Wikipedia’s Innenleben: Die Motivations- und Erfolgsfaktoren des Lexikons

Die New York Times hat sich der Wikipedia angenommen und einen sehr guten Artikel darüber am 01.07.07 veröffentlicht. Dessen Autor, Jonathan Dee, hat sich die Mühe gemacht, einige der Wikipedia-Administratoren ausfindig zu machen und mit ihnen über ihre Motivation zu sprechen.

Es zeigte sich, dass offenbar viele Schüler und Studenten an der Wikipedia mitschreiben, während der Anteil an Beiträgen „älterer“ Erwachsener eher gering zu sein scheint. Genaue Erhebungen dazu gibt es aber nicht und Jimmy Wales, der Gründer, macht sich darüber auch keine Gedanken.

Bemerkenswert fand ich, wie ernst und wichtig den jungen Redakteuren ihre (mehr oder weniger anonyme) Mitarbeit an der Wikipedia ist. Hier kann man schon Parallelen zur klassischen Vereinsarbeit sehen, bei der die Menschen auch einen Teil ihrer Freizeit einer gemeinnützigen Sachen widmen.

Schlägt man aber den Bogen von der Wikipedia zum Wissensmanagement in Unternehmen, könnte der Gegensatz kaum grasser sein: Die Wikipedia wächst und gedeiht (weltweit in vielen Sprachen), während das Wissensmanagement in vielen Unternehmen ein Sorgenkind und Randphänomen bleibt. Warum erreichen gut organisierte Betriebe nicht, was der Wikipedia praktisch „in freier Wildbahn“ mühelos gelingt?

Jonathan Dee vermittelt eine Ahnung davon, wie die Wikipedia „im Inneren“ funktioniert: Sie schafft es offensichtlich ohne materielle Belohnungsanreize und ohne Marketing das Gefühl zu vermitteln, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Da steckt dann Sinnstiftung hinter der selbstgewählten Aufgabe, in neuen Artikeln Fehler bei den Kommata zu korrigieren oder etwa eine bestimmte Anzahl von Artikeln einfach im Auge zu behalten und dort auftretende Verunglimpfungen, Sinnentstellungen oder sonstige Sabotage so schnell wie möglich wieder zu entfernen.

Die Wikipedia wirkt also sinnstiftend, weil die Mitarbeit an ihr vom Einzelnen als Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität vieler Menschen (bzw. der Menschheit) gesehen werden kann. Dabei ist diese Kraft genügend stark, um zumindest in den großen Sprachräumen eine ausreichend hohe Anzahl von freiwilligen Mitarbeitern zu mobilisieren, so dass das Lexikon kritische Quantitäts- und Qualitätsschwellen überwinden kann. Das wiederum wirkt zurück auf die Motivation zur Mitarbeit, so dass hier (ab einem bestimmten Schwellenwert) eine Art „Perpetuum Mobile“ läuft.

Offen ist, wie weit dieses Prinzip in die Zukunft trägt, wenn die Wikipedia weiter stark wächst. Denn derzeit scheint es so zu sein, dass sich stark engagierte Autoren oder Administratoren untereinander wenigstens dem Benutzernamen nach kennen. Der Einzelne ist hier also nicht nur ein (völlig) anomymes Rädchen im Getriebe.

Diese Analyse zeigt zwei Dinge: Erstens ist das (soziale) Phänomen der Wikipedia noch kaum erforscht, und zweitens lässt sich deren Wirkungsprinzip kaum einfach so auf die Ebene eines marktwirtschaftlich orientierten Unternehmens übertragen. Doch darüber mehr im Laufe dieser Woche…

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. ch denke, dass eines der Probleme direkt in der deutschen Unternehmenskultur zu suchen ist, warum das Wissensmanagement noch nicht seinen Siegeszug antreten konnte. Wissensmanagement ist eine Philosophie der Transparenz und gerade diese Transparenz, gibt vielen Unternehmern das Gefühl von Kontrollverlust. Viele Unternehmer würden das Staunen bekommen, wenn sie eine Wissensbilanz ihres Unternehmens erstellen würden. Und nicht nur den Unternehmern, sondern auch vielen Managern bereitet der Gedanke, ihre Fähigkeiten in einer transparenten Struktur darzustellen, schlaflose Nächte. Diese Widerstände müssen erst beseitigt werden, wir sehen doch schließlich am Beispiel der Wikipedia, dass das Interesse der Deutschen an dem Medium vorhanden ist. Die kommenden Generationen werden mit Wissen ganz anders umgehen, bleibt nur zu hoffen, das wir bis dahin nicht schon alle Mandarin schreiben.