Geschäftsmodelle auf Plattformbasis

Meine Renovierungsarbeiten an bwl zwei null brachten mir etwas wieder ins Bewusstsein, worüber eigentlich noch zu wenig nachgedacht wird: Die ziemlich perfekte Symbiose zwischen WordPress einerseits und den zahllosen Plugins, mit denen sich die Software erweitern lässt (für Themes gilt das ebenso).

Dieses Modell, bei dem ein Anbieter sein Produkt bzw. seine Dienstleistung für Drittanbieter öffnet, so dass diese eigene Produkte als Ergänzung zum Hauptprodukt anbieten können, ist nicht neu: Im Automobilbereich etwa lebt schon lange ein weit gefächerter Industriezweig davon, vom Kindersitz bis zum Spoiler alle nur denkbaren Zubehörteile zu verkaufen, die teils mehr, teils weniger auf ganz bestimmte Fahrzeugtypen hin konfiguriert sind.

Beispiele aus dem Software-Bereich sind Apple und Facebook, die jeweils über Schnittstellen externen Entwicklern die Möglichkeit geben, Anwendungen anzubieten, die praktisch nur im Kontext des jeweiligen Basisangebotes funktionieren. Twitter wäre ein weiteres Beispiel.

Was passiert, wenn eine ganze Branche sich beharrlich diesem Modell verweigert, zeigt uns der Mobilfunk. Hier sitzen seit Jahren die Provider auf ihren teuer erworbenen UMTS-Lizenzen und können sie nicht recht zu Geld machen. Anstatt nämlich den Markt herausfinden zu lassen, welche Dienste sich am besten über UMTS verkaufen, wollen die Anbieter hier um jeden Preis auch die Inhalte (Content) kontrollieren, obwohl das noch nie ihr Kerngeschäft war und sie darin auch kaum Kompetenzen haben.

Apple dagegen hat sehr geschickt sein iPhone für Softwareapplikationen geöffnet, wohl wissend, dass der Vorsprung auf der Ebene der Hardware im hart umkämpften Markt für Smartphones nicht lange währen würde. Umair Haque kann Apple gar nicht genug dafür loben, dass es die Plattform als Markt sieht, während seiner Auffassung nach bei Facebook genau das verkannt wurde.

So gesehen hat es auch Google falsch gemacht: Denn mit Android hat man zwar eine ziemlich perfekte Plattform entwickelt, allein es fehlt noch der Markt, so lange es noch keine Smartphones gibt, die diese Software nutzen (können). Immerhin scheint jetzt das Google Phone doch noch zu kommen…

Die Plattformstrategie kann also ein sehr mächtiges Instrument sein (wie das Beispiel Apple zeigt), oder auch ein zahnloser Tiger, wie bei Facebook oder derzeit noch Google Android. Und WordPress? Dort ist alles im Lot: Solange Automattic seine Blogsoftware verschenkt, tun dies auch die meisten Entwickler von Plugins. Die Innovationskraft des Modells bleibt gewissermaßen „moralisch“ intakt. Zugleich bleibt den Entwicklern aber unbenommen, für Themes oder Plugins einen (positiven) Preis zu verlangen, ein perfektes Modell.

Eine funktionierende Plattform ist aber nicht nur ein Markt, sondern auch ein sehr gutes Instrument zur Marktforschung und zur Innovation. Denn es zeigt allen Beteiligten mehr oder weniger offensichtlich, was gut aufgenommen wird und was weniger. Damit gibt es brauchbare Impulse für den Anbieter des Augangsproduktes, sein Angebot ständig weiter zu entwickeln und zu verbessern. Ebenso herrscht auf der Ebene der Applikationen ein lebhafter und sportlicher Wettbewerb, man denke hier nur an Twitter!

Ein letzter Punkt: Große, gut funktionierende Plattformen schaffen nicht nur einen Markt und eine Kultur der Innovation, sondern auch einen Raum für die Medien bzw. mediale Berichterstattung. Und interessant dabei ist, dass es gerade die „gesunden“ Plattformen sind, über die viel berichtet bzw. gebloggt wird. Produkte wie das iPhone oder auch WordPress und ihre Plattformen ziehen die Medien stark an, während es um die Applikationen auf Facebook oder die Entwicklungsumgebung anderer Blogsoftware (Serendipity, Movable Type) merklich stiller ist.

Das wirkt natürlich massiv auf die Ausgangsprodukte zurück, denn jeder (Blog-) Artikel über ein Plugin für WordPress ist indirekt Werbung für diese Blogsoftware! Je größer also eine Plattform ist, desto besser für das Ausgangsprodukt und alle daran Beteiligten.

Mit den drei Begriffen Markt, Innovation und Medien sind also die Geschäftsmodelle auf der Basis von Plattformen gut umrissen. Bleibt zum Schluss nur die Frage, warum die Plattformstrategie nicht häufiger genutzt wird…

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Plattformen sind das neue Portal – das auf jeden Fall. Haben wir vor zehn Jahren über Internet-Portale als die große Zukunft geredet (ich sage nur: Yahoo), heißt es heute gern, man müsse Plattformen bereitstellen und hoffen, dass sie von den Nutzern in neue Sphären gehoben werden. Klingt gut, aber die Sache mit den Portalen klang damals auch gut 😉 In den USA gibt es übrigens inzwischen Zeitungen, die ihren Content nicht mehr innerhalb ihres „walled gardens“ behalten, sondern den Lesern viele Möglichkeiten geben, sie zu verwenden und in ihre Seite zu integrieren.

    Ich weiß übrigens nicht, ob Apples iPhone wirklich ein so gutes Beispiel ist. Zwar hat Apple die Plattform letztlich geöffnet, aber auch das nur unter erheblichen Einschränkungen. Diese Begrenzungen haben sicher Vorteile, aber sie verhindern auch, dass genau dieser Wildwuchs passiert, den Du beschreibst. Googles Android hat dagegen ein enormes Potenzial, weil hier auch die Hardware eine Plattform ist. Deshalb ist Android keine Konkurrenz fürs iPhone, sondern für Windows Mobile und Symbian. Das iPhone hat wie der Mac eine Sonderstellung, weil sonst nirgends der Hersteller Hard- und Software in einer Hand hat und die Plattform so eng definiert ist.

    Warum das Modell der Plattform nicht häufiger angewendet wird? Weil man nicht weiß, was passiert. Es kann erfolgreich sein, es kann daneben gehen, es kann etwas vollkommen Neues daraus entstehen, mit dem ich als ursprünglicher Anbieter nichts mehr zu tun habe, es kann meinem Image schaden etc.

    Dieser Gefahr muss man sich erst einmal aussetzen wollen. Ich kann schon verstehen, dass manche da lieber in ihrem virtuellen Schrebergärtchen mit ihrem Jägerzäunchen drumrum bleiben.