Web 2.0

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“Shift happens” lautet das Motto der diesjährigen re:publica und so habe ich auch meinen Artikel genannt, der auf Carta erschienen ist. Darin hebe ich darauf ab, dass noch viel zu wenig gesellschaftlich relevante Institutionen begonnen haben, Social Software zu nutzen.

Könnte das auch daran liegen, dass die re:publica als Konferenz relativ “binnenorientiert” ist?

Damit meine ich, dass ihr Programm sehr stark auf die “Web 2.0 Szene” ausgerichtet ist und sich eher wenig Mühe gibt, Interessengruppen, Verbände, Parteien oder Unternehmen einzubinden, die dem Web 2.0 noch fern stehen.

Deutlich wurde das meiner Ansicht nach am ersten Konferenztag (Mittwoch), als das Panel zum Thema “Blogs in Deutschland” keine neuen Erkenntnisse brachte und sich eher im Kreis drehte, soweit man das über den provisorischen Handy-Stream (ohne Bild) zuhause am Rechner mithören konnte. Die Ursache dafür ist auch nicht schwer zu finden: Es diskutieren die immer gleichen Köpfe.

Damit aber langweilt man das Publikum und schlägt auch keine Wellen über die Szene hinaus. Die re:publica müsste mehr Mut zeigen und ergebnisoffener diskutieren. Denn “Shift happens” tritt genau dann nicht ein, wenn nur Gleichgesinnte sich treffen und auch noch gerne unter sich bleiben…

Das neue Jahr ist da und mit ihm eine Reihe von Prognosen, wie sie in Blogs gerne gemacht werden. Auf netzwertig.com aber hat man nicht nur in die Zukunft geschaut, sondern auch einen Appell lanciert, unsere Gesellschaft möge doch endlich ihre noch weit verbreitete Abneigung gegenüber dem Internet ablegen.

Das hat prompt Don Alphonso auf den Plan gerufen, der mit einer handfesten Replik “Technik-Jünger”, Berater und Futurologen in einen Topf packt und ihnen Geschäftemacherei vorwirft. Wem soll man nun glauben?

Aus meiner Sicht haben beide in Teilen recht, gehen jedoch nicht weit genug. Appelle sind gut, nützen aber wenig, wenn den Betroffenen die Kompetenzen und Einsichten fehlen. Hier müsste man mehr tun als nur zu Bloggen.

Rainer Meyer (Don Alphonso) hat recht, wenn er anführt, dass Privatpersonen vielfach sehr gut ohne Internet oder nur mit einer sehr geringfügigen Nutzung desselben leben können. Hier dürfte es sich teilweise schlicht um eine Frage der Generationen handeln, Appelle sind hier eher fehl am Platz.

Was im privaten Bereich also durchaus legitim ist, sieht auf der Ebene von Unternehmen bzw. Organisationen ganz anders aus. Hier wäre es wirklich an der Zeit, dem Appell von Martin Weigert Folge zu leisten. Denn leider tun sich noch zu viele Unternehmen mit dem Internet (vom Web 2.0 gar nicht zu reden) reichlich schwer.

Aber da genau liegt der Kern des Problems: Gerade weil man sich bislang zu wenig mit dem Internet befasst hat, fehlt jetzt die Kompetenz, einem solchen Appell nachzukommen! Das fängt schon bei den Schulen an, in denen der Frontalunterricht alter Prägung dominiert und eLeaning immer noch eine exotische Ausnahme ist.

Schauen wir zu den Industrie- und Handelskammern und anderen Verbänden, ändert sich das Bild nicht. Das Internet ist auch hier fast überall nur ein Randerscheinung. Solide Kenntnisse im Bereich Web 2.0 sind kaum irgendwo anzutreffen, geschweige denn funktionierende und zukunftsweisende Anwendungen.

Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Und um eines klar zu stellen: Mir geht es hier nicht um einen “Aufbruch der Massen” in die vielen neumodischen Social Communities (so gern diese das vielleicht sehen würden). Mir geht es eher etwa um die Buchverlage, die einfach nicht sehen wollen, dass man mit Blogs sehr elegant und kostengünstig einen direkten Draht zu den eigenen Lesern herstellen könnte, so man dies nur wollte. Aber die Verleger und Lektoren sind wohl weithin in einer Denkweise gefangen, nach der es eben eine “Kunst” ist, Bücher zu machen und der Verleger am besten weiß, was für sein Publikum gut ist (und dieses deshalb auch nicht fragen muss).

Martin Recke (Fischmarkt) hat gerade die Hoffnung ausgesprochen, dass im Jahr 2009 einige Marken und Markenartikler den Dialog mit ihren Kunden endlich beginnen werden. Schon im ersten Kommentar wird ihm widersprochen und auch ich teile zwar seine Hoffnung, habe zugleich aber ähnliche Zweifel wie Malte.

Diese “Dialoge”, die uns das Internet mit seinem Rückkanal als Möglichkeit eröffnet, sind vielerorts wie eine Kröte, die kaum zu schlucken ist. Was jungen Menschen ganz natürlich vorkommt, ist für andere so etwas wie ein Affront gegen die Berufsehre und lang gepflegte Traditionen. Und das ist neben der fehlenden (methodischen) Kompetenz ein zweites elementares Hindernis, das eine volle Ausschöpfung der Potenziale des Internets schwer bis unmöglich macht.

Als Fazit bleibt, dass Rainer Meyer recht hat, wenn er Privatpersonen zugesteht, dass sie nicht jeden Hype im Internet mitmachen müssen. Martin Weigert liegt aber auch richtig, wenn man seine Auflistung (und den Appell) aus der Sicht von Unternehmen bzw. Organisationen liest. Was bleibt ist die Frage, wie man die fehlende Methodenkompetenz überwinden und den nötigen Kulturwandel vermitteln kann, damit unsere Gesellschaft als Ganzes qualitativ weiterkommen kann.

Best Buy ist eigentlich nicht gerade das Unternehmen, das einen vom Stuhl reißen würde. Der “Media Markt” der Vereinigten Staaten hat es aber dennoch in sich, da dieser Einzelhandelsriese keine Berührungsängste gegenüber dem Web 2.0 kennt und sogar mit Prediction Markets experimentiert. Das folgende Video ist fast 30 Minuten lang und (nur) für Enthusiasten in Sachen Enterprise 2.0 in voller Länge sehenswert:

eingebunden mit Embedded Video

Gefunden habe ich das Video im Blog von Consensus Point, einem Hersteller von Software für Prediction Markets. Darin macht der CEO von Best Buy, Brad Anderson, sehr deutlich, wie die Einführung eines Wikis im Unternehmen das mittlere und höhere Management regelrecht aus der Fassung bringt, weil Entscheidungen plötzlich an der Basis fallen und die Manager auch nicht nicht mehr so stark im Rampenlicht stehen.

In den ersten fünf Minuten des Videos wird gezeigt, welche Tools bei Best Buy derzeit im Einsatz sind: Es gibt ein Social Network (Blueshirtnation.com), ein Diskussionsforum (WaterCooler), das Wiki (What I know is…), ein modernes Vorschlagswesen (Loop Marketplace) und eben den Prediction Market (Tag Trade).

Für die Kunden von Best Buy gibt es ein Forum, über dessen Startseite man auch zu den Blogs und Twitterfeeds einzelner Mitarbeiter gelangt. Mehr kann ein Unternehmen in Sachen Web 2.0 eigentlich kaum tun, oder?

Helfen die Tools des Web 2.0 (respektive Enterprise 2.0) in der aktuellen Krise? Andrew McAfee hat neulich skizziert, wie er damit der amerikanischen Automobilindustrie beispringen würde. Der Artikel ist lesenswert, lässt aber etliche Fragen offen.

Eine interessante Antwort auf McAfee habe ich nun im Collaboration und Content Blog der Burton Group gefunden: Larry Cannell schlägt deutlich vorsichtigere Töne an, auch wenn er den Einsatz von Wikis, Blogs und anderen Tools natürlich befürwortet.

Mein Beitrag in dieser Sache ist der Blick auf die mittelständisch geprägte Industrie, die vielfach in der Rolle von Zulieferern (etwa von Maschinen) mit der Automobilindustrie zusammenarbeitet. Dort hat man in den letzten Jahren gut verdient und war viel zu beschäftigt, um sich mit neueren Entwicklungen aus dem Internet zu befassen. Der Schock über die plötzlich hereingebrochene Krise sitzt hier tief und die akute Sorge gilt derzeit überwiegend noch den Kreditlinien bei der Bank.

Was danach kommt, wird man sehen müssen. Stellenweise dürfte die Akzeptanz des Web 2.0 schon zunehmen, aber eben nur “stellenweise”. Anderen wird erst die eigene Insolvenz bzw. die Übernahme durch einen Konzern oder eine Private Equity Gesellschaft auf die Sprünge helfen. Ich schreibe das hier ohne Häme oder Ironie. Denn zumindest der schwäbischen Seele liegt dieses Web 2.0 nicht, so viel habe ich inzwischen lernen müssen: Das offene Diskutieren in Blogs, der schnelle Gedankenaustausch über Twitter, die hierarchiefreie Zusammenarbeit in Wikis (wo der Chef kaum mehr gilt als der Lehrling!), das alles ist den Menschen hier eine rechte Zumutung…

So gesehen stimmt der berühmte Spruch, die Schwaben könnten alles außer Hochdeutsch, nicht ganz: Sie können auch kein Web 2.0 und brauchen deshalb nicht so sehr eine Wirtschaftskrise, als vielmehr einen Generationenwechsel, um wieder auf der Höhe der Zeit zu sein. Dann aber sind wir wieder ganz vorne dabei, darauf mache ich jede Wette!

Oliver Belikan kritisiert hier in den Kommentaren völlig zu Recht, dass sich das “Web 2.0 Umfeld” zu sehr mit sich selbst beschäftige und etwa dem Mittelstand keine wirkliche Nutzenperspektive vermittle. Klar ist auch: Die “Stimme” des Web 2.0 ist in Deutschland noch sehr marketinglastig und mit einem Corporate Blog in deutscher Sprache ist einem weltweit exportierendem Mittelständler nicht geholfen.

Warum also dennoch (endlich) ins Web 2.0 aufbrechen?

  1. Wegen der Zeitersparnis und Effektivität: Blogs, Wikis und RSS können in einem Unternehmen helfen, sehr viel Zeit zu sparen. Dabei sind diese Instrumente kein Selbstzweck, sondern helfen, etwa Daten rund um die Nachfolgeregelung besser zu strukturieren, Ideen zur Kostensenkung zu sammeln und weiter zu entwickeln, internationale Vertriebsprojekte besser zu steuern oder auch Informationen zur Produktpiraterie zu bündeln und besser zugänglich zu machen. Christiane Schulzki-Haddouti formuliert es so: “Auffallend ist, dass ein Wiki grundsätzlich alle Aktivitäten von Wissenarbeitern unterstützt“.
  2. Wegen der Medienkompetenz: Das Internet ist keine abgeschlossene Sache, ganz im Gegenteil: Es hat gerade erst so richtig begonnen! Wenn Unternehmen aber auf dem Kenntnisstand des Web 1.0 verharren, machen sie einen strategischen Fehler. Sie verlieren dann nämlich langsam aber sicher den Anschluss. Wer das Web 2.0 nicht kennt, dem fehlt ein ganzes Set von Tools, mit denen man seine Produktivität steigern kann – sowie das Grundlagenwissen für all die Dinge, die im nächsten Jahrzehnt kommen werden.
  3. Wegen der Konnektivität: Noch hängen ja weite Teile des Mittelstandes dem alten Ideal nach, alles selbst machen zu können. Dabei wird unsere Welt immer dynamischer und komplexer. Erfolgreiche Unternehmen brauchen deshalb ein Netzwerk an vielfältigen Beziehungen, Zugang zu interessanten Informationen und ein Ohr am Puls der Zeit. Und wer wollte bestreiten, dass sich vieles davon sehr effizient über Social Software (und Networks) organisieren lässt?
  4. Wegen des Kulturwandels: Das Web verändert nicht nur Geschäftsmodelle, es stellt auch die alten Unternehmenskulturen auf den Kopf. Der Trend geht klar weg von den hierarchischen Strukturen und hin zu flachen Netzwerken. Wäre es da nicht an der Zeit, sich schon mal behutsam einzuüben und mit einem Wiki oder ein paar (internen) Blogs den unvermeidlichen Wandel der Zeit einzuläuten?

Der Mittelstand muss also sehen, dass das Web 2.0 Teil eines größeren Ganzen ist, das unsere Art zu Leben und zu Arbeiten im 21. Jahrhundert grundlegend verändern wird. Sich damit zu befassen ist keine Nebensächlichkeit.

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