Nachgefragt bei: Siggi Becker

Siggi Becker ist Philosoph, Musiklehrer und Experte für Singularität. Er lebt in Düsseldorf und ist einem breiteren Publikum bekannt geworden durch seine „letzen Worte“, die er beim Elektrischen Reporter (Handelsblatt) jeweils zum Schluss der Videos vorträgt. Genauer kann man ihn aber auch in seinem eigenen Blog kennen lernen.

Diese Woche habe ich hier im Blog den Begriff der Beschleunigung eingeführt. Im Kern trifft dies ja zunächst nur auf die IT zu (Speicher- und Rechenkapazität). Warum sollten wir uns dennoch alle mit dem Phänomen beschäftigen?

Beschleunigung oder exponentieller Fortschritt tritt nicht nur in der IT-Branche auf, sondern auch zum Beispiel in der Gentechnik, dort bekannt unter dem Begriff Carlson-Kurve, dem biologischen Gegenstück von Moore´s Law. Auch sind diese Beobachtungen nicht so neu wie uns z.B. Ray Kurzweil einreden möchte. Dass wissenschaftlicher Fortschritt exponentielle Eigenschaften hat, ist schon seit den 50iger Jahren selbst Gegenstand der Forschung innerhalb der Scientometrie. Derek de Solla Price (Princeton, Yale) oder Gennadij Dobrow fallen einem da ein.
Auf die Frage warum man sich mit diesen Dynamiken beschäftigen sollte, kann es verschiedene Antworten geben, je nachdem aus welcher Problemebene heraus man die Frage, wo das alles hinführen soll, stellt. Das kann von der philosophischen Frage (Hat das alles hier eine Richtung oder Sinn?) bis zur betriebswirtschaftlichen (mit welchen Technologien habe ich in Zukunft zu rechnen? (PEST-Analyse, Harvard)) Fragestellungen gehen. Sollte es auch, denn nur wenn diese Fragekreise sich wie vollständig umfangen, kann Handeln gleichzeitig sinnstiftend, nachhaltig und profitabel sein.

Beschleunigung mündet in Singularität, also eine Art maschinelle Intelligenz, die unsere menschliche Intelligenz übersteigt. Ist das unausweichlich?

Das Konzept der technologischen Singularität und die allgemeine Beschleunigung wissenschaftlichen und technologischen Wissenszuwachses gehören nicht zwingend zusammen. Es sind auch Szenarien denkbar – wie es Vernon Vinge auch in einem Vortrag im Februar demonstriert hat – die ohne AGI und einer daraus folgenden technologischen Singularität auskommen. Überhaupt sollte man in multiplen Zukünften denken, so wie es Peter Schwartz damals zum Vorteil von Shell praktiziert hat. Mono-Szenarien sind unseriös und deuten immer auf hidden Agendas hin.

In mir persönlich sitzt immer noch eine Portion Skepsis, wenn ich mich mit Themen wie „Beschleunigung“ oder „Singularität“ beschäftige. Und der Skeptiker in mir weist mich dauernd darauf hin, dass sich die Medien oder die Politik bei uns ja noch gar nicht mit diesen Dingen auseinander setzen. Also kann das alles noch nicht so ernst sein. Ein Trugschluss?

Klar, wenn der deutsche Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, Glos, unwidersprochen vor einer Kamera jovial zugibt, dass er keine Ahnung vom Internet hat, kann man schon den Eindruck erhalten, dass das alles nur geekiger Spinnkram ist. Wenn man dann aber in guter globaler Manier den Blick international schweifen lässt dann könnte man einen anderen Eindruck erhalten:

  • Am 26.Juni 1992 hielt Eric Drexler eine Ansprache vor einem Senatskommitee, in der er die molekulare Nanotechnologie erläuterte. Der Vorsitzende des Kommitees zeigte durch seine anschließenden Fragen große Sachkenntnis des Themas. Sein Name? Al Gore!
  • Ein gewisser Abdul Kalam hob im November 2006 in einer Rede über die Zukunft der Technologie seines Landes Eric Drexlers Verdienste um die Nanotechnologie hervor. Preisfrage: Wer ist Abdul Kalaman?
  • Ein anderes Beispiel aus der Wirtschaft: Peter Norvig ist im September Gastredner auf dem Singularity Summit II in Stanford. Wer jetzt nicht sofort weiß wer Peter Norvig ist, hat damit ein wertvolles Feedback erhalten wo er in Fragen der nahen Zukunft steht.

Der immer schneller ablaufende technische Fortschritt ist einerseits faszinierend, andererseits stellt er unsere Welt heute schon gewaltig auf die Probe: Werden wir deswegen einen „Clash of civilizations“ oder einen „Kampf der Kulturen“, erleben? Oder könnte dank der zunehmenden Vernetzung im 21. Jahrhundert erstmals ein Zeitalter von Offenheit, konstruktiver Hilfe und größerer Toleranz entstehen?

Werkzeuge sind ambivalent. Welche Ethik durch unser Handeln damit manifestiert wird, hängt vom ethischen Entwicklungsniveau einzelner Menschen ab. Wie wertvoll in solchen Prozessen der Einzelne ist, hat Kohlberg schon in den 60igern nachgewiesen. Auch wieder ein Grund über brisante Technologien im voraus nachzudenken, nicht wenn sie schon in die Hände des ganzen moralischen Spektrums gefallen sind.

Zum Schluss noch eine Frage zu Beschleunigung und Informations-Überlastung: Die ja sichtlich immer weiter zunehmende Menge an (technischem) Wissen und die damit verbundene Spezialisierung führt stellenweise schon dazu, dass suboptimale Entscheidungen getroffen werden, weil man nicht mehr auf allen Gebieten über aktuelles Wissen verfügt. Bremst uns dieses Phänomen nicht zunehmend aus und verlangsamt so möglicherweise auch den Weg zu Singularität?

Vermutlich nein. Die vielbeschworene Wissensgesellschaft besteht aus Werkzeugen und Gehirnen. Beide müssen um Schritt zu halten durch Konzepte und Abstraktionen verdichten und filtern. Klar dass der eine oder andere da nicht mehr mithalten kann und dem ewigen Widerspruch zwischen Art und Einzelnem zum Opfer fällt. Utopie könnte in dieser Zeit explodierender technologischer Möglichkeiten ein mächtiger Filter sein, um aus der Wolke des vor uns liegenden Machbaren das rausfiltern zu können, was einerseits weiter beschleunigt und andererseits Menschen eine Zukunft gibt, in der sie auch leben wollen. Suboptimale Entscheidungen sind so betrachtet nie eine Frage der ungenügenden quantitativen Informationen, sondern der ungenügenden qualitativen Filter.

Vielen Dank, Siggi, für das Gespräch.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Avul Pakir Jainulabdeen Abdul Kalam ist seit dem 25. Juli 2002 amtierender Staatspräsident der Bundesrepublik Indien (Quelle: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie). Über die deutsche Schreibweise des tamilischen ?. ??. ??. ??????? ????? kann man natürlich streiten 🙂

    Darüber hinaus möchte ich noch auf zwei Punkte eingehen:

    Den „Kampf der Kulturen“ im Kontext des Kohlbergschen Stufenschemas der Moraltheologie zu betrachten, finde ich interessant. Die Frage, ob es dazu kommt, wird aber vermutlich aus der Summe der Individuen (Makro-Ebene) heraus beantwortet werden. Ich persönlich bin der Meinung, dass die „Beschleunigung“ die Spaltung der Kulturen unterstützt, denke aber nicht, dass die zunehmende Vernetzung einen Grund für die Spaltung darstellt.

    Matthias, Du sprichst von Informationsüberlastung, hilfst aber durch Deinen Blog mit, dieser Überlastung entgegenzuwirken. Wie? Indem Du Informationen und Wissen aggregierst und filterst. Deine Rezipienten und Mitglieder der „BWLzweinull“-Community vertrauen Dir und den Informationen und dem Wissen, dass Du für sie aufbereitest. Ich sehe darin meine These, dass Blogs einen Informationsfilter darstellen bestätigt. Was denkst Du?

    p.s. Was hab ich gewonnen? 😉

  2. Der argumentative Hinweis auf Kohlberg liegt (für mich) natürlich auf der Hand wenn Massen und ihre Reaktionen auf etwas ins Fragegefecht geworfen werden. Im Übrigen kann man das mit Clare Graves noch a bisserl aufbohren in Richtung Werte des Handelns. Dann hat man sogar vielleicht einen Filter, wie eine je geartete Persönlichkeitsstruktur auf Dimensionen wie „Neues“, Fortschritt etc reagiert (hint, hint für den Berater 😉 )

    Aber ich finde seit gestern abend sollte man das Thema AGI und Singularität mit noch mehr Dringlichkeit und Ernst behandeln. Sollten Goertzel und/oder Yudkowsky im Laufe des Jahres vom Markt verschwinden, gehts um mehr als Web2.0, den nächsten Shop oder die Frage ob Deutschland konkurrenzfähig ist (ist es).

  3. @Thorsten: Solange Du Kohlberg bei den „Moraltheologen“ einsortierst gibts natürlich keinen Gewinn….;-)

    @Siggi: Das ganz große Problem ist doch: Wer nimmt das wahr und begreift die Dimension? Und ich persönlich stehe dann wieder bei der Informationsüberlastung – denn viele in Politik und Wirtschaft filtern für sich aus der Gesamtmenge an Informationen nicht immer das wirklich Wesentliche heraus.

  4. Es gibt ein paar Faktoren wegen denen sich das Auftauchen einer AGI deutlich verspäten kann. Es geht dabei schließlich unter anderem um die Schaffung von Bewusstsein und wir Menschen haben nur unser Bewusstsein um dies zu bewerkstelligen. Eventuell läßt sich das Wesentliche des Bewusstseins das man für dessen Nachbildung benötigt nicht mit unserem Bewusstsein erfassen. Andere Hindernisse können andere Hardwareanforderungen sein wie: Läuft eine AGI auf einer Von-Neumann-Architektur?

    Auch die generelle Beschleunigung ist in meinen Augen keine gesicherte Sache. Beschleunigung setzt Perspektiven und Standpunkte vorraus von denen man sie misst. Wenn ich die Entwicklungsmöglichkeiten damit vergleiche was schon erreicht wurde dann sieht alles zu jeder Zeit wie eine riesige Beschleunigung aus. Wenn ich mir aber ansehe was von den Entwicklungsmöglichkeiten der Vergangenheit erreicht wurde, welche Träume verwirklicht wurden, dann verliert die Beschleunigung einiges an Hype.
    Außerdem hat Beschleunigung den herben Beigeschmack der Trägheit. Wenn ich unkritisch beschleunige und dadurch die kommenden Gefahren erst sehr spät einschätzen kann dann wird es mit zunehmender Geschwindigkeit schwerer den Hindernissen auszuweichen. Außerdem wird der Schaden größer wenn ich mit höherer Geschwindigkeit auf ein Hinderniss aufpralle.
    Beschleunigung ist ein Zeitphänomen in einer Zeit in der man den Begriff Entschleunigung benutzt um nicht mal Ansatzweise das Unwort ‚Langsam‘ zu verwenden. Beschleunigung wird uns von der Kapitalakkumulation diktiert und damit mussten wir akzeptieren das wir immer schneller machen müssen. In diesem Kontext verstehe ich auch das etwas geschlauchte Biotop Erde das diese Beschleunigung leisten darf.

    Trotz allem ist das Thema immens wichtig und viel zu wenig beachtet. Man sollte es in meinen Augen aber auch auf keinen Fall einseitig technophil betrachten.

  5. @Martin: Ein paar sehr interessante Gedanken. Ich verstehe Beschleunigung als (ständigen) Begleiter jeden technischen Fortschritts seit Beginn der Menschheit. Bestes Beispiel: Die Erfindung des Rades, die unser Leben und die Entwicklung der Zivilisation buchstäblich beschleunigt hat.
    Aber es mag auch Zeiten und Epochen gegeben haben, wo der Fortschritt zum Erliegen kam und zumindest temporär (und lokal) keine Beschleunigung mehr gegeben war. Wir haben hier also kein streng kontinuierliches Phänomen. Zudem haben sich über lange Zeit hinweg Entwicklungen in verschiedenen Kulturen unterschiedlich schnell ergeben oder durchgesetzt.
    Auch heute klaffen noch immense kulturelle Lücken und völlig unterschiedliche Sichtweisen in Sachen Fortschritt, Technik und Beschleunigung.
    Deshalb soll dies hier im Blog auch nicht nur technisch bzw. betriebswirtschaftlich gesehen werden, sondern durchaus auch sozialkritisch, wie etwa das Video aus der gleichen Woche („Die Welt wird flach“).

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