Umair Haque

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Endlich haben wir ihn mal im Bild und hören seine Ideen und Theorien in einem sehr gut strukturierten Vortrag (der aber auch eine Stunde dauert): Umair Haque, Direktor des Havas Media Lab spricht am 12.02.09 auf einer Konferenz der Agentur Daytona in Stockholm.

Seiner Auffassung nach erleben wir derzeit eine strukturelle Krise des Kapitalismus, weil mit dem technischen Fortschritt Kommunikation und Interaktion (”Interaction”) zuletzt enorm zugenommen haben. Die Probleme kommen nun daher, dass trotz dieser Zunahme an Interaktion Unternehmen (bzw. Institutionen generell) immer noch nach den alten Spielregeln handeln und jetzt damit scheitern.

Die neuen Regeln für das 21. Jahrhundert sind ihm bereits klar: An die Stelle von Ausbeutung (”Exploitation”) muss Erneuerung (”Renewal”) treten und das Streben nach Einnahmen (”Income”) muss viel weiter gedacht und auf die Sinnebene (”Meaning”) geführt werden. Ganz wesentlich ist auch der Faktor Mitbestimmung (”Democracy”), wenn etwa Kunden bei der Zusammensetzung der Produkte mitentscheiden können (MyMuesli wäre ein deutsches Beispiel dafür).

Als Erklärung dafür, warum heute ganze Branchen in die Krise rutschen, sieht Umair Haque in dem Umstand, dass man vielfach über lange Zeit nur damit beschäftigt war, Märkte zu beherrschen (”dominate markets”) und darüber die Kunden und das Thema Innovation aus den Augen verloren hat. Microsoft ist für ihn ein Beispiel (obwohl es dem Unternehmen noch glänzend geht), aber auch die Automobilindustrie, die sich derzeit von Newcomern zeigen lassen muss, wie die Fahrzeuge von morgen aussehen werden.

Insgesamt scheint mir sein Entwurf durchaus stringent und plausibel, wenn auch noch längst nicht für alle von ihm genannten Problempunkte kar ist, woher praktikable Lösungsansätze kommen sollen. Dass unser zahlenfixiertes Wirtchaftssystem viele Blindstellen hat, weil qualitative Aspekte damit zu oft außer Betracht bleiben, ist klar.

Zudem scheint an einigen Stellen im System noch die rechte Einsicht in die Problemlage zu fehlen. So etwa an der Wall Street, wo man weiter Boni ausbezahlt und Kritik an den Rettungsplänen der Regierung übt, ganz so als sei man durch höhere Gewalt in die Finanzkrise gerutscht. Umair Haque dürfte dort noch immer ein völlig unbekannter Name sein…

Was so eine Kredit-, Banken- und Politik-Krise doch bewirken kann! Da wäre etwa Sonnyboy Robert Scoble, der sich bitter darüber beklagt, dass er auf FriendFeed zur aktuellen Lage nur dummes Geschwätz findet und nicht etwa gute Erklärungen, Einsichten und Lösungsvorschläge! Wie naiv man doch sein kann…

Von ganz anderem Kaliber sind da die Überlegungen von Jeff Jarvis. Er sieht eine enorme Tragweite für die aktuellen Vorgänge und stellt dabei nüchtern fest, dass “neue Strukturen” die alten nicht ersetzen, solange diese noch intakt sind. Neue Strukturen bauen auf entstandene Lücken auf, so Jarvis. Und dass speziell im Bankensektor gerade ein paar deutliche “Lücken” entstehen, ist ja unübersehbar.

Nicht so klar ist jedoch, wie schnell und heftig dies auf andere Sektoren und speziell die Internetbranche durchschlagen wird. Jason Calancanis sieht für Startups relativ schwarz und hat dafür extra sein Blog wieder aktiviert (wenn auch angeblich nur für diesen einen Artikel). Etwas allgemeiner fasst sich Henry Blodget und auch sein Tenor ist (auf kurzfristige Sicht) alles andere als optimistisch.

Die Welt also ein einziges Jammertal? Nicht ganz! Hank Williams etwa kommt zur Einsicht, dass die Web 2.0 Community so langsam damit beginnen könnte, nützliche Dinge zu entwickeln. Die Einsicht kommt spät, aber zusammen mit der Krise vielleicht gerade zur richtigen Zeit. Viel spricht etwa dafür, dass sich Social Software und Collaboration Tools jetzt durchsetzen können, wenn die Unternehmen darauf aus sind, Kosten zu sparen oder mit relativ geringem Mitteleinsatz ihre Produktivität zu steigern.

Für alle Startups und Gründer in schwierigen Zeiten hier noch zwei trefflich passende Leseempfehlungen: Umair Haque und Nova Spivack. Beide Personen könnten unterschiedlicher kaum sein, haben aber diesen unerschütterlich klaren Blick für die Dinge, die kommen werden. Wer sich daran ausrichten kann, dürfte die aktuelle Krise(n) gut überstehen…

Sind es wirklich die Gene?

DNA redwoodsUmair Haque (Bubblegeneration) greift seit einiger Zeit immer wieder auf den Begriff der Gene (DNA) zurück, wenn er nach Erklärungen dafür sucht, warum Unternehmen mit ihren Strategien scheitern. An Beispielen mangelt es ihm dabei nicht: Microsoft und Yahoo! sind dabei nur die aktuellsten Fälle.

Was seine Analysen zu den Unternehmen betrifft, stimme ich ihm voll zu. Bei Microsoft ist es geradezu auffällig, wie erfolgreich man einerseits bei Betriebssystemen und der Office-Software ist, während man im Web den Entwicklungen immer nur hinterher läuft. An Yahoo! erstaunt, dass diese Ikone des Web 1.0 es ganz offenkundig nicht geschafft hat, sich im Rahmen des Web 2.0 adäquat neu zu positionieren. Auch die Zukäufe von Flickr oder upcoming vermochten offenbar nicht genügend “spirit” zu vermitteln, so dass Yahoo! heute ein Übernahmekandidat ist.

Aber passt hier wirklich das Bild der Gene?

Mit Amazon und ebay haben wir zwei Unternehmen aus dem Web 1.0, die durchaus Wandlungsfähigkeit gezeigt haben (Amazon wohl etwas mehr als ebay, aber immerhin). Auch Apple scheint mir sehr wandlungsfähig zu sein, ganz zu schweigen von der guten alten IBM. Kann es eigentlich sein, dass die IBM mehr Blogs führt als Microsoft?

Und natürlich darf hier Google nicht vergessen werden. Allen Unkenrufen zum Trotz scheint dieses Unternehmen so etwas wie die Verkörperung der Evolution selbst zu sein. Ich erkenne hier jedenfalls keinen Bruch zwischen Google im Web 1.0 und im Web 2.0 und wie immer auch die nächste Stufe des Web aussehen mag, Google wird irgendwie von Beginn an mit dabei sein.

Wandlungs- und (rasche) Anpassungsfähigkeit sind ohne Zweifel so etwas wie eine Kernkompetenz von Unternehmen in unserer beschleunigten Zeit. Einen Mangel derselben aber den “Genen” zuzuschreiben, halte ich für ein unglücklich gewähltes Bild: Es bleibt diffus und erklärt alles oder nichts. Umair Haque tut diese Kritik sicher keinen Abbruch, schließlich bloggt er seit neuestem auch hier.

Foto: DNA redwoods by DimsumDarren auf Flickr