Seid umschlungen, Millionen!

Mir ist nicht bekannt, ob Loic le Meur Beethovens Neunte kennt bzw. schon mal etwas von Friedrich Schiller gelesen hat. Ich vermute eher nicht, denn er legte uns ja neulich erst dar, wie er es schafft, seinen Tausenden von „Freunden“ auf Facebook, Twitter, Friendfeed und natürlich Seesmic zu folgen. Da bleibt sicher keine Zeit mehr für klassische Musik oder Gedichte.

Wir zumindest sollten uns unsere Zeit nicht gänzlich von diesen jungen Medien stehlen lassen. Und Loic le Meur sollten wir auch nicht glauben, denn so einen hanebüchenen Unsinn habe ich schon lange nicht mehr gelesen! Klar ist: Er hat etwas zu verkaufen. Und deshalb braucht er viele Kontakte, denen er das Gefühl vermitteln will, dass er ihnen nicht nur dauernd selbst etwas erzählt, sondern ihnen ebenfalls zuhört.

Im Grunde findet hier eine Perversion der Medien des Web 2.0 statt, indem diese wieder zu einer Art von „Massenmedium“ zurückverwandelt werden. Denn man kann nicht den Dialogcharakter all dieser Erfindungen nutzen und gleichzeitig die Kontaktzahlen in eine Höhe treiben, wie sie einer Fachzeitschrift als Auflage zu einem auskömmlichen Geschäft verhelfen würden.

In diesem Sinne kann ich auch Nico Lumma nicht zustimmen, der vermutet, Loic le Meur wolle nichts verpassen. Nein. Der kalifornische Franzose weiß ganz genau was er macht. Er führt die Leute hinters Licht.

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Provokant und richtig!

    Genau hier liegt auch mein Hauptkritikpunkt an den sog. sozialen Netzen wie Xing & Co., denn wer hat schon 100+ _richtige_! Freunde?

    Das Beispiel zeigt, wie man jedes gute Werkzeug auch missbrauchen kann; „wo Licht ist, ist auch viel Schatten“ 😉

    Dennoch sollten wir nicht immer gleich das Kind mit dem Bade ausschütten! Ich sehe auch in einem „Nonsens-Tool“ wie Twitter noch Chancen. Twitter und die gen. sozialen Netze ermöglichen uns leichter mit Kollegen und Geschäftsfreunden in Kontakt zu treten – und in Kontakt zu bleiben! (gerade für Selbständige sehr wichtig). Und jedem sollte auch klar sein, dass ‚Geschäftsfreund‘ nicht notwendigerweise ‚Freund‘ heißt 🙂 – gilt natürlich auch für die ‚Facebook-Freunde‘ 🙂

    Und ‚Just for Fun‘: gerade für Selbständige, die viel reisen, ist die Verlagerung der ‚Flurgespräche‘ ins Web natürlich auch eine willkommene Abwechselung; so Small Talk zwischendurch 🙂

  2. @Rainer: Danke für die Zustimmung! Und richtig ist: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Twitter oder Facebook sind wirklich interessante Instrumente.

    Nur sollte Loic le Meur nicht so tun, als würde seinen Tausenden von Kontakten („Freunden“) wirklich ernsthaft zuhören bzw. „followen“. Man kann es wirklich übertreiben.

  3. Twitter macht Spaß; mit Twitter kann man viel machen, aber sicher keine ernsthaften Gespräche unter Freunden führen. Und ich bezweifele auch, dass sich daraus ein „Geschäftsmodell“ entwickeln lässt.

    Mit facebook kann ich wenig bis gar nichts anfangen.

    Ach ja, friendfeed könnte noch interessant werden, da bin ich noch zwiegespalten …

  4. „Im Grunde findet hier eine Perversion der Medien des Web 2.0 statt, indem diese wieder zu einer Art von “Massenmedium” zurückverwandelt werden.“

    Love that line, man. A perfect description of what is happening.

  5. @Rainer: Twitter ist nicht nur ein Spaß-Medium. Man könnte über Twitter in einem Team, in dem alle mit-twittern, durchaus auch ernsthafte Botschaften mitteilen. Denn man erreicht so alle gleichzeitig – schneller geht es nicht. Klar: Sprachlich muss man sich dann natürlich kurz fassen können.

    @Vincent: Thank you so much! That really was the central message of my speech… 😉

  6. „Man könnte über Twitter in einem Team, in dem alle mit-twittern, durchaus auch ernsthafte Botschaften mitteilen.“

    Wie wollen Sie das trennen? Das geht m.E. nur, wenn Sie verschiedene Twitter-Accounts führen … das ist natürlich eine Möglichkeit! Ich arbeite in verschiedenen Projektgruppen, und meistens setzen wir ganz ‚1.0‘ auf E-Mail mit verschiedenen Verteilern. Geht auch 😉

    Für mich ist es sehr spannend zu sehen, wie sich Twitter entwickelt – ich übe gerade damit – Sie können mir gerne folgen 🙂

  7. @Vincent: That reminds me of my own twitter accout. It’s desperately waiting for me to twitter (finally)… 😉

  8. @Michael: Super! Vielen Dank für den Hinweis, ich kannte den Artikel dort noch nicht.

  9. Pingback: Das PM-Blog » Twitter, entweder geliebt oder gehasst