Börsenkrise, Wirtschaftskrise oder Internetkrise?

„Die Nachrichten aus der Wirtschaft sind derzeit alles andere als erfreulich“ schreibt Andreas Göldi und stellt zwei Szenarien auf, wie denn eine sich verschlechternde Wirtschaftslage auf das Internet durchschlagen könnte. Ich selbst habe in der letzten Woche, als die Börsenkurse abrupt fielen gemutmaßt, dass wir vor einer Krise von historischem Ausmass stehen. Ist es wirklich so schlimm? Und sollte man sich bei Göldi eher an die pessimistische oder an die optimistische Perspektive halten?

Zunächst einmal denke ich, dass sich die Geschichte nie wiederholt. Wir werden also keine neue Internetkrise bekommen. Das Internet ist mittlerweile so stark und fest etabliert, dass es auf seiner bestehenden Basis nicht mehr nennenswert erschüttert werden kann. Denn Teile der aktuellen Krise, etwa in der Musikindustrie, spielen sich gerade nicht im Internet ab (wo die Umsätze stetig wachsen), sondern im Bereich der „Old Economy“ (sinkende Umsätze im Verkauf von CDs).

Sollten also Unternehmen der Musikindustrie straucheln oder sogar spektakulär zusammenbrechen, wird das Musikgeschäft im Internet davon nur marginal getroffen: Amazon, iTunes und andere mögen zeitweilig weniger schnell wachsen, ernsthaft bedroht ist diese Form des digitalen Geschäftes nicht mehr.

Bei den Zeitungen könnte sich ein ähnliches Bild ergeben: Rezessionsbedingt fallende Werbeeinnahmen und die ohnehin langsam und stetig abnehmende Leserschaft mag das eine oder andere Blatt ernsthaft gefährden. Den Sektor „News im Internet“ tangiert das nur wenig, er dürfte in den nächsten Jahren kontinuierlich weiter wachsen und auch weiter steigende Werbeeinnahmen verzeichnen.

Die aktuelle Krise trennt nicht mehr eine (funktionierende) Old Economy von einer (strauchelnden) New Economy, sondern verläuft quer durch die Branchen und trifft in erster Linie alle Unternehmen, die massiv vom Medienwandel und den Verlagerungen ins Web tangiert sind. Dabei werden die alten, realwirtschaftlichen Geschäftsmodelle erschüttert und in Frage gestellt.

Und das Web 2.0? Kommen hier alle ungeschoren davon?

Alle nicht, aber viele. Denn das Web 2.0 ist ein Hungerkünstler. Die Wikipedia schlägt sich wacker mit Spenden und den Geldern der Stiftung. Viele Startups operieren ohne Venture Capital und die meisten Blogs haben nur wenig Leser und noch weniger Werbeeinnahmen. Alle Beteiligten wissen aber, dass das Internet „wächst“ weil mit jedem weiteren Jahr neue User dazu kommen, während am oberen Ende der Bevölkerungspyramide Jahrgänge wegsterben, die das Medium kaum kannten oder nutzten.

Dabei soll hier nicht verharmlost werden, dass wir vor großen Verwerfungen stehen. Denn noch kann ich nicht sehen, wie die Abbauprozesse im realwirtschaftlichen Bereich (und die damit verbundenen Arbeitsplatzverluste) auf der digitalen Ebene kompensiert werden können. Das Thema wird uns also noch weiter beschäftigen.