Zeitungen ohne Papier: Eine Antwort an Andreas Göldi

Andreas Göldi stellt sich in einem aktuellen Blogbeitrag die Frage, ob Zeitungen ohne ihre Printausgaben überhaupt leben könnten und verneint dies. Ich sehe die Sache jedoch etwas anders:

  1. Onlinemedien sind anders als Printmedien. Blogs etwa zeigen dies sehr gut: Sie bieten mit ihren Verlinkungen ein hierarchisch gestaffeltes Informationsangebot, das zudem durch Videos und Podcasts um weitere Dimensionen ergänzt wird. Die meisten Zeitungen dagegen bieten als Online-Abo nur die Printausgabe in digitaler Form, ohne die (technischen) Möglichkeiten des Internets auch nur annähernd zu nutzen. Dass deshalb der große Run auf Online-Abos bislang ausgeblieben ist, verwundert kaum.
  2. Die Preismodelle sind falsch. Bei der Preispolitik ist den Zeitungen bislang nicht viel mehr einfallen, als ihre Modelle für den Printbereich mehr oder weniger 1:1 auf den Onlinebereich zu übertragen. Dabei ist der Inhalt auf einer Website beliebig teilbar und ohne technische Probleme in unterschiedlich zusammengesetzten Teilmengen anzubieten. Es käme also nur darauf an, hier innovative Preismodelle einzuführen und unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen. An anderer Stelle habe ich bereits einmal in diese Richtung gedacht.
  3. Werbung ist nicht alles. Eine Zeitung auf Dauer nur über Werbeeinnahmen zu finanzieren, dürfte kaum funktionieren, da gebe ich Andreas Göldi recht. Zeitungen werden sich aber darauf einstellen müssen, dass ihre Druckauflagen weiter sinken und damit auch die (auflagenabhängigen) Werbeeinnahmen abnehmen werden. Dafür wird es (zwangsläufig) eine Kompensation im Onlinebereich geben müssen. Die Zeitungen werden also versuchen müssen, mehr Leser im Internet zu gewinnen, so dass mit steigender Publikumsfrequenz auch steigende Werbeeinnahmen möglich werden.

Diese drei Punkte kann man drehen und wenden wie man will, im Kern landet man immer wieder bei der Preispolitik! Ich sehe für Zeitungen im Internet folgende Möglichkeiten:

Die erste Säule sollte ein kostenloses Grundangebot sein. Das bieten heute schon alle Zeitungen und sie sollten es über Werbung finanzieren können. Dieses Grundangebot darf aber auch nicht mehr als eine Basis sein und hier denke ich, dass die meisten Zeitungen aktuell eher zu viel Inhalt kostenfrei anbieten.

Die zweite Säule bietet dann das Abonnement. Das aber sollte deutlich besser werden als die heute üblichen Download-Dateien (im Pdf-Format). Diese sind eine Zumutung und nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Zudem muss hier die gesamte Klaviatur des Mediums Internet ausgespielt werden (Text + Bild + Ton + Video) und endlich auch die Scheu vor Verlinkungen (insbesondere auf externe Quellen wie Blogs) abgelegt werden.

Als dritte Säule kommen Spezial-Abos in Betracht, bei der Teilmengen vermarktet werden. Ich bin überzeugt, dass hier noch ein erhebliches Potenzial schlummert, da die heute übliche Alles-oder-Nichts-Politik vermutlich viele Leser abhält.

Man denke einmal darüber nach: Auch die berühmte Confiserie Sprüngli verkauft ihre Pralinen nicht palettenweise, sondern in ganz unterschiedlich großen (oder kleinen) Mengen. Zeitungen dagegen gibt es nur einzeln (Praline) oder im Abonnement (Palette). Dazwischen gibt es nichts und das ist im Zeitalter des Web 2.0 doch eigentlich nicht mehr normal, oder?

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Guter Beitrag zu einem in Zukunft wichtigen Thema.

    Ich habe die persönliche Erfahrung gemacht, dass das Internet mehr als Bedrohung anstatt als Chance gesehen wird.
    Da wird dann sogar mit den laufenden Abschreibungen für die Druckmaschinen gegen einen Ausbau des Onlineangebotes argumentiert.
    Bevor die Verlage im Internet richtig aktiv werden, bedarf es häufig auch noch einer Neudefinition des eigenen Unternehmens.
    Aber ein sehr Interessantes Thema, welches ja auch in Amerika zur Zeit sehr intensiv diskutiert wird.
    Mal schaun ob die Deutschen Zeitungsverlage über Ihren Schatten und vielleicht noch weiter springen können.

  2. Der eine oder andere Verlag sollte schon weit genug springen können, so dass er eine auskömmliche Zukunft hat. Wer aber mit den Abschreibungen auf seine Druckmaschinen argumentiert, könnte es bald schon schwer haben…. 😉

  3. Ich sehe auch das Problem, dass das Internet derzeit noch als Bedrohung gesehen wird. Dabei ergänzen sich die klassischen Printmedien und das Internet in meinen Augen sehr wohl.

    Die schnelle Info lese ich schon heute im Internet, da ist wohl keiner mehr auf die Zeitung angewiesen. Aber lange Artikel, die in die Tiefe gehen, werde ich, zuminest auf absehbare Zeit, in der Printversion lesen. Die ZEIT ist so ein Beispiel. Ich würde nie auf die Idee kommen, sie online zu lesen.

    Ein anderes Thema sind die Geschäftsmodelle. Die Bereitschaft, für Online-Content zu zahlen, geht derzeit gegen Null. Das merke ich ja an mir selbst. ich gebe Geld für Bücher, Zeitschriften oder Zeitungen aus, aber bei selbst kleinen Beträgen für Online-Content zucke ich zurück. Bis jetzt zumindest. Mag sein, dass sich das mal ändert. Im Augenblick schaut es aber noch nicht danach aus.

  4. Wirklich interessante Analyse. Da merkt man doch, dass ein BWLer am Werk ist. Ergänzend würde ich noch zur Debatte stellen, ob Verlage auch darüber nachdenken sollten, ganz andere Erlösquellen zu erschließen. Warum müssen es immer nur Werbeerlöse und Erlöse für den Inhalteverkauf sein, wo es doch immer zweifelhafter wird, ob Leser überhaupt bereit sind für Inhalte Geld zu bezahlen?
    Wenn es Zeitungen online wie vormals im Print schaffen zum zentralen regionalen Kommunikator zu werden, sollte sich das doch auch in klingende Münze wandeln lassen. Ich denke hier zum Beispiel an diverse Formen von E-Commerce abseits von Paid Content.

  5. Es kommt natürlich auch auf den Zeitungsverlag drauf an.
    Wenn eine Zeitung „nur“ eine begrenzte Reichweite hat, also nicht deutschlandweit erscheint, könnte als Kernkompetenz das Lokale ausgebaut werden. So eine Art lokales Portal wie meinestadt.de, nur mit mehr lokalen Berichten und Fotos usw.

    Der große Unterschied zwischen Zeitungen und Online-Zeitungen muss doch eigentlich die mögliche Interaktion der „Leser“ sein. Doch auch hier ist wieder ein Konflikt zu sehen. Zeitungsmacher waren immer Meinungsmacher und wollen diese Macht evtl auch nicht aus der Hand geben. Aber ich sehe hier viele Potenziale.

  6. Zu den Geschäftsmodellen (Christian Henner-Fehr und Thorsten): Hier sollten sich die Verlage wirklich etwas einfallen lassen. Außerdem glaube ich, dass die immer weiter zunehmende Menge an Wissen und Nachrichten geradezu nach Redakteuren schreit, die sinnvoll filtern und zusammenstellen können. Da müsste doch was zu machen sein, oder?

    Zur Interaktion mit dem Leser (Ulrich): Genau so ist es! Wenn man nur den Leser stärker einbinden würde, statt auf diese absolute Meinungsmacher-Position zu setzen, wäre vermutlich viel gewonnen (etwa neue, jüngere Leser).

  7. Die Frage ist, ob ich für dieses Filtern wirklich Redakteure brauche? ich glaube nicht.

    Zum Thema Geschäftsmodelle: Meiner Meinung nach wird eine Zeitung heute im Newsbereich keine großartigen Einnahmen mehr erzielen können. Da sind Internet und TV einfach schneller.

    Ohne jetzt eine Idee zu haben, aber ich glaube, dass die Zeitungsverlage zukünftig nur dann Einnahmen erzielen werden, wenn sie ihr Produkt an etwas ankoppeln, wofür wir als KonsumentInnen bereit sind, Geld auszugeben.

    Das bedeutet aber auch, dass sie ihr Kerngeschäft verlassen müssen. Und das wird kein einfacher Weg werden.

  8. Pingback: Qualität auf Online - Und wer bezahlt´s? « Digitale Verlage

  9. Ich persönlich denke, dass die Idee „Internet=kostenlos“ weiter aufgehoben werden muss. Auch, wenn es mich persönlich schmerzt und ich selbst zucke, wenn SPON für ein Dossier 0,50 EUR haben will. Und die Entscheidung des WSJ ist natürlich kontraproduktiv. Andererseits: es gibt doch schon genügend „Content“, für den die Leute im Internet bereitwillig Geld ausgeben. XXX-Seiten, Musik (i-Tunes & Co.) und ähnliches, nur leider nicht für Qualitätsjournalismus.

    Letztlich produzieren Verlage Inhalte, oder neudeutsch „Content“ – ob ich den auf Papier drucke, um ihn zum Leser zu bringen, oder auf eine Webseite stelle, sollte doch egal sein. Und für Qualität, für Mehrwert, werde ich zahlen. Auch für mich geht es heutzutage nicht darum, Informationen zu bekommen. Damit werde ich zugeschüttet. Für mich ist die Leistung heute in der Selektion, Aufbereitung und Analyse der „reinen“ Information wichtig. Ich wäre bereit, für „meine“ Zeitung im Netz zu zahlen. Nicht 0,50 EUR pro Dossier, sondern 10 oder 20 EUR im Monat für MEINE tägliche Newsseite…

    Die Frage ist: Ist so etwas technisch – zu vertretbaren Kosten – möglich?

    Und noch etwas zum Thema „Aussterben der Print-Ausgaben“: Habt Ihr schon einmal versucht, mit dem Computer/Laptop/PDA eine Fliege zu erschlagen, oder darin frischen Fisch einzuwickeln? 🙂

  10. @binomsc: Natürlich wäre es möglich, individuell konfigurierte Zeitungen über das Netz zu vertreiben. Ich vermute, dass es dafür sogar eine Nachfrage gäbe (nicht nur uns beide!). Nur sind die Zeitungsverlage offenbar noch nicht dazu bereit.

    Diese sind wohl noch zu sehr damit beschäftigt, Inhalte zu produzieren und sehen nicht, dass es davon eigentlich schon zu viel gibt. Tatsächlich liegt eine der künftigen Aufgaben darin, Informationen zu filtern, bewerten und kommentieren.

    Tja und die Fliegen an der Wand? Dafür habe ich als Betriebswirt keine Antwort – vielleicht fragen Sie dazu mal einen Biologen? 😉

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