Facebook mit Gegenwind

Da kommt also Facebook mit seiner deutschen Sprachfassung hier an und in der Blogosphäre hat sich der Wind ganz schön gedreht: War man sich vor einigen Monaten noch ziemlich einig, dass dieses Social Network seine lokalen Konkurrenten, allen voran studiVZ, nur so wegpusten würde, bläst nun Facebook selbst ein strenger Wind ins Gesicht.

Robert Basic analysiert die Nutzerzahlen und kommt zum Ergebnis, dass der deutsche Markt stark zersplittert sei. Somit hätten die Networks deutscher Machart eine realistische Chance, im Wettbewerb mit den „dominierenden US-Plattformen“ bestehen zu können. Kurz- bis mittelfristig gesehen ist das sicher richtig. Langfristig sieht er etwas völlig Neues kommen, das die Social Networks ablösen könnte: Das Revival der Homepage sowie Networking als Commodity. Das wäre dann vielleicht so etwas wie eine „frei schwimmende Profilseite“, mit der Traffic teilweise zu mir selbst kommt oder ich damit aber auch irgendwohin gehen und zeitweilig andocken kann.

Vor dem Hintergrund eines solchen Szenarios sieht selbst der junge Mark Zuckerberg recht alt aus. Aber muss er sich deswegen Sorgen machen?

Sorgen sollte er sich um sein aktuelles Geschäft machen. Denn die fallenden bzw. stagnierenden Nutzerzahlen zeigen, dass die User der unnötig vielen Spielereien auf Facebook überdrüssig werden. Und das ist kein gutes Zeichen. Meines Erachtens hat man versäumt, ernsthafte (nützliche) Anwendungen zu entwickeln und etwa Facebook an die Spitze von Enterprise 2.0 zu setzen. Die Plattform ist ja da, es fehlen aber taugliche Applikationen für das Projektmanagement oder intelligente Wiki-Module für das Wissensmanagement. Facebook hätte die Intranet-Anwendung kleinerer Unternehmen werden können. Aber diese Möglichkeiten hatte man offensichtlich nicht im Blick.

Peter Thiel dachte wohl nur ans (schnelle) Geld und Mark Zuckerberg fehlt eben doch so etwas wie Berufserfahrung. Als schweren Fehler könnte sich auch noch herausstellen, dass man etwa den deutschen Markt ganz aus dem sonnigen Kalifornien steuern möchte. Ohne eigene Niederlassung aber, so denke ich, wird Facebook hier nicht richtig ankommen.

Facebook bräuchte wenigstens ein kleines Team hier vor Ort, das die einschlägigen Web 2.0 Veranstaltungen besucht, Kontakte zu Hochschulen und Unternehmen knüpft und nebenbei vielleicht noch den Politikern in Berlin erklärt, was Social Networks eigentlich sind. Und so könnte Andreas Göldi, der notorische Facebook-Pessimist, am Ende doch noch mit seiner Skepsis Recht behalten. Ich gebe aber die Hoffnung noch nicht ganz auf. Denn Mark Zuckerberg und seine Mannschaft mögen noch sehr jung sein. Dafür sind sie aber auch lernfähig, flexibel und durchaus noch für eine Überraschung gut.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Guter Artikel Matthias,
    ich sehe es ähnlich wie du. Vor allem glaube ich an die Innovationskraft, die in Facebook steckt. Das Team ist einfach von seiner Denke her Projekten wie StudiVZ, dem Schwergewicht hierzulande, Lichtjahre voraus. Die Frage ist, ob sie diese Innovationsgeschwindigkeit beibehalten können.
    Sie müssen schauen, wo die Reise hingehen soll mit Facebook.
    Recht gebe ich dir, das sie ein Team in Deutschland haben müssten, wenn sie hier wirklich Fuß fassen und StudiVZ attackieren wollen. Das ist unerlässlich. Aber was nicht ist, kann ja noch kommen. Ich wär dabei 😉

  2. @Matias: Sollen wir zwei uns bei Facebook bewerben? Ich käme dazu auch nach Berlin – dann führen wir zwei das deutsche Facebook Office und nutzen diese Stellung, um den deutschen Politikern mal richtig klar zu machen, was da im Internet so abgeht…. 😉

  3. Hi Matthias, ich glaube nicht, dass es der mfr. Anspruch von facebook ist, es allen Zielgruppen recht zu machen oder gar spezielle Dienste für bestimmte Zielgruppen (Thema Intranet…) zu entwickeln. Facebook will vor allem erstmal das größte SN weltweit werden und das ganze Wachstum und die aktuelle Bewertung durch möglichst einfache Wege monetarisieren, denk ich…, VG, René

  4. @René: Da könntest Du Recht haben. Obwohl ich gerade diesen Weg für schwierig bis unmöglich halte. Denn das Netz „für alle“ im Westen ist eigentlich schon MySpace. Und in anderen Regionen (Asien, Südamerika…) dominieren jeweils ganz andere Networks.

  5. Wäre es nicht sinnvoll, wenn sich Facebook und studivz zusammenschließen? Insbesondere da die deutsche Kopie noch unrentabel arbeitet, und dann hätte man auch gleich ein deutsches Team vor Ort.
    Oder sind die Fronten zu verhärtet? Weiß da jemand was…?