Hubert Burda, Christiane zu Salm und neue Geschäftsmodelle im Web

Burda setzt also verstärkt auf das Web, wie Christiane zu Salm aktuell der FAZ im Interview bestätigt hat: Bis 2011 soll ein Drittel des Umsatzes auf den Onlinebereich entfallen. In manchen Blogs wird das süffisant kommentiert („Burda geht auf Kaffeefahrt“) und vielleicht auch nicht ganz ernst genommen („Im Internet zahlt niemand für Inhalte„).

Mir scheint aber, dass Frau zu Salm im Interview einen ganz wesentlichen Punkt richtig getroffen hat: „Indem wir Commerce, Inhalt und Monetarisierung zusammen bringen“, soll das Geschäft profitabel werden. Bisher war es ja so, dass traditionelle Geschäftsmodelle (aus dem Offline-Bereich) mehr oder weniger linear im Web (und isoliert voneinander) abgebildet wurden. Das Meiste davon läuft nicht so richtig.

Vielleicht liegt es ja daran, dass wir noch zu sehr in überkommenen Strukturen denken. Nehmen wir das Einkaufen im Web: Viele Online-Shops mögen ja ganz gut gemacht sein, allein ihnen fehlt etwas Entscheidendes, nämlich die Bewertungen der Käufer. Außer Amazon trauen sich bislang nur Wenige, Bewertungen und Kommentare ungefiltert einfach so neben ihre Angebote zu stellen. Und selbst Amazon fehlt noch etwas zur Vollkommenheit: Die Urteile und Rezensionen von Fachexperten bzw. Journalisten, die in den einschlägigen Medien veröffentlicht werden. Als Kunde hätte ich gern alles zusammen!

Die Verbindung aus Shop + Kundenrezensionen + Expertenurteile macht allein schon deshalb Sinn, weil wir als Verbraucher in dem unaufhörlich weiter steigenden Angebot an Produkten und Dienstleistungen immer schwerer den Durchblick behalten.

Wer sich etwa schon einmal die (hoffnungslose) Mühe gemacht hat, bei einem Auto wie dem VW Golf nur einen groben Überblick über die möglichen Varianten von Motoren und Getrieben zu bekommen, weiß wovon ich hier schreibe. Eine Bresche in das Dickicht schlagen immerhin die Kaufberatungen der Zeitschrift Auto, Motor und Sport. Nur wer jetzt noch so etwas wie Bewertungen von Kunden (wie bei Amazon) erwartet, kann bei Google lange suchen. Kein Wunder, tun sich doch die Hersteller schon bei ihren Konfiguratoren im Web erstaunlich schwer…

Hier gibt es also noch sehr viel Potenzial. Und ein Medienhaus wie Burda könnte dafür sogar gut positioniert sein: Mit circa 260 Print-Titeln hat man nämlich in sehr vielen Bereichen eine glaubwürdige Expertenbasis.

Wo liegen die Geschäftsmodelle?

  1. Handel: Das ist die naheliegendste Lösung. Wer einen Shop betreibt, sollte einen Teil der Spanne erhalten. Allerdings können die Margen hier extrem schwanken. Bei Oberbekleidung dürfte viel Spielraum sein, während bei Lebensmitteln die Luft schnell dünn wird.
  2. Expertenurteile: Hier wird es spannend! Denkbar ist, dass der Betreiber einer erfolgreichen Plattform die Verlage zur Kasse bitten kann, damit ihre Artikel verlinkt bzw. direkt eingestellt werden. Denkbar ist aber auch der umgekehrte Weg: Eine Plattform braucht die Expertisen eines renommierten Mediums und zahlt deshalb diesem Lizenzgebühren. Offen ist natürlich die Frage, wie es in diesem Kontext mit Blogs aussieht. Denn auch diese haben heute ja teilweise schon Expertenstatus. Vielleicht wachsen den Bloggern hier neue Einnahmequellen?
  3. Kundenrezensionen: Diese sind das Salz in der Suppe. Wer hier nicht auf eine genügend große Basis kommt, wird mit seiner Plattform scheitern. Im Konsumgüterbereich dürfen deshalb vermutlich keine Hürden aufgebaut werden, es muss alles „free and easy“ sein. Im B2B-Bereich dagegen könnte aber allein schon der Zugang zu einer guten Plattform so wertvoll sein, dass die User dafür bereit sind, Eintritt zu bezahlen. Denkbar wären auch Mischformen, wie etwa bei Xing praktiziert: Basisleistungen gibt es umsonst und frei zugänglich für jeden, höherwertige Inhalte dagegen nur gegen Zahlung. Wobei ich mit „höherwertigen Inhalten“ durchaus nicht nur die Artikel von Experten meine, sondern auch die Ansichten und Meinungen von Käufern.

Fazit: Im Web steckt noch jede Menge Fantasie und noch viel mehr Möglichkeiten für interessante Geschäfte. Meines Erachtens sollten sich aber nicht nur Medienhäuser wie Burda dazu Gedanken machen, sondern auch die Hersteller von Konsum- und Investitionsgütern, sowie natürlich die Dienstleister (etwa Banken!).

Eigenartigerweise können gerade die „Hersteller“ noch so gut wie gar nicht sehen, dass die Zukunft digital ist und folglich im Web liegt. Dabei zeigt die hier skizzierte Entwicklung, dass künftig Wertschöpfungsketten von der Herstellung bis zum Verkauf medial ganz anders geprägt sein werden als bisher und es für Unternehmen durchaus Sinn macht, den Fuß hier frühzeitig in die Tür zu bekommen. Sonst landet am Ende das Geschäft allein bei Frau zu Salm und Hubert Burda…

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Interesting post! As far as expert- and customer-reviews are concerned, the problem is more the network effect—Amazon has more customers and hence more reviews—than a lack of desire from retailers to implement them. The people who would like to sometimes prevent that from happening is most likely the manufacturers, though you see less and less manufacturer-as-retailers and more of a social phenomenon, where specific products are collected by the Amazons and comparison- engine’s of this world and those engines do encourage user-reviews.

    As far as expert-reviews go; I’m familiar with book-reviews and, I guess, the Cnet/Engadget-style tech-reviews, and I imagine it’s fairly easy to integrate (read: link) those kinds of reviews into your product-site. Again, manufacturers may have a problem with that, but they have to face that today’s world is much more transparent and that reviews can only help them make a better product.

    As far as the general movement of retail towards e-commerce goes, I’ve voiced my opinion on it a few times before and will likely do so again. I see all retail as shifting towards e-commerce eventually, though most likely in a hybrid fashion, combining the best of both the real and the digital world.

    Vincent

  2. @Vincent: Danke für diesen sehr guten Kommentar. Du sprichst da einen ganz entscheidenden Punkt an – Amazon hat viele Kunden und damit auch viele Bewertungen. Das wird nicht jeder (egal ob Händler, Hersteller oder Media Company) so für sich wiederholen können. Leider.

    Deine Verweise auf Cnet und Engadget sind sehr passend und beispielhaft. Zudem ergibt sich dort mit den meist vielen Kommentaren für den Leser ein sehr interessantes Bild zu den Produkten. Diese Art von Blog ist übrigens nicht nur auf den Tech-Sektor beschränkt: Mit medgadget gibt es so etwas inzwischen auch im Bereich Medizin(technik).

  3. Pingback: Sollen Kultureinrichtungen Bratpfannen verkaufen? « Das Kulturmanagement Blog

  4. Matthias, da sprichst Du eines der spannendsten Themen unserer Zeit an, vielen Dank! Immer mehr Branchen stellen fest, dass ihnen das Geschäft wegbricht und die Kunden abhanden kommen.

    Zwar sprichst Du die Dienstleister nur am Rande an, aber gerade für die sind die von Dir vorgestellten Ansätze „Expertenurteile“ und „Kundenrezensionen“ Gold wert.

    Worum geht es für mich als Dienstleister? Ich muss meine Kompetenz sichtbar machen und Vertrauen zu meinen (potenziellen) Kunden aufbauen. Beides kann mit den von Dir vorgestellten Ansätzen gelingen.

    Was den Handel betrifft, ist der Ansatz, den Christiane zu Salm vertritt, eigentlich recht klug. Es sind die neuen, überraschenden Schritte, die die Kunden anziehen. Insofern geht es nicht nur um das Abbilden der Wertschöpfungskette im Internet, sondern um die Entwicklung neuer Wertschöpfungsketten, in denen die Unterschiede zwischen der Online- und Offline-Welt verschwinden.

  5. Christian, das stimmt genau: Dienstleister haben ja kein Produkt, das man anfassen und „begreifen“ kann. Ihre oft abstrakte Leistung ist also denkbar gut für Empfehlungen bzw. Rezensionen geeignet.

  6. In jeder Branche wird immer mehr versprochen als gehalten werden kann, nur um Kunden zu gewinnnen. Dass sie nach kurzer Zeit dann wegbrechen, ist auch schon eingeplant. Also keine Panik.