Bloggen Sie schon, Herr Doktor?

Macht es schon Sinn, nach dem „wie richtig bloggen“ zu fragen, wenn für die meisten Unternehmen noch nicht einmal klar ist, „warum“ sie es überhaupt tun sollten? So fragten sich manche Leser hier zu meiner aktuellen Präsentation. Bei Robert Basic fand ich indirekt dazu eine Antwort. Er befasste sich nämlich mit DocInsider, einem von inzwischen mehreren Patientenportalen, auf denen Patienten ihre Ärzte bewerten können.

Ärzte sind im Prinzip ja auch Unternehmer und sie fühlen sich offenbar etwas unwohl angesichts der neuen Möglichkeiten im Web, bei denen nicht nur Gutes über sie verbreitet wird. Hinzu kommt, dass angesichts der Vielzahl von Portalen der einzelne Arzt auch kaum mehr sinnvoll mitverfolgen kann, wo gerade etwas über ihn geschrieben wird, sei es Lob oder Kritik.

Was also tun?

Die Antwort ist einfach: Mit gleicher Waffe parieren! Wenn Verbraucher und Patienten das Web 2.0 nutzen um sich zu äußern, sei es im (privaten) Blog, in einer Social Community oder einem Forum (die gibt’s ja auch noch!), darf der Arzt und Unternehmer nicht bei seiner (starren) Website à la Web 1.0 stehen bleiben.

Diskussionen wie hier von einem Arzt in den Kommentaren des Blogs geführt, gehen an den neuen Realitäten vorbei. In dem Maße, wie das Web immer mehr zu einer „zweiten Haut“ des Menschen wird, nimmt es auch unser ganz natürliches Bedürfnis nach Dialog, Meinungsäußerung und Disput (!) in sich auf.

Unternehmer sollten sich darauf einstellen und mitmachen. Kleine Firmen und Arztpraxen können ihre Website durch eine Blogsoftware ersetzen. Sie müssen nicht permanent bloggen, sollten aber ein „schnelles“ Medium an der Hand haben. So können sie rasch und einfach Neuigkeiten aus ihrer Unternehmenspraxis veröffentlichen, aber auch auf Einträge in (anderen) Blogs, auf Portalen oder in Foren reagieren und verlinken.

Eine etwas einseitig geratene Kritik in einem Forum mag man vielleicht gern durch eine Art Gegendarstellung auf der eigenen Website relativieren. Und die positiven Kritiken zu verlinken kann sich erst recht lohnen: Denn welche Werbung wirkt besser als die Aussagen zufriedener Kunden bzw. Patienten?

Wenn man bei Qype der Ansicht ist, die Stimmung im Web 2.0 würde „kippen“, bleibe ich da gelassen. Es mag sein, dass wir in kurzer Zeit etwas viel Portale bekommen haben, auf denen bewertet, gelobt oder gemeckert werden kann. Jetzt liegt es erst einmal an den Unternehmen und Ärzten, auf diese Entwicklung angemessen zu reagieren. Und fangen diese erst einmal richtig an, sich selbst freier im Web zu äußern und gezielt zu verlinken, wird das wiederum den Traffic auf den Portalen beflügeln. So gesehen, hat das Web 2.0 gerade erst begonnen!

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ärzte und Web 2.0? Bruhaha. 😉 Die Tücke liegt da im Selbstverständnis. Check mal die obersten SERPs für relevante Keywords auf Suchmaschinentricks. Aha, soso. Und bitte jetzt nicht: Die wissen nichts davon. Da ist schon vor drei, vier Jahren der Krieg ausgebrochen mit dem Motto: Ich muss oben stehen. Übersetzt heisst das: Relevanz wird durchgesetzt. So, und mit der Haltung sollen die ins Web 2.0, den Rückkanal feiern?

    Und wie willst Du jemanden beraten, der kaum Zeit hat Email zu beantworten oder alles nicht liest was über eine Bildschirmlänge hinausgeht (scollen! Hochtechnologiealarm!)? Oder einfach nur auf mit full quote replied ohne durchzulesen? Im Gespräch zwar professionell zuhört (Seminar „Aktives Zuhören“), aber gleich wegnickt, weil er schon 6 Stunden operiert hat?

    Einer der Haken im Klein- und Mittelstand ist doch, das die meisten Vorgesetzten noch nicht mal den ECDL bestehen würden, den sie von ihren Angestellten verlangen. – Ich hör jetzt lieber auf, sonst plauder ich noch ausm Nähkästchen. 😉

    Irgendwann ist Schluss mit Pädagogik und man wartet einfach nur noch auf einen Generationenwechsel.

  2. Ach Siggi, Du raubst mir ja alle meine Illusionen! Ich dachte nämlich schon, ich bekomme da jetzt eine neue, lukrative Zielgruppe… 😉

    Aber im Ernst: Du hast zwar recht, aber mit der Betonkopf-Mentalität werden die Arztpraxen nicht weit kommen. Und wir reden da nicht von einer negativen Bewertung, die irgendwo auf einem Portal allein herum steht und für Empörung sorgt. Wir reden von 50, 60, 80 Bewertungen, die in der Summe durchaus ein Bild vermitteln, das recht nahe an der Realität liegen dürfte.

    Wie will der Arzt das noch ignorieren? Wie dagegen vorgehen, wenn es offenbar keine Einzelfälle sind?

    Und bleiben wir da ruhig bei harmlosen Dingen wie den Wartezeiten: Wenn das häufig genug moniert wird, wird der Arzt das möglicherweise durch sinkende Fallzahlen zu spüren bekommen und muss beim Zeitmanagement was tun. Eine öffentlichkeitswirksame Reaktion auf seiner Blog-Website ist da noch der kleinste Teil der Arbeit.

    Man schaue da auch auf Amazon: Auflagenstarke Bücher bekommen mit der Zeit erstaunlich viel Bewertungen, die man gar nicht mehr alle lesen kann. Das ist aber auch gar nicht nötig, denn die Bewertungen selbst können ja auch wieder bewertet werden. Im Ergebnis lese ich nur zwei oder drei Bewertungen, die von vielen anderen sehr hoch eingestuft worden sind. Die vermitteln dann ein recht treffendes Bild, aufgrund dessen ich mir selbst ein Urteil bilden kann.

    Und findet sich hier jemand, der bestreiten würde, das dieses System bei Amazon Einfluss auf die Verkaufszahlen einzelner Bücher hat?

    Klar: Im Moment ist im Bereich der Medizin-Portale noch Vieles erst Zukunftsmusik. Wenn der Arzt aber mal unternehmerisch denkt und 5 Jahre vorausschaut, ist die Lawine nicht mehr zu stoppen…

    Danke übrigens für den Hinweis auf den ECDL, hier der Link dorthin.

  3. Ärzte als „Macher“ von Business-Blogs werden in Deutschland wohl noch etwas länger brauchen, um zum Massenphänomen zu werden. Das hat neben den oben genannten imo noch die folgenden Gründe:

    Web, egal ob 1.0 oder 2.0, wird in Deutschland immer noch als Werbemedium, weniger als Kommunikationsmedium verstanden. Ärzte und auch Apotheker unterliegen und unterlagen in der Vergangenheit jedoch restriktiven Werbebeschränkungen, so dass die „darstellende Kunst“ in diesen Berufsgruppen weniger entwickelt und wohl auch weniger toleriert ist. Ganz anders übrigens bei Rechtsanwälten, wie die mehr als 100 Lawblogs in Deutschland zeigen.

    Viele Ärzte und Apotheker sind, verglichen mit anderen beratenden Berufen, des Schreibens entwöhnt. Ihre Tätigkeit ist ja häufig eine wirklich „handgreifliche“, die sich aber nicht hauptsächlich am PC abspielt. So gibt es zwar immer wieder auch großartige Schriftsteller mit medizinischem ackground. Die Masse der Ärzteschaft gilt aber als Internet-Muffel.

    Viele niedergelassene Ärzte unterliegen in Deutschland bei einem Markt mit gut abgesteckten Claims überhaupt keiner Konkurrenzsituation, die es notwendig machte, auf die „digitale Reputation“ zu achten. Sie haben häufig ganz andere Sorgen, vor allem, wie sie irgendwann einen solventen Nachfolger für ihre Praxis finden. Und Zeit – die man braucht, um ein Blog zu füttern und zu pflegen – steht für die deutsche Ärzteschaft als knappes Gut höher im Kurs, als der mögliche Nutzen eines Business Blogs.

    Soweit ganz kurz meine Erfahrungen aus den Versuchen, Mediziner für Business Blogs zu begeistern. Offenere Ohren für die Idee findest Du in denjenigen beratenden Berufen, in denen eine gewisse Konkurrenzsituation vorhanden ist, die die (Einzel-)unternehmer dazu zwingt, sich von der Masse ihrer (Web 1.0)-Kollegen abzusetzen. Diese Berufsgruppen fragen von sich aus bei Dir an, ob Du sie bei der Erstellung eines Business-Blogs unterstützen kannst. Denen brauchst Du nicht hinterherzulaufen.

    Viele Grüße, Karl-Heinz

  4. @Karl-Heinz: Aus Dir spricht zweifellos der erfahrene Praktiker! Danke für die sehr guten Ergänzungen.

    Die Erfahrung, dass Personen mit wenig PC-Berührung kaum von Social Software (also nicht nur Blogs) zu überzeugen sind, konnte ich auch schon hinlänglich machen: Geschäftsführer mittelständischer Unternehmer fallen nämlich auch darunter.

    Das führt dann bisweilen zu kuriosen Situationen, etwa wenn hierarchisch tiefer angesiedelte Mitarbeiter eines Unternehmens meine Vorschläge befürworten (diese arbeiten ja auch den ganzen Tag am PC), während ihr Chef damit nicht recht warm wird…

    Aktuell schreibt dazu gerade Andrew McAfee (Harvard), dem diese Problematik jetzt auch so richtig bewusst zu werden scheint.

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