Wikipedia

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Wikimedia Berlin 2009

In der aktuellen Debatte um die Wikipedia hat der CCC (Chaos Computer Club) u. a. auch die Software des Wikis als “veraltet” kritisiert. Die Wikipedia basiert bekanntlich auf einem MediaWiki (diese Software ist nicht zu verwechseln mit dem Verein “Wikimedia“).

Über ein Gespräch, das zwischen Vertretern der Wikipedia und Felix von Leitner (”Fefe”) in den Räumen des CCC Berlin stattgefunden hat, berichtet der Wikipedia-Kurier u. a. (bei dieser Gelegenheit entstand auch obiges Foto):

“Dazu die heillos veraltete Software, die dringend optimiert werden müßte, so war ein Vorschlag von den CCClern z. B. die Neuanlage von Artikeln mithilfe einer Maske so zu verändern, dass ein Artikel ohne Grundwikifizierung und mind. einer Grundkategorie gar nicht anlegbar ist. Ein automatischer Assistent hilft dem ungeübten Neuautoren durch die ersten Schritte, so könnte z. B. auch vielen Spaßvögeln, der schnelle Spaß am Vandalieren deutlich ausgebremst werden. Ein Bot könnte Neuangemeldeten Usern sofort per Hinweis das Mentorenprogramm quasi „verordnen“, so dass sie nicht unsicher durch die Wikipedia stolpern, bis sie es finden oder gefunden werden.”

Wer mich kennt, weiß, dass ich aller Begeisterung zum Trotz, Wikis wie das MediaWiki immer kritisiert habe, weil sie ohne (serienmäßig eingebauten) WYSIWYG-Editor weithin nicht akzeptiert werden. Eingefleischte Wiki-Fans mochten das nie gelten lassen. Um so mehr freut es mich jetzt, dass man auch beim CCC offen ausspricht, dass sich die im Grundsatz schon sehr gute Wiki-Software seit ca. 8 Jahren nicht wirklich weiterentwickelt hat.

Diese Kritik kann man inzwischen auch an anderer Stelle lesen, etwa hier (citizen-cam Blog) und da (Knowledge Brings Fear). Aber ob das etwas nützen wird?

Ich setze darauf, dass die Wikipedia in Sachen Collaboration und lexikalisches Wissen nicht der Weisheit letzter Schluss bleiben, sondern schon im nächsten Jahrzehnt einen oder mehrere Wettbewerber auf der Basis einer wesentlich moderneren Software erhalten wird, die ihr das Wasser abgraben werden.

Die Schwächen der Wikipedia liegen jetzt offen zu Tage. Nun müssen nur noch ein paar mutige Leute ein Startup gründen und eine Software entwickeln. Es müsste etwas sein, das besser als die Wikipedia der Tatsache Rechnung trägt, dass Wissen im 21. Jahrhundert keine statische, sondern eine dynamische und sich laufend fortschreibende Sache ist. Die Wikipedia dagegen funktioniert noch wie ein klassisches Lexikon mit einer auf viele freiwillige Köpfe verteilten Redaktion, deren Hierarchien und Entscheidungswege bei der inzwischen erreichten Größenordnung nicht mehr greifen. Das ist auch kein Wunder, denn die Wikipedia war nie auf den Umfang ausgelegt worden, den sie heute erreicht hat.

Ihre Nachfolger haben es leichter, denn sie haben eine klare Benchmark. Sie werden uns eine deutlich angenehmere Benutzeroberfläche bieten und Wissen nicht mehr primär textorientiert, sondern multimedial offerieren. Die Autoren werden an vielen Stellen namentlich genannt und deren (Online-) Reputation wird maßgeblich für das eingebrachte Wissen stehen.

Zu allen Stichworten wird es nicht nur Verweise und Links auf Primärquellen geben, sondern auch Verlinkungen zur aktuellen Berichterstattung in Medien oder Diskussionen in Social Networks. Neue Artikel werden im System von selbst angelegt (etwa der Berichterstattung in Medien folgend), dazu werden dann Autoren automatisch gesucht und eingeladen, einen Beitrag zu leisten. Stellenweise wird es Ähnlichkeiten (und Überlappungen?) mit Google Wave geben. Vielleicht erwächst aus so etwas heraus am Ende dann die erste künstliche Intelligenz?

Ein neuer Anlauf beim eyePlorer: Das Startup aus Berlin hat sich meine Kritik hier im Blog zu Herzen genommen und ein neues Video produziert, mit dem jetzt sehr anschaulich dargestellt wird, was der eyePlorer leisten kann:

eingebunden mit Embedded Video

Wer also hier seine Suchbegriffe eingibt, erhält “Eyespots” als erstes Ergebnis. Das sind assoziative Begriffe und nicht Links zu anderen Webseiten (wie bei Google). Mit jedem der angezeigten Begriffe ist direkt eine (kurze) Erklärung verbunden, sowie die Möglichkeit, über einen Link zu weiteren Informationen zu gelangen.

Das Marketing für den eyePlorer ist mit diesem neuen Video wirklich gut geworden. Was aber ist vom Produkt selbst zu halten? Welche Erwartungen erfüllt der eyePlorer?

Spontan fallen mir Kinder und Jugendliche als Zielgruppe ein. Denn sie sind mit den typischen Suchergebnissen bei Google meist überfordert und können beim eyePlorer gezielt Wissen erwerben. Zudem werden sie hier nicht durch dreiste SEO oder gar pornografische Links abgelenkt.

Bei den Erwachsenen dürften sich aber die Geister scheiden: Wer gerne mit Mindmaps, Assoziationsketten und visualisierten Ergebnissen arbeiten, könnte hier heimisch werden. Wer aber wie ich schon zu lange von den klassischen Formen der Wissensdarstellung “verbildet” wurde, steht etwas ratlos vor den (vielen) Eyespots.

Etwa beim Suchbegriff “Romantik”, wo einige der Eyespots zu interessanten Aussagen führen (etwa Leidenschaft, Teufelspakt, Etymologie), während andere eher unverbunden oder gar nichtssagend im Kontext stehen (etwa Latein, Wohlstand oder Ständeordnung).

Wer es nicht mit der Romantik hat, findet zu David Weinberger drei Eyespots die alle zur gleichen Aussage führen (die immerhin seine Person treffend beschreiben), während man zu Clay Shirky (noch) nicht fündig wird. Zudem greift der eyePlorer auffallend häufig auf die Wikipedia als Quelle zurück.

Das sollte noch anders werden, denn sonst kann man gleich selbst dort nachsehen. Zudem vermisse ich eine stärker hierarchisch aufgebaute Struktur des Wissens: Klickt man nämlich von den Eyespots über die kurzen Erläuterungen weiter, landet man gleich bei der Quelle, die meist ein längerer Artikel in der Wikipedia ist. Ein Zwischenschritt über Passagen, die nicht gleich ganze Artikel sind, wäre gut.

Schließlich vermisse ich eine bessere Orientierung für vorgebildete Nutzer: Wer Mozart und seine Musik schon kennt, kann mit den Eyespots nicht sehr viel anfangen, man befindet sich zu schnell auf einer eher verwirrenden Detailebene. Es fehlen lenkende Kategorien wie etwa Lebensgeschichte, Zeitgeist, aktuelle Werkrezeption, Tourismus…

Mein Fazit: Der eyePlorer ist eine erstaunliche Leistung, die uns einen interessanten Weg für den Umgang mit Wissen in der Zukunft zeigt. Noch aber bleibt dem Team um Ralf von Grafenstein und Martin Hirsch viel zu tun. Wer sich selbst ein Bild machen will, kann dies aktuell auch auf der CeBIT tun (via Twitter).

encyclopedia of lifeDieses bemerkenswerte Lexikon ist jetzt also online und Andreas Dittes sorgt sich, ob die User da auch genügend Mitspracherechte haben werden. Das Wort “genügend” ist dabei natürlich dehnbar. Tatsächlich ist eine Art Zweistufigkeit vorgesehen: An der Basis kann jeder mitmachen und Fotos, Zeichnungen oder Texte beisteuern. Darüber aber gibt es eine zweite Ebene, die von Experten geführt wird. Dabei sollen Wissenschaftler aus der ganzen Welt die redaktionelle Verantwortung für einzelne Seiten übernehmen und so für eine hohe Qualität der Inhalte sorgen.

Das Mitmach-Web wird hier also etwas anders interpretiert als bei der Wikipedia. “Offen” gibt man sich auf beiden Stufen, wobei aber die fachliche Qualifikation den Unterschied ausmacht, auf welcher der beiden Stufen man zugelassen wird.

Da passt es eigentlich sehr gut, dass in Deutschland demnächst der Brockhaus online geht. Bei diesem Traditionsverlag will man am klassischen Redaktionsprinzip festhalten und gibt sich überzeugt, seine 60köpfige Redaktion halten zu können. Wir haben somit drei unterschiedliche Modelle, wo Wissen für ein breites Publikum im Netz bereitgestellt wird.

Meine Einschätzung: Der Wikipedia werden weder die Encyclopedia of Life noch der Brockhaus auf Dauer das Wasser reichen können. Die beiden Letztgenannten mögen vielleicht bei der Qualität der Inhalte die Nase vorn haben. Das aber macht die Wikipedia durch ihren Umfang und die Schnelligkeit vermutlich wett.

Brockhaus Lexikon in einem BandDie Wikipedia hinterlässt schon deutliche Spuren in den Bilanzen der Verlage: So wird für den Brockhaus Verlag für das Geschäftsjahr 2007 ein Verlust im siebenstelligen Bereich gemeldet (BuchMarkt). Dafür soll im Wesentlichen ein Absatzeinbruch bei den allgemeinen Lexika verantwortlich sein.

Als Gegenmittel will Brockhaus nun ein Wissensportal im Internet aufbauen, das sich über Werbung finanzieren soll. Zudem wird für Schüler (und Lehrer) ein spezielles (werbefreies) Angebot im Web dazu kommen. Diese Absichten sind gut. Aber ob sie auch ausreichen werden? Ehrhardt Heinold (Publishing Business Blog) weist darauf hin, dass “mit Werbung und Sponsoring in der Startphase nicht annähernd ein vergleichbarer Umsatz wie in Print erzielt werden kann”.

Ich persönlich bin skeptisch, ob Brockhaus im Bereich des allgemeinen Wissens gegenüber der Wikipedia noch Boden gut machen kann. Der Abstand könnte schon zu groß sein. Zudem kann die Wikipedia etwas bieten, was ein klassischer Verlag kaum aufwiegen kann: Den Crowdsourcing-Effekt. Bei der Wikipedia kann ich selber mitmachen und bin nicht nur ein passiver Konsument. Dieses Moment ist im Grunde die Basis nicht nur der Wikipedia, sondern des gesamten Web 2.0! Hier findet also eine Identifikation auf einer ganz anderen Ebene statt.

Dafür dass sich dieser Effekt auch im kommerziellen Bereich nutzen lässt, hat unlängst Burkhard Schneider ein paar gute Beispiele zusammengestellt. Bei Brockhaus sollte man das bedenken. Zudem sollte der Verlag schleunigst auch mit den noch “intakten” Bereichen des Spezialwissens ins Netz und dort neue Geschäftsmodelle entwickeln. Rein lexikalisches Wissen wird da nämlich nicht genügen. Es könnte aber ein guter Einstieg sein, etwa für E-Learning-Module oder auch eine Art eigene “Suchmaschine”, bei der geprüfte Links zu weiterführenden Wissensquellen angeboten werden. So etwas könnte man teils manuell, teils mit semantischer Software bewerkstelligen.

Rasches und mutiges Handeln ist jetzt angesagt. Es wäre sonst schade um einen Verlag mit großer Tradition und großem Namen!

Wisdom of cups Flickr AngermannHantiert man mit beiden Begriffen, ist natürlich eine genaue Unterscheidung erforderlich. Denn sie sind ähnlich, aber bei weitem nicht gleichzusetzen.

Beim Crowdsourcing geht es darum, eine größere Anzahl von Menschen zu mobilisieren und sie zur Teilnahme bzw. Mitarbeit zu bewegen. Ein Paradebeispiel nichtkommerzieller Art ist die Wikipedia. Ganz offen kommerziell orientiert ist dagegen InnoCentive, eine Initiative des Pharmahersteller Eli Lilly. Sie läuft seit dem Jahr 2001 sehr erfolgreich und steht inzwischen auch anderen Unternehmen offen. Seit kurzem gibt es auch ein Blog zur Plattform.

Hier kommt es also auf die Ideen und Beiträge möglichst vieler Menschen an, wobei die Einzelleistung durchaus für sich stehen bleiben kann und keinesfalls im Gesamtbild untergehen muss. Im Gegenteil: Die gesuchte Lösung kann exakt der Einzelbeitrag einer Person sein. Berühmt geworden ist das Beispiel der kanadischen Minenfirma Goldcorp, die nicht mehr wusste, wo sie noch nach neuen Goldvorkommen suchen sollte. Ebenso bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, dass die Website von Goldcorp dazu heute keine Aussagen mehr macht!

Die Wisdom of Crowds dagegen setzt auf ein anderes Konzept: Die optimale Lösung ist hier gerade nicht eine Einzelleistung, sondern ergibt sich aus dem Zusammenspiel aller Beiträge.

Kurzzeitig für Aufmerksamkeit sorgte neulich eine Fernsehshow auf RTL, wo die Idee der Wisdom of Crowds gegen das Wissen von einzelnen Experten gesetzt wurde. Dass ich hier darüber schreibe, zeigt schon, dass auf diesem Feld interessante Beispiele aus der Praxis noch Mangelware sind.

Warum ist das so? Weil Unternehmen hierarchische Gebilde sind und Manager offenbar nur schwer einsehen wollen, dass die Menge aller Mitarbeiter im Schnitt klüger sein kann als die Entscheider an der Unternehmensspitze. In diese Richtung argumentiert aktuell Jon Husband (The AppGap Blog).

Und so bleibt das Phänomen Wisdom of Crowds vorläufig eher noch ein bewundertes Konzept, während Croudsourcing in vielen Facetten schon Verbreitung findet.

Foto: The wisdom of cups by angermann auf Flickr

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