So würde ich gern Zeitung lesen

In der amerikanischen Blogosphäre wird dieser Tage wieder über das Aussterben der klassischen Zeitungen bzw. deren Verlage spekuliert. Jeff Jarvis (BuzzMachine) erteilt der New York Times Ratschläge, Tim O’Reilly hört gerüchteweise, dass der San Francisco Chronicle in Schwierigkeiten sei. Don Dodge (Microsoft) rief schon letztes Jahr das Ende der Zeitungen aus, machte aber unlängst einen eher kleinlaut anmutenden Rückzieher.

Der Schweizer Medienspiegel zitiert Warren Buffet, wonach Zeitungen vermutlich künftig nur mehr der Imagebildung ihrer Eigentümer dienen, aber nicht mehr als Investment zum Geld verdienen taugen. Und Andreas Göldi (ebenfalls Schweizer) ist es sichtlich nicht wohl dabei, dass erfolgreiche Baulöwen in das Zeitungsgeschäft einsteigen.

Wo liegt das Problem? Offenkundig gehen weltweit die Druckauflagen der Zeitungen zurück. Das wäre nicht schlimm, würde man das durch neue Geschäftsmodelle im Internet kompensieren können. Aber gerade hier macht man es uns Lesern schwer.

Die Preise für Online-Abos sind in den meisten Fällen genau so teuer hoch wie die der Printausgaben. Und das, obwohl Druck und Distribution entfallen.

Der springende Punkt für mich ist aber ein Anderer: Im Internet sollte es doch möglich sein, dass sich jeder seine Zeitung individuell zusammenstellt, oder? Ich persönlich würde gerne den Politikteil der FAZ lesen, dazu aber die (ausführlicheren) Wirtschaftsnachrichten der Financial Times Deutschland. Für die Lokalnachrichten griffe ich gerne auf die Schwäbische Zeitung zurück, schreiben doch weder FAZ noch FTD über den Landkreis Sigmaringen. Das alles natürlich zum kumulierten Preis einer (!) Tageszeitung.

Die Verlage sollten mal ihre Preismodelle überdenken und sich für guten Content im Internet neue Lösungen einfallen lassen. Ansonsten bekommt Don Dodge womöglich doch noch recht!

Und noch ein Punkt: Seit Jahren schon bekomme ich von der New York Times täglich einen Newsletter mit wichtigen Schlagzeilen des Tages. Hin und wieder schaffe ich es tatsächlich, den einen oder anderen Artikel dann anzuklicken und auf der Website der Zeitung zu lesen. Bezahlen tue ich dafür natürlich nichts: Wie auch – es gäbe ja nur die gesamte Zeitung am Stück, die ich schon aus Zeitgründen gar nicht lesen kann. Hier wäre es denkbar, dass die Preise nach Entfernungen gestaffelt werden. Wer im unmittelbaren Einzugsgebiet der Zeitung lebt, bezahlt den vollen Preis, je weiter entfernt man aber ist (etwa nach Ländern und Kontinenten), desto günstiger wird der Bezug. Das wäre doch mal ein innovativer Ansatz, oder?

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Also zumindest per RSS-Reader klappt das doch schon recht gut, wie ich finde. Ich kann mir z.B. die IT-News der FTD mit bestimmten News von Spiegel, Stern, Süddeutsche, Heise und anderen Quellen kombinieren. Ergänzt mit Audio- und Video-Podcasts z.B. von tageschau.de sowie Meinungen und sogar Comics aus ausgewählten Blogs. Das ganze meist durch Werbung, GEZ oder ab und an einzelne Artikel per Micopayment finanziert und bei Bedarf für spätere Verwendung „verschlagwortet“ – wozu brauche ich da noch eine „echte“ Zeitung 😉

  2. „FAZ lesen, dazu aber die (ausführlicheren) Wirtschaftsnachrichten der Financial Times Deutschland. Für die Lokalnachrichten griffe ich gerne auf die Schwäbische Zeitung zurück,“

    Gibt es schon, allerdings nur auf eine Zeitung bezogen. Oft kann man sich seine epaper so zusammenstellen, wie man es mag sport + lokales und dann downloaden.

    Die Kombination verschiedener Zeitungen macht natürlich nur innerhalb eines Verlagshauses Sinn, etwa Handelsblatt + Zeit + Südkurier. Doch wenn ich den Wirtschaftsteil des Handelsblattes haben kann und die Politik, werde ich kaum den entsprechenden Teil des Südkuriers lesen. Das führt dann natürlich zu Medienkonzentration und widerspricht der Medienvielfalt… die ist wichtig und kostet eben auch!

  3. Gut, die Medienvielfalt ist schon ein hohes Gut. Aber in meinem Modell hätte ich ja auch die Wahl, ob ich die Politik von der FAZ oder lieber von der taz beziehen wollte.

    Vielfalt entsteht derzeit in den USA übrigens auf ganz neue Weise: Die NYTimes berichtet, dass viele Zeitungen ihre Berichterstattungen zur Literatur gekürzt hätten, dafür aber immer mehr Literatur-Blogs entstanden seien. Diese seien oft stärker spezialisiert (Nischenbildung) und auch offener in ihren Meinungen. Dem haben die Zeitungen offenbar wenig entgegenzusetzen.

  4. Pingback: bwl zwei null » Zeitungen ohne Papier: Eine Antwort an Andreas Göldi