Wirtschaft (wie viele andere Bereiche auch) in den letzten Jahrzehnten außerordentlich komplex geworden sind.

    Ich gebe Dir aber in vollem Umfang darin recht, dass unsere Gesellschaft auf relativ breiter Ebene an Wertpapieren mit sehr hohem Ertrag interessiert war und insofern das bisherige Finanzsystem und dessen „Zockermentalität“ gestützt hat.