Blogs: Die unbekannte Spezies

Meine Begegnungen in der oberschwäbisch-mittelständischen Wirtschaft führen immer wieder zu interessanten Erfahrungen. Da ist etwa der dynamische Bauunternehmer, der mir sagt, dass er in den letzten beiden Jahren mit Erfolg verstärkt wieder mehr Printwerbung macht, nachdem er zuvor eher auf das Internet gesetzt hatte. Seiner Erfahrung zufolge wird die Printwerbung besser wahrgenommen und führt zu mehr direkten Kontakten. Von Blogs hat er noch nie etwas gehört, will sich das Medium jetzt aber mal anschauen.

An anderen Stellen wird mir rundheraus gesagt, dass das Internet schlicht überhaupt keine Rolle spielt. So habe man vor Jahren zwar einen Internetauftritt eingerichtet, danach seien die Geschäfte aber davon völlig unberührt weitergelaufen. Der Erfolg hänge zum Einen an der Branchenkonjunktur und zum Anderen an der Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Produkte. Mit Sorge sieht man die Entwicklung in Osteuropa und Asien und fürchtet das Aufkommen neuer Wettbewerber, aber das habe ja mit dem Internet nichts zu tun und sei auch nicht darüber zu beeinflussen.

Bleiben wir beim Thema Blogs. Dass offenbar weite Teile des Mittelstandes davon noch gänzlich unberührt sind, bestätigt indirekt die Studie „Blogging und Persönlichkeit„. Marcel und Felicitas Heine haben den Test entwickelt und in ihrem Blog vorgestellt. Demnach ist die deutsche Blogosphäre bislang eine ziemlich „geschlossene Gesellschaft“, die sich noch in einer Early Adoption Phase befindet und sich für ein weiteres Wachstum weiter öffnen und vernetzen muss.

Mehr oder weniger in dasselbe Horn bläst Dr. Frank Huber, der die Blogospähre wenig schmeichelhaft mit einer Schrebergartenkolonie vergleicht. Ich muss ihm aber recht geben, insbesondere seitdem ich auch in die französische Welt der Blogs schaue. Dort gibt es eine ungleich größere Vielfalt und man scheint sich auch nicht als eine besondere Art Gruppe oder Community zu verstehen. Ein Blog ist dort ein interessantes Medium, mehr nicht.

Ich sehe zwei Defizite bzw. Aufgaben:

  1. Die deutsche Blogosphäre sollte dringend über ihren eigenen Tellerrand hinausschauen und es sich zur Aufgabe machen, dem Medium zum Durchbruch bzw. zu einer Breitenwirksamkeit zu verhelfen.
  2. Der Mittelstand muss sich mit dem Web 2.0 auseinandersetzen und die neuen Formen und Inhalte aufgreifen. Es kann nicht sein, dass Unternehmen wie etwa Accenture auf den Zug aufspringen während weite Teile der kleineren und mittleren Unternehmen bei uns dies als überhaupt nicht relevant einstufen.

Man täusche sich nicht: Aus Organisationsgesichtspunkten betrachtet arbeiteten noch vor 5 oder 10 Jahren alle Unternehmen der westlichen Welt mit denselben Medien bzw. Instrumenten. Man hatte Telefon und Fax, vernetzte PC’s und jede Menge Kopiergeräte. Wissen wurde in Papierform gesammelt und abgelegt. Dann kamen Mobiltelefone und der Versuch, die Papierflut einzudämmen zugunsten von Speicherlösungen auf Servern.

Als das Internet Einzug hielt und sich weiterentwickelte, teilte sich die Unternehmerschaft in zwei Lager: Die Einen begriffen das Web allmählich als Plattform und begannen, ihre Geschäftsmodelle anzupassen. Die Anderen sehen bis heute im Internet nur einen zusätzlichen Informationskanal und arbeiten weiter wie bisher. Da passen Blogs natürlich nicht ins Konzept.

Schon bald dürfte sich aber die neue Netzwerk-Ökonomie für ihre Beteiligten auszahlen und den partizipierenden Unternehmen Produktivitätsgewinne und mehr Umsatz bringen. Die anderen aber werden sich wundern und im Wettbewerb zurückfallen. Erst dann wird vermutlich vielen bewusst werden, dass etwa Blogs neue Kontakte schaffen, wichtige Informationen vermitteln und über ihre Feedback-Funktion wichtige Impulse geben können. Tan Kian Ann aus Singapur hat die Vorteile von Blogs für Unternehmen in 9 Punkten sehr gut zusammengefasst.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Du bist aber auch mutig: Blogs sind doch viel zu hoch für „die da draußen“. „Blogs? Ach, die digitalen Tagebücher! “

    Der Mittelstand tut sich schon mit der grundsätzlichen Nutzung des Internets schwer. Wie Du leider selbst erfahren hast, hinken die Unternehmen den aktuellen Entwicklungen und Möglichkeiten viele Jahre hinterher.

    Schlimm, dass das mangelnde Verständnis dann eher zum Abwenden führt, als zu einem intensiveren Beschäftigen mit dem Medium.

  2. Pingback: Aysberg-Blog

  3. Die Situation, die Matthias Schwenk in seinem Beitrag beschreibt, kommt mir sehr bekannt vor.
    Die Frage ist doch jetzt aber, was das für Konsequenzen für uns hat, die wir davon überzeugt sind, dass Blogs, Wikis etc. den Unternehmen einen Nutzen bringen könnten?
    Wir können entweder auf die Kunden schimpfen, weil sie immer noch nicht verstehen wollen, dass das Internet für sie eine Chance bedeutet.
    Oder wir freuen uns über das riesige Potenzial, das sich hier zeigt. Nehmen wir doch mal an, alle Welt wäre total begeistert von den Möglichkeiten, die das Internet bietet. Wir hätten keine Chance, irgendjemanden überzeugen zu können. Und das würde ich persönlich schade finden.
    Mir ist es lieber, 10 Experten wollen 1000 mögliche Kunden überzeugen, als 1000 Experten streiten sich um 10 Kunden.
    Insofern sehe ich die Situation gar nicht so negativ, sondern verstehe sie als Chance.

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