Nachgefragt bei: Christian Henner-Fehr

Christian Henner-Fehr hat Theaterwissenschaft, Germanistik und Philosophie studiert. Er arbeitet als Berater im Kulturbereich, etwa im Projektmanagement oder in der Finanzierung und lebt in Wien. Sein Motto ist „Kunst möglich machen“. Näheres zu seiner Arbeit und Person findet man in seinem Blog.

In der Unternehmenswelt ist das Web 2.0 ja noch weithin ungenutzt, weil man fälschlicherweise denkt, das wäre nur etwas für Startups, die Geschäftsmodelle für das Internet propagieren. Wie sieht es denn im Kunst- und Kulturbereich aus?

Web 2.0 ist im Kunst und Kulturbereich noch gar nicht richtig angekommen, zumindest bei uns im deutschsprachigen Raum nicht. Kunst- und Kultureinrichtungen haben zwar mittlerweile fast immer eine Website, aber da geht es um Information und Interaktion. Ich kann zum Beispiel auf der Website eines Theaters Informationen über das Programm und die laufenden Produktionen finden und unter Umständen im nächsten Schritt online Karten kaufen. Partizipation, ein wesentliches Merkmal von Web 2.0, fehlt aber noch bei uns. Aber nachdem die angelsächsischen Länder in dieser Hinsicht schon sehr viel weiter sind, hoffe ich, dass auch bei uns demnächst Webseiten von Kultureinrichtungen Fotos und Videos integrieren, Tagging erlauben, RSS zur Verfügung stellen oder Wikis und Weblogs verwenden.

Blogs sind im Prinzip ein ideales Werbeinstrument, etwa für Galerien, Musiker oder auch Theatergruppen auf Tournee: Sie könnten so ihre Fans und Freunde mit aktuellen Neuigkeiten versorgen und einen gewissen Dialog ermöglichen. Wird das Potential hier schon erkannt?

Ich bin da immer etwas vorsichtig, wenn es um das Thema Weblogs geht. Es lassen sich natürlich viele Argumente finden, die dafür sprechen, ein Weblog zu führen. Ein Weblog wirkt persönlicher, authentischer und spricht die LeserInnen eher an als eine unpersönliche Website, auf der sich nur Informationen finden. In einem Weblog kann ich Geschichten erzählen und wo gibt es mehr Geschichten als in der Kunst? Ein Vorteil sind aber auch die Links, die Blogs auszeichnen. Durch sie gelangt man in den Rankings der Suchmaschinen schnell auf die vorderen Plätze.

Das Thema Links bringt mich schon zu den Nachteilen, die es sehr wohl auch gibt und die man nicht verschweigen sollte. Die gegenseitige Verlinkung von Blogs funktioniert natürlich nur, wenn es auch andere Blogs im Kunst- und Kulturbereich gibt. Und da schaut es im Augenblick noch schlecht aus. Ein weiterer Nachteil kann der Zeitaufwand sein, der für das Bloggen nötig ist. Ein Blog muss regelmäßig mit interessanten Inhalten gefüllt werden, sonst besucht mein Weblog ja niemand. Und ob man etwas zu sagen hat, merkt man sehr schnell. Wenn man verzweifelt vor dem PC sitzt und einem kein Thema einfällt, dann ist ein Weblog vielleicht doch nicht das richtige Instrument.

Mit den richtigen Ideen kann ein Weblog aber ungeahnte Zugriffszahlen erreichen und dafür sorgen, dass man auch im Real Life davon profitiert. Die Saatchi Gallery ist da ein sehr schönes Beispiel.

Second Life als dreidimensionale Welt hat zuletzt viel Aufmerksamkeit, aber auch Kritik erhalten. Wie bewerten Sie die Kunstaktivitäten dort (virtuelle Kunst in SL) und sehen Sie Potential etwa für Museen, die dort Dependancen errichten könnten?

Ich selbst habe den Zugang zu Second Life noch nicht wirklich gefunden, muss ich zugeben. Mein erster und bis jetzt einziger Versuch verlief eher enttäuschend. Aber ich glaube schon, dass die 3D-Welten Chancen bieten, die man so nicht hat. Nehmen wir nur als Beispiel die Dresdner Gemäldegalerie, die maßstabsgetreu in Second Life nachgebildet worden ist. Als Dresdner werde ich natürlich den Besuch der Galerie vorziehen. Aber nicht alle Kunstinteressierten haben die Möglichkeit, nach Dresden zu reisen.

Ein weiterer Pluspunkt, der aber generell für das Internet gilt. Hier haben auch die Kleinen eine Chance. So ist das Open Art Museum das Werk von Ruth Prantz, einer einzelnen Künstlerin, die sich in Second Life ihren Traum eines eigenen Museums erfüllt hat.

Bis jetzt steckt die 3D-Entwicklung noch in den Kinderschuhen. Aber ich bin mir sicher, dass die virtuellen Welten für uns in ein paar Jahren völlig selbstverständlich sein werden. Ob wir uns dafür in Second Life treffen werden, bezweifle ich aber.

Das Web 2.0 dient ja nicht allein dem Marketing. Blogs oder Wikis etwa können auch innerhalb eines Unternehmens eingesetzt werden. Trifft das auch für „Kulturbetriebe“ zu?

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Blogs und Wikis können dazu beitragen, dass wir unseren Umgang mit Informationen grundlegend ändern. Bis jetzt waren wir es ja gewöhnt, jede Information an alle, die sie interessieren könnte, per Email zu verschicken. Das heißt, wir sind völlig ungefiltert einer Informationsflut ausgesetzt, die wir nicht mehr bewältigen.

Mit Wikis und Blogs drehen wir das Prinzip um. Wir holen uns die Informationen dann, wenn wir sie wirklich brauchen und sie uns auch interessieren. Wikis können so zu einer Art Wissensspeicher werden, mit Blogs lassen sich Projekte managen.

Im Kulturbereich werden diese Instrumente noch eher selten eingesetzt, aber ich denke, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis auch Kultureinrichtungen deren Vorzüge zu schätzen lernen.

Zum Schluss noch die Frage nach der (näheren) Zukunft: Denken Sie dass die Akzeptanz des Web in den nächsten Jahren im Kulturbereich signifikant steigen wird?

Ich würde es mir wünschen und mit meinem Weblog arbeite ich ja auch daran. Schließlich geht es mir nicht nur darum, meinen LeserInnen Interessantes zum Thema Kulturmanagement zu liefern, sondern ihnen auch zu zeigen, welches Potenzial zum Beispiel in Weblogs steckt. Wahrscheinlich werden sich Weblogs aber erst dann durchsetzen, wenn der Begriff verschwunden ist und sie als das gesehen und benutzt werden, was sie eigentlich ja sind: ein einfaches Content Management System.

Vielen Dank, Christian, für das Gespräch.

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