Wissen im Netz

Seit jeher versucht der Mensch Wissen zu erwerben und es zu speichern. Dabei hat sich in einem Jahrhunderte dauernden Prozess Papier als Trägermedium durchgesetzt. Papier kann man bedrucken und zu Büchern binden. Mit dem Aufkommen von Computern seit Mitte des 20. Jahrhunderts konnte man Wissen dann auch digitalisiert speichern. Und obwohl davon reichlich Gebrauch gemacht wurde (und wird), war dies lange Zeit keine Bedrohung für die „Wissensindustrie“, die sich rund um Bücher, Zeitungen und Zeitschriften entwickelt hatte.

Doch mit dem Internet hat sich ein Systemwettbewerb aufgetan, wo jahrhundertelang keiner war. Denn auf einmal war digitales Wissen leicht publizierbar und zudem überall verfügbar. Das war ein entscheidender Vorteil, der mit dem Web 2.0 so richtig ausgespielt werden konnte.

So hat bei den Lexika die Wikipedia ihren gedruckten Wettbewerbern innerhalb von nicht einmal einem Jahrzehnt den Rang vollständig abgelaufen und dabei gleich noch das Geschäftsmodell außer Kraft gesetzt: Allgemeinwissen ist jetzt frei zugänglich und das in einer Fülle und Aktualität, wie es noch vor 10 Jahren niemand für möglich gehalten hätte.

Nicht ganz so schnell zu nehmen waren die Fachverlage mit ihren angesehenen Wissenschaftszeitschriften. Denn für die Karriere von Wissenschaftlern spielen Publikationen in diesen Medien immer noch eine sehr große Rolle. Wikis und Blogs konnten deshalb hier erst Randbereiche einnehmen.

Da aber unsere Wissensmenge immer weiter (exponentiell?) zunimmt, wird Social Software im Wissenschaftsbetrieb schon sehr bald unersetzbar werden. Denn Wikis und Blogs sind um Längen schneller und flexibler als gedruckte Medien, die häufig recht lange Vorlaufzeiten bis zur Publikation haben. Online-Medien haben aber noch einen weiteren Vorteil: Sie lassen sich durch semantische Software bzw. (Vor-) Formen von künstlicher Intelligenz erschließen, was gedruckten Medien schon bald schmerzlich fehlen wird.

Das hat mir das Interview von Frank Westphal beim Elektrischen Reporter wieder ins Bewusstsein gerufen: Rivva arbeitet nämlich schon mit „ganz einfachen Mechanismen der künstlichen Intelligenz“. In diesem Sinne glaube ich auch immer mehr daran, dass nur offene (also frei zugängliche) Wissenssysteme eine Zukunft haben.

(Fach-) Bücher und Zeitschriftensammlungen könnten demnach wesentlich schneller zu Datenfriedhöfen und wertlosem Altpapier mutieren, als wir das heute denken. Um 2020 könnte dieser Prozess abgeschlossen sein. Das Internet hätte dann innerhalb von nur 30 Jahren einen über Jahrhunderte aufgebauten „Markt für Wissen“ vollkommen über den Haufen geworfen…

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Auch bei den Publikationen in wissenschaftlichen Zeitschriften ist dieser Trend zu spüren, schon länger steigt die Zahl der Co-Autoren ständig und skalenfrei (Arbert-László Barabási in Science Vol.308, 2005)

    Das Internet unterstützt demnach die Entwicklung des „Markt für Wissen“, nur die traditionellen Verbreitungswege werden wohl in Mitleidenschaft gezogen. Die Suchkosten für Informationen gehen langsam gegen Null und das wirkt sich auf das Geschäftsmodell aus.
    (passend zum neuen Buch von Chris Anderson).

  2. @Kai: Herrn Barabási finde ich zwar im Netz, kann seinen Artikel aber mangels Mitgliedschaft im „AAAS“ nicht lesen… 😉

    Am klassischen Marktmodell verdienten die Verlage (als Herausgeber) sowie die Druckereien. Beide Instanzen werden im Web nicht mehr gebraucht. Indirekt verdienen am Internet die Hersteller der Hardware (Computer, Handhelds…) sowie die Anbieter der Zugänge (Telcos).

    Auf das neue Buch von Chris Anderson bin ich auch schon gespannt…

  3. Wobei man das Buch ja gar nicht verteufeln muss. ich lese immer noch gerne Bücher und außerdem sind sie wahrscheinlich auch langlebiger als die ganzen Daten, die wir digital abspeichern.

    Kritisch sehe ich den Akt des Abschottens, der die Diskussion und damit die Weiterentwicklung eines Themas nur im geschlossenen Kreis erlaubt. Damit nimmt man sich viele Chancen, denn Heterogenität fördert Innovation. Und die brauchen wir eigentlich alle.

  4. Ich stimme Christian über mir zu: Ob es positiv ist, dass das Internet dabei ist, einen wie du richtig sagst, über Jahrhunderte aufgebauten „Markt für Wissen“ über den Haufen zu werfen, und das in kürzester Zeit, würde ich sehr in Frage stellen.
    Sollte es der Menschheit einmal nicht mehr gelingen, die wachsende Datenmenge auf immer neuere Speichermedien zu migrieren (dazu braucht es wohl noch nicht mal eine Katastrophe, man betrachte nur einmal die Unbeständigkeit in der Menschheitsgeschichte. Anzunehmen, dass es uns gelingt, unser Wissen über Jahrtausende lang bei Innovationszyklen von unter 10 Jahren ständig auf neue Maschinen zu packen, ist vielleicht ein wenig naiv), dann stehen wir vor einem Scherbenhaufen aus Nullen und Einsen, den niemand mehr jemals sinnvoll dechiffrieren kann.

    Wenn einer unserer Nachfahren in einer solchen Zeit dann eine Plastikscheibe ausbuddelt (in einer längst vergangenen Epoche nannte man das Ding „CompactDisc“), dann weiß ich nicht, ob er sich nicht mehr über jenes „nutzlose Altpapier“ aus jener Zeit freut, das er immer noch lesen kann, im Gegensatz zu der CD.

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