Nachgefragt bei: Kai Guschal

Kai Guschal ist Experte für Usability und arbeitet als Web Developer bei der doubleSlash Netbusiness GmbH. Er kennt die Anforderungen an Barrierefreiheit bzw. Usability nicht nur in Bezug auf das Internet, sondern auch bei der Gestaltung unternehmensinterner Anwendungen.

Barrierefreiheit und Usability: Meinen eigentlich beide Begriffe das Gleiche oder gibt es einen Unterschied?

Man könnte meinen, dass es sich bei beiden Begriffen um den gleichen Inhalt in anderer Verpackung handelt. Barrierefreiheit beschreibt jedoch die Anforderungen an Gegenstände oder Einrichtungen, dass sie von jedem Menschen, auch mit Behinderungen, uneingeschränkt benutzt werden können.

Usability beschreibt hingegen die Gebrauchstauglichkeit eines Gegenstandes oder Produktes für eine bestimmte Benutzergruppe in einem definierten Nutzungsumfeld. Dies kann durchaus bedeuten, dass ein Benutzer mit Behinderung ausgeschlossen wird, weil er nicht zum definierten Benutzerkreis zählt. Umgekehrt werden Gegenstände/Produkte oft besser, wenn man auf die Barrierefreiheit achtet. Denn dann sollen ja eben alle in den Genuss des Gegenstands/Produktes kommen.

Wenn Du mit dem „Expertenblick“ im Internet surfst, fallen Dir häufig gestalterische Mängel ins Auge oder ist das Internet heute schon weitgehend barrierearm und benutzerfreundlich?

Ich entdecke oft Seiten, bei denen selbst ich, als Vielsurfer, mit der Beschaffung von Informationen überfordert bin. Leider trifft man noch recht häufig auf solche Seiten. Eigentlich merkt man selbst recht schnell, ob eine Seite benutzerfreundlich ist. Spätestens, wenn man nach wenigen Minuten entnervt aufgibt, eine Information von einer Seite zu bekommen, dürfte diese nicht sonderlich benutzerfreundlich gestaltet sein.

Ob Seiten barrierearm sind, sieht man meistens nicht auf den ersten Blick. Zumindest müssen es die Angebote öffentlicher Anbieter seit Dezember 2005 sein.

Und wie sieht es bei unternehmensinternen Anwendungen aus? Viele Programme oder auch Portale gleichen sich ja in ihrer Optik und der Handhabung immer mehr an Muster (Vorbilder) aus dem Internet an. Dieser Trend ist ja eigentlich zu begrüßen, oder?

Ich finde diesen Trend sehr gut. Denn konsistente Gestaltung führt ja gerade dazu, dass eine Seite / ein Portal nutzbarer wird.

Ich selbst habe an einer großen Intranetanwendung – Portierung einer Anwendung ins Firmennetz und Optimierung für Callcenter-Mitarbeiter – mitentwickelt, bei der auch Barrierefreiheit ein Thema war. Dort war sie sogar so wichtig, dass die Anwendung durch einen externen Gutachter abgenommen wurde.

Ansonsten ist Usability natürlich das Riesenthema. Denn effizientes Benutzerverhalten spart einem Unternehmen immense Kosten. Nur wenn eine Seite erwartungskonform gestaltet ist, kann dies erreicht werden. Gerade bei dem oben erwähnten Projekt war es sehr wichtig die Funktionsweise und Platzierung der Buttons zu bewahren. Dadurch sollte zusätzlicher Schulungsaufwand für die Benutzer vermieden werden.

Ist da eigentlich das Web 2.0 ein Schritt in die richtige Richtung? Ich selbst bin da bisweilen im Zweifel, weil zwar Blogs sehr einfach in der Handhabung sind, Wikis dagegen praktisch zum Lesen, aber nicht immer ganz einfach beim Editieren.

In Sachen Usability, was ja ein Bestandteil des Web 2.0 ist, mit Sicherheit. Der Einsatz von neuen Techniken, wie zum Beispiel Ajax, macht das Surfen angenehmer. Ladezeiten verkürzen sich, da Inhalte erst bei Bedarf nachgeladen werden und das störende Flackern beim Reload einer Seite entfällt.

Oder ich habe die Möglichkeit, meine Seitenaufteilung selbst zu bestimmen, indem ich Portlets frei verschieben bzw. konfigurieren kann. Aber der Umgang mit den Gadgets sollte vernünftig und in Maßen von statten gehen. Selbst im Portal der Aktion Mensch „Einfach für alle“ kommt Ajax zum Einsatz. Gibt man oben rechts in der Suche einen Begriff ein, werden schon nach den ersten Buchstaben Ergebnisse der „livesearch“ angeboten. Darunter kann man per Javascript die Schriftgröße und den Schriftstil beeinflussen. Dies zeigt mir, dass Usability nicht zwingend das Ende der Barrierefreiheit bedeutet. Richtig gut eingesetzt ist „Web 2.0“, wenn der Benutzer es gar nicht merkt.

An welche Empfehlungen kann ich mich selbst halten, als Blogger und damit Betreiber einer Website?

Zunächst sollte eine Seite konsistent gestaltet sein. Das bedeutet, dass „Gleiches gleich gestaltet“ ist. Die Seiten sollten gleichartig sein. Das Logo immer an der gleichen Stelle platziert und Rubriken der Navigation sollten nicht verändert werden. Die Seite sollte nach dem „Prinzip der geringsten Überraschung“ gestaltet werden und Erwartungskonformität bieten.

So soll man zum Beispiel Icons oder Symbole verwenden, die dem Besucher aus der Windowswelt bekannt sind. Den meisten ist wohl geläufig, dass eine Diskette als Symbol für einen Download/Speichervorgang steht.

Dann sollten Inhalte nicht hinter aussagelosen Links versteckt werden. Bestes Beispiel ist „Klicken sie hier“. Was ist „hier“?

Beachtet man diese beiden Punkte, hat man eigentlich schon die halbe Miete. Weitere Punkte sind Lesbarkeit, Ermöglichen von Feedback, Optimierung der Navigation und Anbieten von Mehrwert.

Es sollte am Besten nur eine Schriftart (z.B. Arial) verwendet werden. Textpassagen kurz und Überschriften einzeilig halten. Keine Kursiv- (Italics) und keine Laufschriften verwenden. Dem Benutzer sollte anzeigt werden, wo er herkommt („breadcrumb trail“ – Brotkrumenpfad) und wo er hin kann. Auf seine Aktion muss eine Reaktion folgen („busy cursor“, Fortschrittsbalken oder Ähnliches).

Der Benutzer sollte unterschiedliche Zugänge (Sitemap oder Index) haben und Introseiten überspringen können. Ihm sollte angezeigt werden, wie viele Seiten es zu einem Thema gibt und die Anzahl der Rubriken sollte sich an der Regel von Miller orientieren (7+-2).

Ein Mehrwert bieten den Benutzern die Seiten, die einen inhaltlichen Mehrwert wie Linklisten, Kundenforen, FAQ Seiten, etc. vorweisen. Oder dem Benutzer „Infotainment“ (Spiel und Spaß) anbieten. Beliebt sind hier Online-Spiele, Preisausschreiben, Downloads, etc.

Beachtet man diese 7 Grundregeln, steht dem Erfolg einer Seite eigentlich nichts mehr im Weg.

Vielen Dank, Kai, für das Gespräch. Alle Artikel im Rahmen der Blog Parade listet das MAIN_blog auf. Und hier noch die Infos, die den Auftakt der Parade betreffen (Idee, Zielsetzung).

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Interessante Fragen mit informativen Antworten.

    Hoffentlich kommt niemand auf die Idee die 7 Grundregeln auf den Websites von doubleSlash zu überprüfen.
    Wie immer ist vermutlich der eigene Hof schlechter gekehrt, als der des Kunden 😉

  2. Es müssen nicht die „Angebote öffentlicher Anbieter“ seit Ende 2005 barrierefrei sein, sondern Angebote des Bundes. Nichtsdestotrotz halten sich auch immer mehr Städte und Gemeinden daran und – sehr zaghaft – auch Unternehmen aus der freien Wirtschaft.

    Zu „Web 2.0“ muss ich sagen, dass das nicht unbedingt zum Vorteil der Benutzerfreundlichkeit ist. Richtig eingesetzt schon, aber manche Website wird dadurch nur noch schlimmer was Usability als auch Barrierefreiheit angeht.

  3. Ok, das war vielleicht etwas zu ungenau ausgedrückt. Gemeint waren mit „öffentliche Anbieter“ natürlich die „Behörden der Bundesverwaltung“.
    Auch im zweiten Punkt stimme ich zu.
    Web 2.0 dort, wo es Sinn macht.
    Wie jedoch der Biene Award (http://www.biene-award.de) zeigt, kann Web 2.0 für Menschen mit Behinderungen auch soziale Barrieren abbauen.

  4. Klicken Sie hier ist gut, da ich das sehr häufig entdecke. Ich frage immer was hier sein soll. Gute Ratschläge ansonsten.

  5. Pingback: Firmen träumen von einfacheren Webanwendungen

  6. Pingback: Freude am Bahnhofskiosk mit Entwickler Magazin

  7. Pingback: bwl zwei null » Accessibility