Kampf der Kulturen: Das Web 2.0 eckt immer noch an

Letzte Woche hat es wieder mal einen Blogger erwischt und keinen Unbedeutenden: Stefan Niggemeier sah sich mit einer Abmahnung konfrontiert, weil jemand auf seinem Blog einen Kommentar abgegeben hatte, der offensichtlich eine Rechtsverletzung eines Unternehmens enthielt. Zwar hat Stefan Niggemeier den zweifelhaften Kommentar schnellstmöglich von seinem Blog entfernt, dem betroffenen Unternehmen reichte das aber nicht und so nahm die Sache ihren Lauf.

Die rechtliche Seite dieses Vorgangs beleuchtet Carsten Ulbricht in seinem Blog, das Blogosphärische behandelt Robert Basic auf seine unnachahmliche Art. Gibt es da noch etwas, das nicht schon gesagt gebloggt wäre? Ich denke schon.

Hier geht es ganz wesentlich um Marketingpolitik und das Unternehmensimage. Mit dem Aufkommen des Web 2.0 rutschen Unternehmen in ein Dilemma, da sie nun gewissermaßen die Kontrolle über ihre Darstellung in der Öffentlichkeit mehr und mehr verlieren. Wo gebloggt und kommentiert wird, wo selbstgedrehte Videos auf Plattformen hochgeladen werden und alles zusammen untereinander fröhlich verlinkt und getaggt wird, da fällt es immer schwerer den Überblick zu behalten und ggf. Falschmeldungen, Verunglimpfungen oder sonstige Manipulationen aufzuspüren und ihnen entgegen zu treten.

Vor allem: Wie tritt man solchen Rechtsverletzungen am besten entgegen? Und genau da scheint mir so eine Art „Kampf der Kulturen“ im Gange zu sein. Die eine Kultur hält es für das Beste mit den klassischen Methoden zu arbeiten, also Anwälte zu beauftragen und Abmahnungen zu verschicken. Die andere Seite hält mit dem Web 2.0 dagegen und vertraut auf eigene Kommentare (im Sinne von Gegendarstellungen) oder besser noch Blogartikel (so man über ein eigenes Blog verfügt und dessen Stimme ausreichend stark wahrgenommen wird).

Grundsätzlich ist das kein rein deutsches Phänomen, sondern eine globale Frage. Ross Dawson aus Australien schreibt ganz aktuell dazu in seinem Blog, gerade als ob er den aktuellen Fall hier bei uns live mitverfolgt hätte. Natürlich schlägt er sich auf die Seite der „Web 2.0 Kultur“ und hält rechtliche Schritte für eher unwirksam.

Möglicherweise liegt er mit dieser Ansicht richtig. Und gut möglich ist auch, dass eine Abmahnung für einen längst entfernten Blog-Kommentar (der also nur wenige Stunden online war) eine Überreaktion darstellt, die mit der darauf erst einsetzenden, öffentlichen Debatte eher zum Eigentor für das eigene Image wird – ungeachtet der rechtlichen Lage. Hätte man im vorliegenden Fall die Sache auf sich beruhen lassen (weil der Kommentar ja sehr schnell wieder gelöscht worden war), wäre das vermutlich für alle Beteiligten besser gewesen (ausgenommen vielleicht für den Anwalt).

Fazit: Recht haben (im juristischen Sinn) ist eine Sache, das Unternehmensimage eine andere. Und ein „Kampf der Kulturen“ gerät schnell zum sinnlosen Grabenkampf, bei dem es keine wirklichen Gewinner gibt.

 

 

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Mein Mitleid mit Stefan Niggemeier und den sonstigen Bloggern hält sich in Grenzen. Das deshalb, weil ich aus den Kreisen der Überwachungsgegner bislang immer nur Jubelbekundungen über Einschränkungen der Meinungsfreiheit gegen rechts gehört habe. Wer sich über gesetzliche Meinungseinschränkungen begeistert und nicht kapiert, daß auch die eigene “ gute“ Meinung nur gedeihen kann in einem Klima der positiven Bewertung der Meinungsfreudigkeit , der bekommt für soviel Ignoranz nun vom Kapitalismus die Quittung. Eine Kultur der Meinungsfreudigkeit gab es in Deutschland noch nie(politisch Lied, garstig Lied), und Stefan Niggemeier ist mir noch nie als Befürworter der vollen Meinungsfreiheit aufgefallen.

  2. Zwei Anmerkungen:
    Bad news are good news; es geht nur darum, in den Medien aufzuscheinen. Daher spielt es keine Rolle, wie ich in einem Blogbeitrag wegkomme.

    Zweitens kann es ein Unternehmen unter Umständen leicht verschmerzen, in der Blogosphäre einen schlechten Ruf zu haben, denn die Blogosphäre ist (noch) klein und die Zielgruppe (= Kunden) wählt das Unternehmen eventuell aus ganz anderen Gründen aus.

    Vielleicht imponiert das den Kunden sogar, wenn sich das Unternehmen entschlossen zur Wehr setzt. So sinnlos ist der Grabenkampf also vielleicht gar nicht.

  3. @Thomas: Zweifellos geben sich Unternehmen derzeit eher hart gegenüber Bloggern. Das wird Ihnen auf Dauer nur nicht viel nützen, wenn neben Blogs auch diverse Social Platforms erst einmal zum Mainstream gehören. Zudem hoffe ich, dass zumindest die jüngere Generation hierzulande es mit der Meinungsfreiheit anders hält und die Dinge unverkrampfter angeht (und zwar auf Dauer!).

    @ Christian: Nicht für jedes Unternehmen sind „bad news“ immer auch „good news“. Der konservative Mittelstand ist da sehr empfindlich (leider!). Dass die Blogosphäre noch klein ist, ist wohl wahr. Warum dann aber diese harsche Reaktion im vorliegenden Fall? Ob das wirklich von der Zielgruppe der betroffenen Firma wahrgenommen und für gut befunden wird, kann ich kaum einschätzen.

  4. Stimmt, bad news sind nicht für alle good news, aber das Prinzip funktioniert sehr häufig.

    Wahrscheinlich würden auch mittelständische Unternehmen davon profitieren; dem steht dann aber das eigene Wertesystem gegenüber, das es nicht erlaubt, „bad news“ einzusetzen.

    Ob die klagende Firma im konkreten Fall etwas davon hat, wenn sie sich in der Blogosphäre unbeliebt macht, kann ich nicht sagen. Wichtig ist grundsätzlich nur, dass die eine Zielgruppe nicht ident mit der zweiten ist. Wenn ein börsennotierter Konzern beispielsweise Mitarbeiter entlässt, dann macht er sich unter Umständen in der Öffentlichkeit oder bei Mitarbeitern unbeliebt (Zielgruppe 1), sein Aktienkurs steigt aber, weil die Aktionäre (Zielgruppe 2) darin ein Zeichen von Entschlossenheit sehen. In dem Fall wäre Zielgruppe 1 sogar größer als Gruppe 2.

    Es hängt also immer davon ab, wo ich meine Reputation steigern möchte.

  5. Da haben Sie recht! Das betroffene Unternehmen ist meines Wissens nach eine Aktiengesellschaft und operiert somit vor unterschiedlichen „Öffentlichkeiten“….