Beschleunigung: Das unbekannte Wesen

Dass die Zeiten sich ändern, ist uns allen bewusst. Für die Schnelligkeit dieses Wandels aber fehlt uns das rechte Maß. Und so wird vielen gar nicht klar, dass dieser Wandel immer schneller abläuft. Wir leben in „beschleunigten Zeiten“, wie Andreas Stuhlmüller es ausdrückt. Auch mir ist das Phänomen der Beschleunigung des Wandels noch relativ neu und ich bin eigentlich erstaunt, dass es in den Medien kaum (oder völlig anders) thematisiert wird.

Beschleunigung im hier verwendeten Sinne ist die Beobachtung, dass in der Geschichte der Menschheit Wissenschaft und Technik sich mit zunehmender Geschwinigkeit entwickelt haben und dass diese (exponentielle) Entwicklung weiter anhält.

Diese Definition mag erstaunen, wenn man im Ohr hat, was Medien, Politik und Wirtschaftsverbände in den letzten Jahren propagiert haben: Da war häufig die Rede davon, dass Deutschland mehr Innnovationen brauche und dass (durch geeignete politische Maßnahmen) der Fortschritt beschleunigt werden müsste. Steht das im Widerspruch zu meiner Definition?

Nicht unbedingt. Denn es mag sein, dass das in Deutschland wahrgenommene Innovationstempo relativ zur globalen Entwicklung abgenommen hat. Oder mit anderen Worten: Der Rest der Welt hat aufgeholt, der Vorsprung des Standorts Deutschland wurde kleiner oder verwandelte sich (teilweise) in einen Rückstand. Sehr engagiert äußerte sich hierzu Friedrich Merz unlängst in der Wirtschaftswoche.

Aus anderer Perspektive nähert sich der Soziologe Hartmut Rosa dem Phänomen. Auch er konstatiert eine technisch und ökonomisch induzierte Beschleunigung (insbesondere seit dem 19. Jahrhundert), die als Konsequenz eine soziale Beschleunigung nach sich zieht.

Und schließlich beschäftigen sich die Informatiker und Futurologen mit dem Thema. Ihr Vorteil: Sie können eine Maßeinheit anbieten, nämlich das Mooresche Gesetz. Raymond Kurzweil, ein prominter Vertreter der Futurologie, will das Mooresche Gesetz sogar nur als Spezialfall eines allgemeingültigen Gesetzes verstanden wissen, wonach technologische Entwicklung grundsätzlich exponentiell verläuft und schließlich in einen Zustand technologischer Singularität mündet, in der die Intelligenz von Maschinen diejenige der Menschen übersteigt.

Ob und wann diese technologische Singularität eintritt, soll uns hier nicht weiter beschäftigen. Das Phänomen der Beschleunigung allerdings schon. Denn wenn der Fortschritt exponentiell und nicht linear verläuft, hat dies erhebliche Auswirkungen auf Produkte, Produktionsverfahren und Geschäftsmodelle der Unternehmen.

Ein Beispiel mag dies illustrieren: Der Einzelhandel in Deutschland erholt sich gerade von einer Standortdebatte, bei der die Frage war, ob die Menschen lieber in den Stadtzentren oder doch lieber am Stadtrand (auf der grünen Wiese) einkaufen. Das Thema Internet geriet dabei in den Hintergrund, weil das Internetshopping im ersten Anlauf nicht so recht überzeugen konnte. Linear weitergedacht, führt dies zu einer auskömmlichen Zukunft sowohl für die klassischen Händler in den Stadtzentren als auch für die Filialisten an der Pheripherie. Der Internethandel mag in seiner Nische langsam wachsen und alle zusammen prosperieren, solange die Wirtschaft wächst.

Exponentiell weitergedacht entwickelt sich das Internet sehr viel schneller und in virtuellen Räumen wie Second Life etablieren sich neue Einkaufswelten. Diese stoßen auf sehr viel mehr Akzeptanz als der bisherige Internethandel und ziehen so innerhalb kurzer Zeit erhebliche Kaufkraftanteile auf sich.

Ein Schauermärchen? Vielleicht. Aber es zeigt, dass der Handel eben „exponentiell“ denken und das Phänomen der Beschleunigung in seine Planungen einbeziehen sollte. Wo Second Life heute noch kritisiert wird, weil die Simulation teilweise langsam läuft und zudem nur wenig Menschen (Avatare) in der Kunstwelt unterwegs sind, kann nur der Händler hierin keine Bedrohung sehen, der linear denkt.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Diese Sichtweise kann ich uneingeschränkt teilen. Genau so wichtig wie die sachliche Darstellung der Situation, finde ich einen Erklärungsansatz zur Brisanz dieses Themas, um mit dem Unternehmer in den Informationsaustausch treten zu können. Medien, Wirtschaftsverbände und Politik haben sich in der Vergangenheit in dieser Disziplin auch nicht gerade unentbehrlich machen können. Auf die Innovationen der genannten Zusammenschlüsse warten alle schon lange. Die mächtigsten Institutionen der genannten Bereiche sind in der Entwicklung doch Jahre im Rückstand. Das wird uns immer sehr eindrucksvoll demonstriert, wenn wir es mit ihren organisatorischen Prozessen zu tun bekommen. Vielleicht wollen sie ja bewußt so wahrgenommen werden? Die dicken, schlafenden Dinosaurierer.
    Wie sollte ich einem Unternehmer diese exponenzielle Entwicklung erklären? Mir bleibt da eigentlich nur das Beispiel Internet und das alleine ist für die meisten ja noch erklärungsbedürftig. Wenn ich mir unseren Mittelstand ansehe, kann ich bloß auf ein Generationswunder hoffen. Die alten Ausbilder müssen jetzt bei den Jungen in die Ausbildung gehen, schnell ! Der falsche Stolz und das alte Gluckengehabe bringt uns keinen Zentimeter weiter. Aber wenn ich Hawking richtig verstanden habe, haben wir noch genug Zeit in der Singularität.