Über Bücher im Netz diskutieren: Shelfari und readme.cc

Wie war das doch mit MP3? Erfunden wurde die segensreiche Technik in Deutschland, richtig vermarktet aber in den USA. Dies kam mir in den Sinn, nachdem ich zuerst readme.cc und danach das amerikanische Pendant Shelfari sah. Beide Dienste sind Communities für Bücherfreunde, die über Bücher diskutieren wollen. Zentrales Element bei beiden ist das digitale Bücherregal: Jeder, der ein Profil hat, kann sich ein virtuelles Regal mit seinen Büchern erstellen. Natürlich kann man dann im nächsten Schritt schauen, was Andere so auf ihrem Regal „stehen“ haben und mit ihnen in Dialog treten.

Auch wer sich nicht sonderlich für Literatur interessiert, sollte dennoch unbedingt einen kurzen Blick in beide Plattformen werfen! Denn das europäische readme.cc ist ein schönes Beispiel dafür, wie man es besser nicht macht: Nur halbherzig im Web 2.0 angekommen, wirkt schon die Optik altbacken und schwerfällig. Shelfari dagegen wirkt leicht, übersichtlich und intuitiv verständlich.

Geradezu lachhaft finde ich den Versuch bei readme.cc, keine Werbung für Verlage zu machen (warum eigentlich nicht?) und die Buchcover explizit nicht zu zeigen. Shelfari dagegen gibt sich zwanglos und zeigt die Bücher wie sie eben sind. Klar auch dass die Entstehung von readme.cc auf einer gewöhnlichen Seite dargestellt wird, während die Amerikaner ein Blog verwenden.

Entscheidend ist aber natürlich die Frequenz der User (jenseits aller optischen Mäkelei meinerseits). Leider geht auch diese Runde klar an die Amerikaner: readme.cc zeigt mir populäre Leser und deren Buchtipps an, wobei die Anzahl der Tipps zwischen einer Handvoll und knapp 100 schwankt. Shelfari bietet als vergleichbare Kategorie „Opinions“ an, die Zahlen reichen hier bis in den vierstelligen Bereich.

Bei den populärsten, also meistbesprochenen Büchern immerhin kann Europa einen Trostpreis einfahren, steht hier doch Vladimir Nabokovs Lolita an erster Stelle (mit 8 Kommentaren), während die Amerikaner mit einem Band von Harry Potter da natürlich nicht mithalten können (obschon er 20.867 Kommentare auf sich vereinigen konnte). Schon der oberflächliche Zahlenvergleich spricht also Bände.

Und schließlich: Wie steht es um das Marketing beider Plattformen? Nun ja, readme.cc dürfte so eine Art „Geheimtipp“ in der Literaturszene sein (oder täusche ich mich da?). Shelfari dagegen hat es verstanden, sich immer wieder geschickt in Szene zu setzen. Seine Widgets sind ein Gesprächsthema und natürlich hat man auch eine Applikation für Facebook.

Fazit: Eine Social Community in Sachen Literatur kann gut funktionieren und sogar zum Selbstläufer werden. Entscheidend für den Start dürfte aber ein geschicktes Marketing sein, während die Akzeptanz auf Dauer wesentlich von der Usability der Plattform abhängt. Löblich immerhin, wenn readme.cc ausdrücklich als europäische Plattform ausgelegt ist, die unserer Sprachvielfalt Rechnung trägt. Das allein ist aber zu wenig, Amerika, du hast es besser!

Ein Interview mit einem der Hauptakteure von readme.cc hat Thomas Vehmeier im März diesen Jahres geführt. Den Impuls zu diesem Artikel gab mir Christian Henner-Fehr.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Vielen Dank, daß Sie meinen Artikel aufgenommen haben. Ich kann Ihren Vergleich im großen nachvollziehen und teile ihn.

    Dennoch sind shelfari und readme.cc sind unter komplett anderen Voraussetzungen und mit unterschiedlichen Zielsetzungen gestartet. Shelfari ist ein Unternehmen, welches sehr viel Geld von Amazonbekommen hat, wogegen readme.cc kooperativ verwaltet wird und öffentlich gefördert ist. Keine Schande, aber einfach schwer zu vergleichen.

    Es ist für mich klar, daß ab einem gewissen Punkt, nur ein kommerzielles Unternehmen mit shelfari mithalten kann. Normalerweise müssten sich die europäischen Verlage und Buchhändler nach readme.cc die Finger lecken. Völlig unverständlich für mich, daß hier kein größeres Investment vorgenommen wird. Aber die Details kenne ich derzeit nicht.

    Falsche kommerziele Zurückhaltung wird dem readme.cc-Projekt jedenfalls nicht guttun. Es wäre wünschenswert, wenn Europa hier mehr hinbekommt…

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