Nachgefragt bei: Oliver Gassner

Oliver Gassner arbeitet – ja als was eigentlich? Als Multitalent: Trainer, Problogger, Journalist, Berater und Buchautor. Er ist 43 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Mit seiner Familie lebt er in Vahingen / Enz (nordöstlich von Stuttgart).

Mit Olivia Adler zusammen hast Du gerade ein Buch zu Second Life geschrieben. Wen wollt Ihr damit hauptsächlich erreichen?

An sich alle, die sich kompakt und kompetent über Second Life informieren wollen ohne mit Hype oder Weltuntergangsszenarien genervt zu werden. Wir wollten nicht noch eine Anfänger-Anleitung mit Riesenscreenshots liefern. Wir wollten denen, die schon da sind Orientierung liefern, die Kultur von SL in den Blick rücken aber auch Firmen erste Hinweise geben, wie SL – und virtuelle Welten allgemein nutzbar sein können.

Einige Phänomene in Second Life finden Einsteiger (insbesondere mit einem Business-Hintergrund) befremdlich, etwa Avatare in Tiergestalt oder Avatare mit Flügeln. Wie geht man mit dieser Vielfalt am besten um?

So wie mit Vielfalt in der realen Welt auch: Man versucht zu verstehen und zu tolerieren. Ich finde menschliche Phantasie an sich eines der spannendsten Dinge auf diesem Planeten und SL macht diese Kreativität sichtbar. Das mag Menschen, die Welt gern in schwarzweiß hätten, irritieren. Ich sehe es so: Phantasie und Kreativität sind unsere letzten Chancen, um auf diesem Planeten noch ne weile Gastrecht zu haben. Deshalb ist alles begrüßenswert, was diese menschlichen Eigenschaften fördert und übt. SL ist dafür ein Mosaiksteinchen.

Ein besonderer Reiz an SL liegt sicher in der Vielfalt an Handlungsmöglichkeiten und Erlebnisdimensionen. Wo siehst Du vor diesem Hintergrund die Perspektiven und künftigen Schwerpunkte: Eher im Bereich Fantasy und Freizeit, oder werden Bereiche wie Business und Didaktik mehr Gewicht finden?

Das ist, wie wenn man fragt, ob man mit einem Computer besser Geschäftsbriefe schreiben oder virtuelle Monster umballern kann. Das Faszinosum des Werkzeugs Computer liegt ja in seiner Eigenschaft als ‚Turing-Maschine‘, das heißt: Es ist der Universal-Simulator. Mit der Textverarbeitung simuliere ich ne Schreibmaschine, mit World of Warcraft oder Counterstrike ‚Räuber und Gendarm‘ und mit SL eben alles, was in die dritte Dimension geht: Präsenz. Das Spannende ist jetzt, wo man das überall einsetzen kann. Ob SL jemals für First-Person-Shooting oder Rennsimulation geeignet sein wird, lass ich hier mal offen, aber für bestimmte Spielkontexte ist es, wie man aktuell ja sieht, geeignet.

Und 3D-Systeme spielen bei der Geschäftskommunikation sicher in Zukunft einen große Rolle. Seien es Konferenz-Systeme wie wir sie von CISCO in der neuen 24-Staffel sehen oder Meetingszenarien wie sie IBM und andere in SL und anderen 3D-Systemen ausprobieren. Recruiting findet schon heute teilweise in SL statt, Universitäten experimentieren mit eLearning und der Knackpunkt ist: es geht da eben beides und alles, so wie ich vormittags mit dem Rechner meine Brief schreibe und abends ein paar Monster kleinschrededdere – oder meine CDs verwalte oder…

Second Life ist lange Zeit schnell gewachsen, zuletzt flachte dieses Wachstum aber etwas ab. Ist die Zeit vielleicht doch noch nicht reif für virtuelle Welten?

Das plötzliche starke Wachstum kam durch den Medienhype, nicht dadurch, dass SL selbst sich aufgeplustert hätte. Dass das Wachstum wieder stetig ist, statt exponentiell, ist eher angenehm. Die die nur mal gucken wollten sind wieder weg und die, die an 3D und seiner Zukunft mitarbeiten wollen, kommen weiterhin. Reife ist ja nichts was als Explosion kommt, insofern ist stetiges Wachstum der Reife zuträglicher als exponentielles. Ein bisschen affig kommt es mir vor, dass die, die SL gehypt haben es jetzt trotz Wachstum schon schwinden sehen.

Wie denkst Du über die möglichen Pläne von Google, auf Basis von Google Earth ebenfalls eine virtuelle Welt zu bauen (eine sog. Mirror World). Wäre das gut oder schlecht für Second Life?

Es ist ja nur scheinbar so, als sei Second Life allein auf weiter Flur. Es gibt nicht nur frühere 3D-Welten (auf die wir ja im Buch hingewiesen haben) es gibt auch einen ganze Reihe von Alternativen, die nicht erst seit dem Hype in Entwicklung sind. Man sollte wohl davon ausgehen, dass Konkurrenz nicht nur das Geschäft belebt sondern auch die Qualität verbessert und die Ausdifferenzierung begünstigt.

Google ist ja weniger an ‚erfundenen Dingen‘ interessiert als an der Abbildung oder besser: ‚Duchsuchbarmachung‘ dessen was ‚ist‘. Anders: „Berlin“ in SL wird sicher etwas anderes sein als „Berlin“ auf GoogleEarthMirrorWorld und ich könnte mir vorstellen, dass beides nebeneinander zu ganz verschiedenen Zwecken dient.

Auch heute gibt es ja die Internetseiten der Stadt Berlin und Berlin bei Diensten wie Qype und das ist auch kein Problem. Generell wird wie gesagt das Thema 3D bleiben und sich ausweiten und je mehr Ansätze es da gibt, desto mehr wird man sehen, was da trägt und was nicht. SL-Experten halten SL selbst nicht unbedingt für das letzte Wort zu dem Thema. Das sehe ich auch so.

Vielen Dank, Oliver, für das Gespräch.

Danke dir auch 😉