Virtuelle Welten sind nicht zu bremsen

Könnte man die Berichterstattung in den Printmedien als Seismographen nehmen, wäre Second Life derzeit auf dem absteigenden Ast und Linden Lab (die Betreiberfirma) dürfte sich reichlich Sorgen machen. Da aber eher die Printmedien auf jenem „absteigenden Ast“ sitzen, brauchen wir deren launische Berichterstattung zu diesem Thema nicht ernst zu nehmen.

Das Gegenteil ist nämlich der Fall. Den Virtuellen Welten steht in den nächsten 5 bis 10 Jahren eine erstaunliche Entwicklung bevor. Hier ein paar aktuelle Indizien:

  1. Linden Lab und IBM haben bekannt gegeben, dass sie gemeinsam daran arbeiten, die Interoperabilität zwischen verschiedenen virtuellen Welten zu ermöglichen. Auch wenn damit zunächst mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet werden, weist die Initiative in die richtige Richtung.
  2. Multiverse Network und Google werden ebenfalls kooperieren, und zwar dahingehend, dass die Erstellung virtueller Welten wie aus einem Baukasten heraus spielend einfach wird. Was heute noch wenigen Spezialisten vorbehalten ist, soll in (naher?) Zukunft vielen möglich sein.
  3. Da passt es ganz gut, dass es japanischen Forschern gelungen ist, Avatare in Second Life mittels „Gedankenübertragung“ direkt aus dem Gehirn zu steuern. Wer es nicht glauben kann, muss sich das Video ansehen (so wie ich).
  4. Der Analyst Adam Sarner von Gartner sieht so rosige Zeiten für virtuelle Welten voraus, dass diese sogar im Blog des Singularity Institute besprochen werden. Dass sich aber Gartner überhaupt mit dem Thema beschäftigt, ist schon sehr bemerkenswert.
  5. Und die Kollegen vom MindSharing Blog berichten ausführlich darüber, dass den Computerspielen „goldene Zeiten“ bevor stehen. Das werden auch die Betreiber virtueller Welten wohlwollend zu Kenntnis nehmen, sind doch in den letzten Jahren die Grenzen beider Bereiche zunehmend verschwommen.

Das Thema dürfte also bald schon aus der Nische heraustreten. Deshalb hier auch der (leider etwas kurzfristige) Hinweis auf das Social Web Breakfast, das Klaus Eck am 17.10. in München veranstaltet. Thema ist – wie könnte es anders sein – Second Life.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Zwiespältigkeit macht sich breit …

    Einerseits wurde die ganze web3d G’schichte in den letzten Monaten auch dem werten „Normal-Publikum‘ in geradezu erstaunlicher Weise immer wieder vorgekaut (staunender Günther Jauch u. ä.), andererseits habe ich meine real existierenden Zweifel, ob die Kiste wirklich schon so ‚human benutzable‘ ist, wie oft vermeldet wird …

    Nicht vergessen: ‚Wir‘ sind nicht die Masse – 8 von 10 Verwandten, Bekannten oder ähnlichen Kohlenstoffeinheiten denken offensichtlich, dass ich ne Macke habe, wenn ich (ehrlich gemeint und) enthusiastisch über Secondlife & Co referriere.

    Und in „5 bis 10 Jahren“ erwarte ich eigentlich schon das komplette Tron-Feature-set. Da will ich nicht mehr an der persönlichen Arbeitsstation hocken, um mühsam mit Badewannen-, Windmühlentaste und Zeigereinheit meinen Avatar in newBerlin ankieken zu müssen.

    Anyway, easypeasy!

  2. Ich seh das auch etwas gedämpfter. Vor allem wenn man sieht das es sowas wie Croquet gibt und niemand darüber berichtet. Warum berichtet niemand darüber? Weil es in der Berichterstattug nur scheinbar um 3 D geht. Gemeint ist aber SL. Wäre es anders müsste man das ganze Feld aufrollen und unter Gesichtspunkten wie Usebility, Effektivität, Erkenntnisgewinn etcpp und SL neben Croquet oder Wow stellen. Sehen wir das? Nö. Die Debatte ist ein trojanisches Pferd.

    Umkehrschluss: da so wenig über Croquet und andere funktionierende 3D-Kisten in einem größeren vergleichenden Rahmen nachgedacht wird, ist das Thema nicht wirklich der Knaller. Die SL-Fanboys zählen genauso wenig, wie jemand der katholisch geboren wurde. 😉

  3. Danke für die ausführlichen Stellungnahmen. Also gibt es da möglicherweise eine wachsende Diskrepanz zwischen der (technischen) Entwicklung von 3D („was ist machbar“) und der Akzeptanz auf breiter Ebene („kulturelle Adaption“).

    Croquet kannte ich noch nicht – hier ein Link dazu: Croquet Consortium (Open Source Software Foundation).

  4. Nehmen wir doch einfach mal das Beispiel Croquet für eine Mikrostudie über die Mechanismen in einer Aufmerksamkeitsökonomie. Wer hat darüber berichtet das Intel nicht nur SL unterstützt, sonder dem Croquet-Konsortium beigetreten ist? Wer weiss denn schon das in Croqut Objekte einfach so zusammengelickt werden können? Ach was red ich. 😉 Schnittstellen freiglegen bei SL? Pah!: Croquet ist Open Source. Schon immer. Also, was geht hier vor!? Aufmerksamkeitsökonomietechnisch gespeakt.

    Empfehlenswert: Die Videos auf dem Croquet-Blog von Julien Lombardi

  5. Sind wir schon in der Aufmerksamkeitsökonomie? Ich bin da nicht so sicher…. 😉

    Aber zum Kern der Sache: Vergleichen wir Croquet mit SL, dann haben wir also ein Open-Source-Projekt und ein privat-kommerzielles Unternehmen. Die Aufmerksamkeit geht dahin, wo am lautesten getrommelt wird. Und das dürfte wohl ganz klar SL sein (die müssen ja auch!).

    Dazu kommt dann noch der „die Reichen werden reicher – Effekt“: Worüber ohnehin schon gesprochen wird, wird noch mehr gesprochen und SL kann das nur recht sein.