Wikipedia

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Flickr Wissensleiter degreezero2000Die Wikipedia ist ein Meilenstein in der Entwicklung des Internets und eine kulturelle Leistung, auf die wir als Menschheit stolz sein können. Dass dieses frei zugängliche Wissen mit Traditionen bricht und sogar Geschäftsmodelle ins Wanken bringt, ist dabei unvermeidlich. Aber die Wikipedia selbst ist nicht unverwundbar. Sie hat Schwächen in ihrem System und Wettbewerber. Bei uns in Deutschland weniger bekannt sind etwa Citizendium, Squidoo oder HubPages. Am Rand werden die Grenzen ziemlich fließend und gehen in Suchmaschinen wie Mahalo oder Yahoo Answers über.

Nun hat auch Google angekündigt, eine eigene Wissensbasis aufzubauen und darin, im Gegensatz zur Wikipedia, die Autoren beim Namen zu nennen (und sogar abzubilden). Der wenig elegante Markenname “Knol” leitet sich vom Wort “Knowledge” ab, sein Dienst ist noch nicht öffentlich zugänglich.

Wie es der Zufall will, kündigt der Spiegel nur wenige Tage später an, “alle relevanten Informationen auf einen Klick” bieten zu wollen, indem man mit Bertelsmann zusammen ein Wissensportal eröffnet, in das die Inhalte der Spiegelhefte, des Bertelsmann Lexikons sowie Artikel der Wikipedia zusammengeführt werden.

Wo spielt also künftig die Musik?

  1. Die Wikipedia wird weiter den Ton angeben. Das Lexikon ist bereits so groß und reaktionsschnell, dass ihm allenfalls finanzielle Engpässe gefährlich werden können. Die Ablehnung der Wikipedia in Fachkreisen (”nicht zitierfähig”) tut der Sache keinen Abbruch, weil breite Bevölkerungsschichten sich mit der Leistung der Wikipedia offenbar sehr gut bedient fühlen. Gesichertes Fachwissen gibt es in anderen Wikis, etwa hier (IAM-Wiki).
  2. Über Google’s Knol lässt sich noch wenig sagen. Den Ansatz über die Nennung von Autoren in Kombination mit Werbung halte ich für zum Scheitern verurteilt. Denn so lassen sich leicht gute Artikel für potentiell trafficstarke Artikel finden (”Schnupfen”), nicht aber für politisch schwierige Themen (”Auschwitz”). Zudem scheint mir ungeklärt zu sein, ob eine beliebige Privatperson etwa über den Kölner Dom schreiben dürfte (und an der Werbung verdienen), während die Kirche nach Geldern zum Erhalt des Bauwerks sucht (moralische Konflikte)?
  3. Der Ansatz von Spiegel Wissen weist in die richtige Richtung. In Zeiten von immer mehr frei verfügbarem Wissen ist die Aggregation ein wichtiges Thema. Allerdings könnten die beteiligten Partner übersehen, dass künftig der maßgebliche Faktor nicht die Inhalte, sondern die Suchmaschinentechnologie und semantische Software sein werden (Trend von der “Suchmaschine” zur “Antwortmaschine”).
  4. Schon in naher Zukunft wird fast jede Form von Wissen im Netz frei verfügbar sein. Der traditionelle Markt für das Sammeln, Aufbereiten und Publizieren von Wissen dürfte nach und nach verschwinden. Die “Wissensindustrie” folgt damit der Musikindustrie. Diese hat ihre Inhalte lange zu schützen versucht, nur um dann doch der Entwicklung (ratlos) hinterher zu laufen. Gestützt wird dieser Trend von der aktuell ablaufenden Entwicklung zum “semantischen Web”, das im nächsten Jahrzehnt das Bild prägen dürfte.
  5. Darauf folgt sehr wahrscheinlich das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz (AI) und Singularität. Aussagen zum zeitlichen Horizont mache ich an dieser Stelle lieber nicht: Es könnte schnell gehen (2020?), oder noch lange dauern (2050?).

Das Foto oben links zeigt eine “Leiter des Wissens“. Auf Flickr lassen sich übrigens sehr schöne Bilder finden, auch wenn man die Suche auf freie Werke (Creative Commons) einschränkt. Die Bildersuche auf Google ist damit praktisch obsolet geworden.

Die New York Times hat sich der Wikipedia angenommen und einen sehr guten Artikel darüber am 01.07.07 veröffentlicht. Dessen Autor, Jonathan Dee, hat sich die Mühe gemacht, einige der Wikipedia-Administratoren ausfindig zu machen und mit ihnen über ihre Motivation zu sprechen.

Es zeigte sich, dass offenbar viele Schüler und Studenten an der Wikipedia mitschreiben, während der Anteil an Beiträgen “älterer” Erwachsener eher gering zu sein scheint. Genaue Erhebungen dazu gibt es aber nicht und Jimmy Wales, der Gründer, macht sich darüber auch keine Gedanken.

Bemerkenswert fand ich, wie ernst und wichtig den jungen Redakteuren ihre (mehr oder weniger anonyme) Mitarbeit an der Wikipedia ist. Hier kann man schon Parallelen zur klassischen Vereinsarbeit sehen, bei der die Menschen auch einen Teil ihrer Freizeit einer gemeinnützigen Sachen widmen.

Schlägt man aber den Bogen von der Wikipedia zum Wissensmanagement in Unternehmen, könnte der Gegensatz kaum grasser sein: Die Wikipedia wächst und gedeiht (weltweit in vielen Sprachen), während das Wissensmanagement in vielen Unternehmen ein Sorgenkind und Randphänomen bleibt. Warum erreichen gut organisierte Betriebe nicht, was der Wikipedia praktisch “in freier Wildbahn” mühelos gelingt?

Jonathan Dee vermittelt eine Ahnung davon, wie die Wikipedia “im Inneren” funktioniert: Sie schafft es offensichtlich ohne materielle Belohnungsanreize und ohne Marketing das Gefühl zu vermitteln, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Da steckt dann Sinnstiftung hinter der selbstgewählten Aufgabe, in neuen Artikeln Fehler bei den Kommata zu korrigieren oder etwa eine bestimmte Anzahl von Artikeln einfach im Auge zu behalten und dort auftretende Verunglimpfungen, Sinnentstellungen oder sonstige Sabotage so schnell wie möglich wieder zu entfernen.

Die Wikipedia wirkt also sinnstiftend, weil die Mitarbeit an ihr vom Einzelnen als Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität vieler Menschen (bzw. der Menschheit) gesehen werden kann. Dabei ist diese Kraft genügend stark, um zumindest in den großen Sprachräumen eine ausreichend hohe Anzahl von freiwilligen Mitarbeitern zu mobilisieren, so dass das Lexikon kritische Quantitäts- und Qualitätsschwellen überwinden kann. Das wiederum wirkt zurück auf die Motivation zur Mitarbeit, so dass hier (ab einem bestimmten Schwellenwert) eine Art “Perpetuum Mobile” läuft.

Offen ist, wie weit dieses Prinzip in die Zukunft trägt, wenn die Wikipedia weiter stark wächst. Denn derzeit scheint es so zu sein, dass sich stark engagierte Autoren oder Administratoren untereinander wenigstens dem Benutzernamen nach kennen. Der Einzelne ist hier also nicht nur ein (völlig) anomymes Rädchen im Getriebe.

Diese Analyse zeigt zwei Dinge: Erstens ist das (soziale) Phänomen der Wikipedia noch kaum erforscht, und zweitens lässt sich deren Wirkungsprinzip kaum einfach so auf die Ebene eines marktwirtschaftlich orientierten Unternehmens übertragen. Doch darüber mehr im Laufe dieser Woche…

Wenn das Wochenthema sich mit Wikis beschäftigt, kommen wir natürlich nicht an der Wikipedia vorbei. Dabei handelt es sich um das weltweit größte Onlinelexikon auf der Basis von Social Software. Jeder (der über einen Internetanschluss verfügt) kann daran mitschreiben und es müssen keine ganzen Artikel sein: Kleinere Ergänzungen oder Aktualisierungen, zusätzliche Links auf andere Websites oder schlicht die Korrektur von Rechtschreibfehlern.

Und genau darin liegt die Stärke dieses Mediums und der Grund, warum sich Unternehmen damit beschäftigen sollten. Was anfangs kaum beachtet und dann eine Zeitlang skeptisch kritisiert wurde, hat sich in aller Stille zu einem Medium entwickelt, das im Englischen die berühmte Encyclopedia Britannica und im Deutschen den Brockhaus überholt hat. Und das nicht nur quantitativ: Auch qualitativ steht die Wikipedia den beiden Traditionslexika nicht mehr nach.

Die Wikipedia gibt uns einen Eindruck davon, wie Wissen im 21. Jahrhundert gehandhabt und verbreitet wird. Wer immer noch skeptisch ist, sollte sich das Video mit Jimmy Wales, dem Gründer, ansehen (oder zumindest mal kurz reinklicken). Wer die Bilder sieht merkt sofort, dass hier kein idealistischer Träumer spricht, sondern ein visionärer Manager, der ganz genau weiss, was er macht und was er will.

Der Beitrag stammt aus dem Sommer 2005, Jimmy Wales sprach damals auf der (berühmten) TED-Konferenz. Das Video hat bis heute nichts von seiner Strahlkraft und Aktualität verloren.

eingebunden mit Embedded Video

Ein Schwachpunkt der Wikipedia sei an dieser Stelle allerdings nicht verschwiegen: Was klein und kostengünstig begann, ist mittlerweile ein ziemlich teures Unterfangen, weil die EDV-Infrastruktur für ein derart umfangreiches Projekt doch erhebliche Mittel bindet. Die Stiftung, von der die Wikipedia betrieben wird, ist denn auch auf Mittelzuflüsse (Spenden) angewiesen und selbst das Budget für 2007 ist demnach noch nicht in trockenen Tüchern…

Wirtschaftlich betrachtet steht die Wikipedia somit alles andere als auf stabilen Beinen. Sofern die Stiftung nicht in absehbarer Zeit ein ausreichendes Stiftungskapital erhält, wird man sich wohl mit dem Thema “Werbung” anfreunden müssen. An diesem Punkt zumindest must Jimmy Wales wohl noch etwas umdenken.

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