Sind Social Networks nur Zeitverschwendung?

Social Networks sind ein schöner Zankapfel: Sind sie nützlich oder die pure Zeitverschwendung? Haben Sie eine Zukunft oder sind sie schon bald mausetot? Die teils heftige Debatte (an der ich mich gern beteilige) zeigt, dass es da eine gewisse Ambivalenz gibt. Klar ist: Viel Sinnvolles scheint auf StudiVZ oder Facebook nicht abzulaufen. Wozu also braucht man diese Plattformen überhaupt, fragt deshalb Andreas Göldi neulich hier in den Kommentaren?

Fragen wir mal anders: Warum ziehen bestimmte Social Networks so viele Mitglieder an? Denn im Prinzip hat Andreas Göldi mit seiner Kritik vollkommen Recht. Um im Internet zu kommunizieren, brauche ich nur (1) einen Computer, (2) einen Anschluss an das Internet und (3) einen E-Mail-Account. Und diese drei Dinge sind auch Voraussetzung für die Anmeldung auf einem Social Network.Warum kommunizieren die Leute also nicht einfach per E-Mail, IM oder in einem der vielen Foren?

  1. Neue Bekanntschaften schließen: Haben Sie schon einmal nur über einen E-Mail-Account neue, zusätzliche Bekanntschaften geschlossen? Wohl eher nicht. Das aber ist es genau, was man auf Social Networks sehr gut tun kann. Man schaut sich die Profile anderer User an und dabei wiederum vorrangig auf deren Kontakte. So kann man sich endlos von Profil zu Profil hangeln und hat dabei immer die Möglichkeit, den eigenen Bekanntenkreis zu erweitern.
  2. Der Markenartikeleffekt: Ein Profil auf einem bestimmten Network ist mehr als nur eine Ansammlung von Daten. Der Kontext in dem diese Daten stehen, vermittelt immer auch etwas über den jeweiligen User. Wenn also ein Network wie Facebook „in Mode“ kommt, melden sich viele vermutlich nur deshalb an, um ebenfalls „in“ zu sein. Dabei sein ist alles, der eigentliche Gebrauch sekundär. Etwas von diesem Markenartikeleffekt vermittelt vielleicht auch der neue Auftritt der Lokalisten, der jetzt mehr Wertigkeit vermittelt (auch wenn er stellenweise wie eine Kopie von Facebook in Grün wirkt).
  3. Präsenz im Web zeigen: Mit einem E-Mail-Account bin ich nicht wirklich präsent im Netz. Ein solcher Account besitzt die Aussagekraft eines Briefkastenschlitzes – der kann größer oder kleiner, elegant oder einfach sein. Mehr aber nicht. Will ich etwas von meiner Person im Netz zeigen, brauche ich dazu schon eine eigene Website, ein Blog oder eben ein Profil auf einem Social Network. Und wenn ich schon ein „virtuelles Schaufenster“ betreibe, dann soll es auch gesehen werden. Eine einsame Website oder ein Blog irgendwo im Long Tail bringen aber nicht viel. Die Profile der Social Networks lassen sich da um Einiges einfacher beleben: Ich verschicke ein paar Nachrichten, verteile „Herzchen“ und gehe selbst auf „Schaufensterbummel“.
  4. Einfach die Zeit vertreiben: Das ist ein Punkt, den Andreas Göldi selbst sehr plausibel herausgearbeitet hat. Früher saß man eben unter der Dorflinde, heute hängt man auf den Plattformen des Web 2.0 ab. Und auch hier gilt wieder, dass Foren und die Errungenschaften des Web 1.0 sich dazu wenig eignen: Ein Forum ist nur so lange interessant, wie ich mich aktiv an der Unterhaltung beteilige. Will ich aber nur mal „herumschauen“, wird mir auf einem Social Network deutlich mehr geboten.

Diese vier Punkte zeigen: Social Networks sind alles andere als Zeitverschwendung. Sie sind sogar sehr effizient, wenn es darum geht, ein Beziehungsnetzwerk aufzubauen oder sich selbst im Netz darzustellen. Wie die Betreiber der Plattformen davon (finanziell) profitieren können, ist eine ganz andere Sache…

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo,
    ich denke, dass diese Liste der Nutzen- und Nutzungsaspekte noch erweitert werden kann, Stichwort Collaboration (als Kontrast zum Zeitvertreib).
    Plattformen wie bspw. ning.com oder sixgroups.com entwickeln das Konzept der monothematischen Online-Communities, die Menschen „unter“ einem Thema organisieren, weiter. Zum einen können die Nutzer hier ein umfangreiches persönliches Profil anlegen und Kontakte knüpfen (Profilorientierung a la XING, StudiVZ u.a.), andererseits können sie in Foren und Gruppen Fotos, Texte und Videos beitragen (Ressourcenorientierung a la Flickr, YouTube u.a.). Also werden hier zwei Ansätze (Profilorientierung und Ressourcenorientierung), die häufig exklusiv verfolgt werden, offensiv kombiniert (Hybrid-Netzwerke?). Für die Herausbildung einer digitalen Identität findet hier durch diese Kombination eine qualitative Erweiterung statt. Weiter wird der monothematische Rahmen (XING: Business, StudiVZ: Studium, SchülerVZ: Schule etc.) bei Services wie six groups gesprengt. Mit einem Login können Nutzer Mitglied mehrerer Communities werden. Damit wird „nur“ der Realität entsprochen. Im realen Leben ist jeder Mitglied in unterschiedlichen „Offline-Communities“: Familie, Beruf, Freizeit, Alumni u.v.a.

  2. @Johannes: Danke für die ausführliche Ergänzung. six groups kannte ich zudem noch nicht. Collaboration als ernsthafter, zielgerichteter Dialog ist sicher ein wichtiger Bestandteil für Social Networks.

  3. oha, welch eine Grafik!.
    Der Titel ist ja schon so schön: Mal in meinen Worten: „Braucht der Mensch soziale Beziehungen?“ och… 🙂
    Nein, klar, unzählige Gründe gibts.

  4. @Norman: Danke. Aber die Ansichten sind da eben sehr unterschiedlich. Noch in den 1830er Jahren galt das Fahren mit der Eisenbahn als gefährlich und potentiell krankmachend. So ändern sich die Zeiten… 😉

  5. Pingback: bwl zwei null » Facebook mit Gegenwind