Unternehmenssoftware: Das Web 2.0 kommt durch die Hintertür

Immer noch gerate ich gelegentlich ins Staunen ob der Diskrepanz die sich in Sachen Internet, Computernutzung und Arbeitstechnik auftut: Da rennen auf der einen Seite die Anhänger des Web 2.0 mit ihren Gurus, Evangelisten, Nerds und Geeks freudig den neuesten Trends entgegen, üben sich im Micro-Publishing, debattieren über Social Networks und pflegen im Übrigen ihre Kontakte über Blogs, Barcamps und in Second Life.

Auf der anderen Seite scheint in vielen mittelständischen Unternehmen und deutschen Amtsstuben die Zeit eher stehen zu bleiben. Das Internet? Gewiss, den Anschluss hat man schon aber produktiv damit arbeiten tut man nicht. Viel eher stehen Aktivitäten im Netz schnell im Geruch des privaten Zeitvertreibs, da sich man vielerorts nicht vorstellen kann, wozu das Internet sonst taugen soll. Aber auch ohne World Wide Web steht es nicht gut um das computerisierte Büro: Nicht nur unsere Ämter, auch die Verwaltungsbereiche vieler Unternehmen ertrinken geradezu in einer Papierflut und Masse an Vorgängen, die sich immer zur Not auch ohne Computer, aber nie ohne diverse Papiere bearbeiten und erledigen lassen.

In diesem Sinn hat Irving Wladawsky-Berger vollkommen recht, wenn er voraussagt, dass jetzt nach einer langen Phase der Automatisierung und Perfektionierung der industriellen Fertigung die Verwaltungsbereiche dran sind. Hier werden wir in den nächsten 10 Jahren massive Veränderungen erleben, in deren Zug auch das Web 2.0 auf breiter Ebene Einzug halten wird – nur aus einer ganz anderen Richtung.

Innovative Software-Unternehmen arbeiten bereits mit Hochdruck daran, Funktionalitäten wie wir sie aus dem Web 2.0 kennen, in Anwendungen zu integrieren, mit denen Prozesse gesteuert und Daten verwaltet werden können. Dabei erleben die Anwender dann etwa eine ganz neue Arbeitsqualität, wenn sie sich nicht mehr an starre Masken gewöhnen müssen, sondern sich Bildschirmoberflächen relativ individuell konfigurieren können. Dank Ajax wird vieles in der Anmutung leichter und im Ablauf schneller. Natürlich müssen in diesem Kontext weder Blogs noch Wikis fehlen, nur heißen sie hier nicht so.

In Amerika sehen die ersten Vordenker in diesem Zusammenhang schon das Ende der gerade erst flächendeckend etablierten ERP-Software heraufziehen. Und da ist dann meist auch das Thema „Software as a Service“ nicht weit, also das Outsorcing der Unternehmenssoftware, die anschließend fremdbezogen nur noch elegant im Browser läuft.

Ganz zweifellos stehen wir (bzw. die Unternehmen) hier vor spannenden Veränderungen. In Bezug auf den Mittelstand bin ich aber skeptisch, ob es hier schon in den nächsten 10 Jahren zu einem signifikanten Outsorcing von Software und Daten-Management kommen wird. Ich sehe eher eine andere Perspektive: Software für den Mittelstand erhält in den nächsten Jahren nicht nur die Funktionalitäten des Web 2.0, sondern auch die in der Robotik vorhandenen Ansätze zur künstlichen Intelligenz. Unternehmenssoftware wird künftig also in beschränktem Umfang in der Lage sein, Zustände und Vorgänge selbst zu erkennen und in gewissem Rahmen autonom zu bearbeiten (erledigen).

Meine Vermutung in diesem Zusammenhang ist, dass administrative Arbeiten, die seit einigen Jahren gerne aus (dem Hochlohnland) Deutschland nach Osteuropa oder Asien verlagert werden, wieder zurückkehren, sobald sie größtenteils automatisiert werden können und man die verbleibenden (manuellen) Vorgänge und Entscheidungen eher wieder direkt am Sitz der Firmenleitung wird treffen wollen.

Das damit verbundene Rationalisierungspotenzial dürfte für Unternehmen wirtschaftlich wesentlich interessanter sein als die Auslagerung (sensibler) Daten oder das Mieten von Software samt der zu deren Betrieb erforderlichen Speicher- und Rechenkapazitäten.

Und das Web 2.0? Seine Wesenselemente werden mitten drin sein und vielfach wohl eher als eine Art Begleiterscheinung wahrgenommen werden. Denn es ist gut möglich, dass die Rationalisierungseffekte künftiger Unternehmenssoftware in ihrer Wirkung wesentlich nachhaltiger sein werden als die einfachere und schnellere Arbeit mittels Blogs, Wikis, Bookmarks und RSS.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Da muss ich doch mal eine Lanze für die österreichischen Amststuben brechen. Zumindest für die, mit denen ich zu tun habe. Das Thema Steuer läuft z.B. nur noch elektronisch ab, Rechnungsbelege müssen nur in besonderen Fällen geschickt werden.

    Wahrscheinlich gibt es auch eine Kehrseite der Medaille, aber das sicher überall so.

    Beim Thema Software bin ich, muss ich gestehen, sehr vorsichtig geworden. Wenn ich mir überlege, welche Software ich in den letzten Jahren ausprobiert habe, dann ist der Prozentsatz der Programme, bei denen ich bis heute geblieben bin, sehr sehr gering. Obwohl ich z.B. viel mit Projekten zu tun habe, benutze ich immer noch sehr häufig Excel. Und ich kann es auch verstehen, wenn wer seine E/A-Rechnung auf Papier macht. Häufig ist der Aufwand für eine Umstellung zu groß.

    Und was die Web2.0-Elemente angeht, da haben Sie völlig recht. Die werden in den wenigen Applikationen, mit denen die Menschen arbeiten, aufgehen und niemand wird davon sprechen. Und so wie es heute selbstverständlich ist, eine Mail zu schicken, werden wir in ein paar Jahren vielleicht über RSS und IM kommunizieren. Und ich denke, etwas besseres kann all den Dingen, die als Web2.0 verkauft werden, gar nicht passieren. Entweder sie werden genutzt oder sie waren eh nicht gut genug.

  2. schöner Post mit einer Korrektur aus meiner Sicht:
    Gerade der Mittelstand ist der Gewinner von SaaS, Virtualisierung und Outsourcing. Mittelständler können und wollen sich nicht -wie die Konzerne- eigene bombensichere Rechenzentren leisten. Wenn sie flexibel sein müssen und sich sinniger Weise auf ihr Kerngeschäft fokusieren, sind sie auf derartige Dienstleistung angewiesen.

    Wo ich dir Recht gebe ist, dass die „Selbermach“-Denke im Mittelstand erst ganz langsam ausbleicht. Wobei ich auch hier wieder Frage: „Was eigentlich, ist der Mittelstand?“

  3. Tja, Oliver: Was eigentlich, ist Web 2.0? Und was ist der Mittelstand? Fragen über Fragen…. 😉

    Die Datensicherheit als Argument für eine Auslagerung habe ich noch nicht bedacht.

  4. Diese beiden Fragen beschäftigen mich auch. Von 2.0 hab ich keine klare Vorstellung und ob ich als Kleinunternehmer eindeutig als Mittelständler durchgehe, ist eine andere Frage. Ich sehe jedoch eindeutig, das dieser Kelch den meisten Handwerksbetrieben durchgeht. Einerseits hab ich wohl das Glück Siggi Becker zu kennen, zum anderen sehe ich mittlerweile Chancen, die vor kurzer Zeit nicht ahnte.