2007 – 2012: Die nähere Zukunft des Internets (1)

An dieser Stelle beginne ich eine Artikelserie über die nähere Zukunft des Internets. Eine Serie (über mehrere Tage) deshalb, weil die Gesamtdarstellung für einen einzelnen Blogartikel zu lang wäre. Als „nähere Zukunft“ sehe ich dabei den Zeitraum der nächsten 5 Jahre, weil ich diesen Horizont meine überblicken zu können und weil uns zudem bereits in dieser Zeit eine Fülle von Neuerungen und Entwicklungen begegnen werden, die unser Leben bwz. die mittelständischen Unternehmen massiv beeinflussen.

Am Anfang steht die Feststellung, dass das Internet für weite Teile des Mittelstandes, etwa im produzierenden Gewerbe, kaum eine Rolle spielt. Ähnlich ist es aber auch bei der Mehrzahl der kleineren Betriebe, angefangen bei den freien Berufen (Architekten, Ärzte, Rechtsanwälte…), über das Handwerk bis hin zum Handel. Betrachtet man sich die Internetauftritte dieser Unternehmen, sieht man schnell, dass es keinen richtigen Bezug zwischen dem eigentlichen Geschäft und dem Medium Internet gibt.

Vor diesem Hintergrund ist es eigentlich erstaunlich, dass das Web 2.0 und insbesondere Blogs nicht als „Erlösung“ aufgegriffen und intensiv genutzt werden. Blogs sind einfach zu führen, die Software ist kostenlos und sie erlauben einen Dialog mit der Zielgruppe. Statt dessen höre ich immer wieder die Frage „Wo finde ich diese Blogs überhaupt“?

Das Dilemma mit dem Web 2.0, über das die Blogosphäre immer wieder den Kopf schüttelt, rührt aus einer tiefer liegenden Unkenntnis über das Internet überhaupt. Viele Unternehmer, die eine Internetpräsenz aufgebaut haben, mussten eben die Erfahrung machen, dass diese neue Medium zunächst keine nennenswerte Auswirkungen auf ihre Firma hatte. Daraus wurde dann der (fatale) Schluss gezogen, dass es sich hier um eine Art „Nebenher-Angelegenheit“ handelt, die keiner besondernen Aufmerksamkeit durch das Management bedarf.

Aus diesem Blickwinkel wurde dann auch das Web 2.0 nur oberflächlich in Augenschein genommen. In der Tat kam das Web 2.0 mit seinen „Internet-Tagebüchern„, Social Communities (MySpace, Flickr, YouTube…) und „T-Shirt-Buden“ (Spreadshirt und Threadless) bis heute eigentlich sehr trendig, jugendlich und ohne scheinbaren Bezug zu „ernsthaften“ Branchen wie etwa der Investitionsgüterindustrie daher.

Und da zudem die „Old-Economy“ nach dem Börsencrash Ende der 1990er Jahre wieder das (alleinige) Maß der Dinge war, saß man wohl vielerorts dem Trugschluß auf, der das Internet tendenziell als eine Art Spaß- und Unterhaltungskanal für junge Leute einordnete.

Diese (kollektive und eher unbewusste) Einschätzung hatte auch den großen Vorteil, dass sich eine ganze Generation (älterer) Manager (aber auch Verwaltungsfachleute, Hochschullehrer und Politiker), mit dieser neuen Technik nicht mehr meinte befassen zu müssen. Aber wie gesagt: Das war ein Trugschluß. Das Internet kommt viel schneller und umfassender, so dass nicht wenige Entscheidungsträger noch Gefahr laufen, auf dem falschen Fuß erwischt zu werden.

Aktuelle Beispiele bieten uns die Zeitungs-Branche, die mit sinkenden Auflagen kämpft und doch nicht so recht ins Internet finden will, als auch die Deutsche Telekom, die eigentlich seit ihrer Privatisierung in einem Dauerumbau steckt, der immer wieder zu langsam abzulaufen scheint, weil Märkte und Technik sich immer schneller verändern.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo,

    ich glaube, dass sich die tatsächliche Innovationskraft des „Online und Internets“ in den nächsten Monaten und Jahren deutlich abschwächen wird. Was soll sich da die nächsten 5 Jahre denn wirklich Neues tun?
    Klar gibt es in der Szene Hypes wie Web 2.0, GeoWeb, Semantik Web usw. aber irgendwann erhalten wir tatsächlich alle Infos in allen Qualitäten, an jedem Ort der Welt – prinzipiell jetzt schon. Dass sich die Art der Kommunikation ändert – naja. Mitmachweb gab es eigentlich auch schon immer. Entsprechend unergiebig ist es, heute Firmen das „neue Internet“ verkaufen zu wollen. Nach meiner Erfahrung funktioniert das nicht.

    Ich erwarte wirkliche Evolutionssprünge, wenn viele Disziplinen der Künstlichen Intelligenz „offline und online“ konvergieren. Beispielsweise mein Bodydouble (Hausroboter/Avatar), mit dem ich sprechen kann und der mir alle unangenehme Dinge im Leben abnimmt. Hört sich nach Science Fiction an und wird es vermutlich auch bleiben. Also bleibt es bei den kleinen -eigentlich sehr unspektakulären- Sprüngen.

  2. Danke für die ausführliche Gegen-Meinung! Im Prinzip, Oliver, gebe ich Dir sogar recht: Vieles haben wir heute schon. Aber:

    1. die (bestehenden) Dinge entwickeln sich weiter (hinsichtlich der Technik und des Verbreitungsgrades).

    2. Vielerorts fehlt es noch an der Wahrnehmung. Was Menschen wie Dir längst bekannt und vertraut ist, ist andernorts fremd, unbekannt und exotisch. Und: Die Menschen wie Du sind in Deutschland eine kleine Minderheit…

  3. Wahrnehmung ja, auch. Aber da du die Investitionsgüterindustrie im Artikel (Artikelserie finde ich übrigens klasse und lese aufmerksam mit) ansprichst:

    > Genau diese hat gerade eher Probleme ihre Aufträge abzuwickeln und das notwendige Wachstum zu finanzieren, gute Akademiker zu finden etc.
    > In einer solchen Hochphase wie die Branche es die letzten 20 Jahre nicht erlebt hat, sind Themen wie Web 2.0 in (dieser Branche) fast nicht zu verkaufen. Nicht mal als Spielwiese.

    Über allen sich jährlich austauschenden Trends steht eine einzige gewaltige Überschrift und die heisst „WISSENSMANAGEMENT“ und ist in der Gesellschaft und in Unternehmen in Gänze ungelöst.

    Übrigens habe ich das Gefühl, dass der Vergleich mit der Zeitungsbranche auch etwas humpelt. Zumindest wenn ich ins Zeitschriftenregal blicke, entdecke ich eine Artenvielfalt die sich fast schon virusmässig, monatlich zu vermehren scheint.

    Vom „Magazin für Puppenliebhaber“ über den „eBay-Berater“ zum „Wisschenschaft für Dummies“ ist jede Nische inzwischen auch im Print vertreten.

  4. Danke Oliver! Drei Dinge dazu.

    1. Personal könnte man ansatzweise ja auch über das Web 2.0 gewinnen – über Personalmarketing schreibe ich nächste Woche in der Artikelserie (mehr wird hier nicht verraten)…

    2. Danke für den Hinweis auf Wissensmanagement. Ich werde nicht so weit gehen zu behaupten, dass das Web 2.0 hier Wunder wirken kann, zumindest aber sollte man sich mit Blogs (intern) und Wikis ernsthaft beschäftigen. Und für Euch in FN: Kann man aus einem Wiki ein eLearning-Tool entwickeln? Denk an Euer IAM-Wiki und an jemanden, der sich in das Thema einarbeiten soll. Wo fängt er an? Es müsste ein einfaches Tool sein, dass sich auf beliebig viele Wikis anwenden ließe….

    3. Zum Printbereich. Die Tageszeitungen leiden tatsächlich unter Anzeigenmangel und sinkenden Auflagen. Das ist ein längerfristiger Trend und keine Frage der Konjunktur. Bei den Zeitschriften sieht es anders aus, vor allem wenn sie Nischen bedienen können. So fehlt es in Deutschland auch noch an Nischen-Blogs, das merke ich schmerzlich bei meinen Recherchen für diese Artikelserie….

  5. Online-Personalmarketing ist auch wieder ein schönes Thema. Mache gleich mal unsere Personalabteilung darauf aufmerksam 🙂

    Zum Thema Wiki habe ich letzte Woche den Satz von einem Mittelständler gehört: „Wissen Sie, wir haben einfach nicht die Organisation um die Beiträge zu organisieren“.
    Steilvorlagen für Unternehmensberater 🙂

    Schönes Wochenende.

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