Wissenskonzepte im Wettbewerb: Wikipedia, Google und der Spiegel

Die Wikipedia ist ein Meilenstein in der Entwicklung des Internets und eine kulturelle Leistung, auf die wir als Menschheit stolz sein können. Dass dieses frei zugängliche Wissen mit Traditionen bricht und sogar Geschäftsmodelle ins Wanken bringt, ist dabei unvermeidlich. Aber die Wikipedia selbst ist nicht unverwundbar. Sie hat Schwächen in ihrem System und Wettbewerber. Bei uns in Deutschland weniger bekannt sind etwa Citizendium, Squidoo oder HubPages. Am Rand werden die Grenzen ziemlich fließend und gehen in Suchmaschinen wie Mahalo oder Yahoo Answers über.

Nun hat auch Google angekündigt, eine eigene Wissensbasis aufzubauen und darin, im Gegensatz zur Wikipedia, die Autoren beim Namen zu nennen (und sogar abzubilden). Der wenig elegante Markenname „Knol“ leitet sich vom Wort „Knowledge“ ab, sein Dienst ist noch nicht öffentlich zugänglich.

Wie es der Zufall will, kündigt der Spiegel nur wenige Tage später an, „alle relevanten Informationen auf einen Klick“ bieten zu wollen, indem man mit Bertelsmann zusammen ein Wissensportal eröffnet, in das die Inhalte der Spiegelhefte, des Bertelsmann Lexikons sowie Artikel der Wikipedia zusammengeführt werden.

Wo spielt also künftig die Musik?

  1. Die Wikipedia wird weiter den Ton angeben. Das Lexikon ist bereits so groß und reaktionsschnell, dass ihm allenfalls finanzielle Engpässe gefährlich werden können. Die Ablehnung der Wikipedia in Fachkreisen („nicht zitierfähig“) tut der Sache keinen Abbruch, weil breite Bevölkerungsschichten sich mit der Leistung der Wikipedia offenbar sehr gut bedient fühlen. Gesichertes Fachwissen gibt es in anderen Wikis, etwa hier (IAM-Wiki).
  2. Über Google’s Knol lässt sich noch wenig sagen. Den Ansatz über die Nennung von Autoren in Kombination mit Werbung halte ich für zum Scheitern verurteilt. Denn so lassen sich leicht gute Artikel für potentiell trafficstarke Artikel finden („Schnupfen“), nicht aber für politisch schwierige Themen („Auschwitz“). Zudem scheint mir ungeklärt zu sein, ob eine beliebige Privatperson etwa über den Kölner Dom schreiben dürfte (und an der Werbung verdienen), während die Kirche nach Geldern zum Erhalt des Bauwerks sucht (moralische Konflikte)?
  3. Der Ansatz von Spiegel Wissen weist in die richtige Richtung. In Zeiten von immer mehr frei verfügbarem Wissen ist die Aggregation ein wichtiges Thema. Allerdings könnten die beteiligten Partner übersehen, dass künftig der maßgebliche Faktor nicht die Inhalte, sondern die Suchmaschinentechnologie und semantische Software sein werden (Trend von der „Suchmaschine“ zur „Antwortmaschine“).
  4. Schon in naher Zukunft wird fast jede Form von Wissen im Netz frei verfügbar sein. Der traditionelle Markt für das Sammeln, Aufbereiten und Publizieren von Wissen dürfte nach und nach verschwinden. Die „Wissensindustrie“ folgt damit der Musikindustrie. Diese hat ihre Inhalte lange zu schützen versucht, nur um dann doch der Entwicklung (ratlos) hinterher zu laufen. Gestützt wird dieser Trend von der aktuell ablaufenden Entwicklung zum „semantischen Web“, das im nächsten Jahrzehnt das Bild prägen dürfte.
  5. Darauf folgt sehr wahrscheinlich das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz (AI) und Singularität. Aussagen zum zeitlichen Horizont mache ich an dieser Stelle lieber nicht: Es könnte schnell gehen (2020?), oder noch lange dauern (2050?).

 

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich finde es interessant, dass ein Grossteil der Blogosphäre davon ausgeht, dass mit „Knol“ ein Angriff auf Wikipedia erfolgt. Was aber ist die Basis eines solchen „Angriffs“, wo sind die Differenzierungsmerkmale? Wo ist aus Nutzersicht „Knol“ dann besser als Wikipedia?

    Schaut man sich die verfügbaren Informationen daraufhin an fällt auf, dass „Knol“ auf einem neuen „User Generated“-Ansatz aufbauen soll. Bislang kannte man in der Web 2.0-Welt vor allem Ansätze wie

    – User Created/Generated Content
    – User Organized Content
    – User Distributed Content
    – User Marketed Content

    usw. (falls es weitere Ansätze gibt bin ich für einen Hinweis zur Ergänzung dieser Liste dankbar). Mit „Knol“ kommt jetzt ein weiterer Ansatz auf den Prüfstand: „User Authorized Content“. In Spiegel Netzwelt ist dieser Ansatz gut kommentiert:

    „knol verhält sich zu Wikipedia wie eine Monografie zu einem Lexikon. Anders als bei der Wikipedia, wo der einzelne Autor nichts ist, der gemeinsam erarbeitete Inhalt dagegen das Maß der Dinge, sollen knol-Artikel Autorenwerke sein. Am liebsten wären Google offenbar schreibende Fachleute, die hoch kompetent aus ihren Fachbereichen berichten – in Form von stark personalisierten, mit Profilen verbundenen Artikeln.“

    Allerdings gibt es in der Web 2.0-Welt schon eine Reihe von expertenfokussierten Ansätzen, die gescheitert sind. Gleichzeitig aber nehmen die qualitativ hochwertigen „Open Content“ – Ansätze zu. Es wird spannend werden zu sehen, auf welche Seite sich „Knol“ schlagen wird!

  2. @Joachim: Google hat, im Gegensatz zur Wikipedia, ein Problem: Wer hier mit seinem guten Namen als Autor mitmacht, setzt darauf, dass Knol insgesamt eine gute Reputation bekommt. Das aber ist noch nicht sicher.

    Auch das jahrelange Hin und Her um die Wikipedia, die ja inbesondere von Lehrern und Dozenten gerne kritisiert wurde, mag die Sache für Google nicht automatisch besser machen.

    Das von mir verlinkte IAM-Wiki sehe ich dagegen als alternatives Positivbeispiel: Es bleibt in überschaubarem Rahmen und ist der Reputation der Beteiligten sicher nicht abträglich. Eher im Gegenteil. Als Autor geht man hier kein Risiko ein.

    Zumal ich fürchte, dass sich Knol und die Wikipedia früher oder später in massive Streitigkeiten in Sachen Urheberrecht verwickeln könnten, wenn Vorwürfe laut werden, die eine Seite hätte von der anderen abgeschrieben….

  3. @Joachim

    Der Grund für die häufige Interpretation „Google greift xyz an“ dürfte darin liegen dass Google genau dieses **immer** unterstellt wird – zuletzt ja auch in der Diskussion um Google Dos& Spreadsheets vs. MS Office. Diese Interpretation ist für viele ein liebgewordener Reflex geworden, über den wir uns nicht wundern sollten 😉