Metora springt viel zu kurz: Wissensmanagement im Web 2.0

Wer oder was ist Metora? Der Name steht für eine Plattform im Web, die Unternehmen und Institutionen „mit Wissens- und Expertenpools, themenorientierten Communities, Veranstaltungen und hochwertigen IT-Tools und Services“ versorgen möchte. Initiatoren sind u. a. die BITKOM sowie die TU Chemnitz, dazu kommen als Partner namhafte Firmen und Institute.

Im Bereich der Veranstaltungen gibt es mit der KnowTech (Konferenz) zweifellos ein sehr gutes Angebot. Die Plattform im Web dagegen macht mich sprachlos und springt eindeutig viel zu kurz: Das Web 2.0 wird hier zum Rohrkrepierer.

Schon die Startseite der Community spricht Bände und könnte in Sachen Usability und Barrierefreiheit mühelos Preise für das beste Negativbeispiel gewinnen. Ein Blick in das „eigens dafür angelegte“ Blog zeigt, dass man hier über die guten Absichten nicht hinaus gekommen ist. Das Wiki hat (noch) keinen öffentlichen Bereich und kann von mir daher nicht näher beurteilt werden. Insgesamt aber scheint mir das alles sehr dürftig zu sein, dafür dass hier ausgewiesene Experten und Institutionen demonstrieren wollen, wie  Wissensmanagement im Web heute aussehen kann.

Nun ist es ja immer recht einfach, ein Angebot zu kritisieren. Schwieriger ist schon die Frage, was man anders und besser machen kann. Deshalb hier ein paar Ansätze aus meiner Sicht:

  1. Das Closed-Shop-Denken überwinden: Wer Traffic und Aufmerksamkeit für sein Angebot im Web haben möchte, muss es möglichst offen halten. Die Wikipedia wäre nie zu dem geworden, was sie heute ist, wenn sich jeder Leser erst registrieren müsste. Und warum sollte ein Experte einen Artikel in ein Wiki stellen, das nur von ein paar Hundert anderen Experten (der gleichen Community) genutzt wird? Das hier vorliegende Denken in „geschlossenen Strukturen“ läuft den Prinzipien des Web 2.0 zuwider und verhindert gerade den Aufbau einer attraktiven Wissensbasis. Nicht Exklusivität, sondern Offenheit ist der Motor im Web.
  2. Richtig bloggen: Die Vernetzung von Experten untereinander geschieht heute am einfachsten über das Web. Dazu braucht man aber ein „Medium“, mit dem man sich beteiligen kann. Ein Blog ist hierfür die erste Wahl. Das alles ist nicht gerade neu und wird sicher auf der KnowTech von etlichen Referenten vermittelt und betont werden. Nur praktisch macht es kaum einer! Schaut man sich die sehr lange Referentenliste der Konferenz durch, findet man nur wenige Personen oder Institutionen, die aktiv bloggen oder gar twittern.
  3. Einen Social Community Manager bestellen: Selbst mit einem offenen Wiki flankiert von einem oder mehreren Blogs wird sich noch nicht sehr viel tun. Eine Community im Web bildet sich nicht automatisch, sondern muss aktiv aufgebaut und gepflegt werden. In den USA weiß das jedes Web-Startup und die Position des Community Managers ist eine Wichtige, die selbst bei knappen Budgets immer besetzt ist.
  4. Die Medienvielfalt des Web intensiver nutzen: Schaut man sich die Website von Metora und der KnowTech Konferenz an, so fällt als erstes auf, dass sie (obwohl neuen Datums) völlig langweilig sind und in ihrer Machart dem Stand des Web von vor 10 Jahren entsprechen. Warum nur Text und altbackene Grafiken? Wo sind die Videos, Podcasts und Präsentationen? Wo die Kommentarfunktion, über die man Feedback, Anregungen oder auch Fragen weitergeben kann? Wo ist der RSS-Feed, der über Aktualisierungen auf der Seite automatisch informiert?

Insgesamt bleibt also ein zweispältiger Eindruck: Da wird einerseits propagiert, wie man mit den neuen Möglichkeiten des Web Unternehmen in Sachen Wissensmanagement voran bringen kann, was sehr zu begrüßen ist. Andererseits aber sehen die Ansätze im Web dazu reichlich halbherzig und stellenweise dilettantisch aus. Will hier jemand schwimmen lernen ohne nass zu werden?

Mich ärgert, dass anders als in den USA bei uns in Deutschland zwar über die Dinge geredet, praktisch aber zu wenig gemacht wird. Wer Kompetenz in Sachen Web bzw. Web 2.0 beansprucht und sich diese Themen auf die Fahnen schreibt, dann aber nur mit den hier beschriebenen Ergebnissen aufwarten kann, stellt sich selbst ein Armutszeugnis aus.

Dass selbst Projektbeteiligte von Metora offenbar noch nicht ganz davon überzeugt sind, zeigt sich daran, dass man die eigenen Erkenntnisse anstatt im Wiki oder einem Blog lieber als Artikel in einer konventionellen Fachzeitschrift (Print) publiziert. So wird neuer Wein in alte Schläuche gegossen!

Den mit „Wissensmanagement in Netzwerken: Kooperationen 2.0“ betitelten Artikel kann ich jedenfalls nicht offen im Netz lesen. Dabei hätte ich eigentlich gedacht, wir seien auf dem Weg in ein neues Zeitalter und die Vertreter der einschlägigen Verbände, flankiert von Experten aus Hochschulen und IT-Unternehmen würden uns da beispielhaft vorangehen…